Drohnen in Sachsen-Anhalt

Drohnen in Sachsen-Anhalt: Die fliegenden Augen

Quedlinburg - In Quedlinburg war’s doch am schönsten. Dort oben, auf dem Schlossberg, wo die Türme der Stiftskirche in den Himmel zeigen, warf Daniel Stier am liebsten den Helikopter-Motor an. Wenn der Ingenieur für jeden Drohnenstart im Land ein Kreuz auf die Landkarte machen würde - es wären sehr, sehr viele Kreuze. „Aber Quedlinburg, das hatte was.“ Also ließ Stier das fliegende Auge aufsteigen - zum Drohnenflug über den ...

Von JAN SCHUMANN

In Quedlinburg war’s doch am schönsten. Dort oben, auf dem Schlossberg, wo die Türme der Stiftskirche in den Himmel zeigen, warf Daniel Stier am liebsten den Helikopter-Motor an. Wenn der Ingenieur für jeden Drohnenstart im Land ein Kreuz auf die Landkarte machen würde - es wären sehr, sehr viele Kreuze. „Aber Quedlinburg, das hatte was.“ Also ließ Stier das fliegende Auge aufsteigen - zum Drohnenflug über den Welterbe-Schlossberg.

Stier, der Steuermann

Vor sechs Jahren gründete er ein Ingenieursbüro, sein Geld verdient er heute mit der Vermessung der Welt: Er arbeitet an archäologischen Ausgrabungsstätten, alten Baudenkmälern und Landschaften, auf denen demnächst Investoren bauen - also dort, wo großflächig, aber präzise gemessen werden soll.

Ohne Drohne - nicht möglich. „Zumindest nicht in der Qualität, die wir heute erreicht haben“, sagt Stier. Denn für die 3D-Karten, die er innerhalb von Tagen anfertigen kann, benötigt er seinen Flugroboter, der auf den Namen „Air-Robot“ hört. Lage- und Höhenpläne fertigt der Ingenieur mit Hilfe der Bildaufnahmen aus dem Quadrocopter - ein Flieger mit vier Rotoren, der auch in windigen Höhen von 80 Metern die Kamera stillhält. Er könnte auch 100 Meter und höher steigen - dies verbietet jedoch das Gesetz. „Der Einsatz der Drohnen ist ein gewaltiger Schritt nach vorn für Geologen und alle Experten, die mit großflächigen Landschaften arbeiten.“ Flugzeuge und Hubschrauber können am Boden bleiben.

Erschwingliche Preise fördert Nutzung

Seit anderthalb Jahren hat der Ingenieur eine Zulassung für seine Flugdrohne - damit ist er einer von rund 200 Unternehmern in Sachsen-Anhalt, die Flugobjekte gewerblich nutzen. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Geräte sind in den vergangenen Jahren erschwinglich geworden und bereits für wenige Hundert Euro zu haben. Und die bürokratischen Hürden für Piloten sind niedrig - abgesehen von der nötigen Versicherung und der Aufstiegserlaubnis des Landes.
Weil immer mehr Unternehmer und Sportflieger das mitbekommen haben, wird im Bundes-Verkehrsministerium an einer Gesetzesnovelle gearbeitet. Denn Ressort-Chef Alexander Dobrindt (CSU) fürchtet, dass der Himmel bald voller Drohnen hängt - und die Flugsicherheit auf lange Sicht gefährdet ist. Unter anderem will der Minister erreichen, dass gewerblich fliegende Drohnenpiloten künftig eine Führerscheinprüfung bestehen müssen - und Kenntnisse im Flugrecht nachweisen.

Seit Stier, der Ingenieur aus Bad Suderode bei Quedlinburg, seine Drohnenzulassung besitzt, gehören Luftbilder für Immobilien-Makler zu seinem Portfolio. Sein bisher prestigeträchtigstes Projekt vermittelte ihm die Tourismus GmbH in Quedlinburg. Die wünschte sich präzise Luftaufnahmen vom Schlossberg - Stier bastelte am Computer aus rund 300 Luftbildern ein maßstabgetreues 3D-Modell des Welterbe-Ensembles. „Für solche großen Projekte ist es von Vorteil, dass man den Flugkurs der Drohnen programmieren kann“, sagt Stier. Bahn für Bahn über die Stiftskirche, alles im Automatikflug.

Der Pizzadienst per Drohne bleibt in Deutschland vorerst eine Zukunftsvision. Denn dem Einsatz von Flugrobotern durch Logistikunternehmen steht derzeit eine zentrale Regelung der deutschen Luftsicherung entgegen: Aufsteigende Flugdrohnen müssen jederzeit im Sichtfeld des Steuermanns bleiben. Schwierig, wenn Paketdienste wie die Post-Tochter DHL kilometerweite Strecken zu Paketkunden überbrücken müssen. Doch es gibt bereits Testflüge: Im Jahr 2014 bekam DHL eine temporäre Sondererlaubnis für Paketflüge auf der Nordseeinsel Juist. Dort ließ das Unternehmen eine Apotheke per Flugroboter versorgen. DHL schätzte die Testflüge, die auch bei Nacht, Nebel und Regen stattfanden, als Erfolg ein.

Die Flüge der Paketkopter fanden bei den Nordsee-Tests nach Angaben des Unternehmens vollautomatisch statt. Strecken von zwölf Kilometern legten die Fluggeräte in durchschnittlich 16 Minuten zurück. Neben DHL betrachten auch andere Logistiker die Flugroboter als Transport-Alternative. Allen voran der Onlinehändler Amazon: Das Unternehmen testete im vergangenen Jahr in den USA erstmals Paketflüge auf einer Höhe von rund 120 Metern - kämpft aber mit ähnlich strengen Flugsicherungs-Regelungen wie DHL in Deutschland. Amazon hatte parallel zu den Testflügen in den USA zuletzt angekündigt, sich künftig unabhängig von Paketliefer-Unternehmen wie Hermes, UPS und DHL zu machen und einen eigenen Zustelldienst aufzubauen.

Entscheidender Pferdefuß der Drohnenpläne sind die Ansichten des Bundesverkehrsministers. Diese steuern auf eine deutliche Verschärfung der Flugregeln zu - zumindest für Privatflüge. Mit Blick auf die gewerbliche Nutzung signalisierte Alexander Dobrindt (CDU) hingegen, er könne sich automatische Drohnenflüge auch außerhalb der Sichtweite des Steuermanns vorstellen - solange die Sicherheit gewährleistet sei.

Das fliegende Auge boomt

Einfache Bedienung, günstige Anschaffung, kaum Flugerfahrung nötig: Das Geschäft mit den fliegenden Augen boomt. In Sachsen-Anhalt gibt es Montage-Firmen, die Drohnen künftig Hauswände hinaufsteigen lassen, um per Kamera Dämmungen und Isolierungen zu überprüfen. Dazu gehört das Köthener Unternehmen Citycom, das mit Elektroanlagen und Telefonbau sein Geld verdient. Hinzu kommen dutzende Profi-Fotografen und Filmteams, die sich beim Landesverwaltungsamt Aufstiegs-Erlaubnisse eingeholten haben.

Und es gibt bereits Firmen, die sich auf die Vermietung der Flugroboter spezialisieren. Die ANG „Punkt & Gut“ Gbr in Magdeburg, die sich als Dienstleister versteht, besitzt eine Schwadron aus etwa einem Dutzend Flugrobotern, die auf Wunsch des Kunden angeliefert werden. „Entweder fliegen wir selbst oder lassen im Optimalfall den Kunden steuern“, sagt Chefentwickler Thomas Steffen. „Die Kunden buchen uns zum Beispiel dann, wenn sie Schäden an ihrem Dach befürchten oder Überblicks-aufnahmen ihrer Häuser oder Immobilien brauchen.“ Der Richtpreis liegt bei etwa 100 Euro in der Stunde, sagt Steffen.

Drohnen als Überwachungskameras

Und die Fantasie in der Firma geht weiter: Schon heute denkt Steffen darüber nach, Drohnen im Bereich des Objektschutzes einzusetzen - statt Überwachungskameras. „Der Vorteil wäre, dass sehr große Areale überwacht werden könnten - und die Drohnen beweglich sind“, sagt Steffen. Theoretisch sei eine Drohnenüberwachung - etwa auf großen Firmengeländen - bereits denkbar, allerdings nur bei gutem Wetter und nur zeitlich begrenzt. „Die Flugzeit und die Wetter-Resistenz sind die technischen Knackpunkte der aktuellen Drohnenmodelle“, sagt Steffen. „Die meisten Modelle fliegen lediglich 20 Minuten. Und bei Sturm und Regen sind sie überhaupt nicht benutzbar.“ In der Magdeburger Firma werde geplant, dass der Objektschutz in den kommenden zwei Jahren per Flugdrohne möglich ist.
Die Vision: Fliegende Augen statt bellender Wachhunde. Minister Dobrindt meint es hingegen ernst mit seiner Verschärfung der Drohnen-Flugregeln. Auch auf ihn richten sich nun viele Augen. (mz)

Auf der nächsten Seite haben wir Drohnenvideos der MZ für Sie zusammengestellt.

Drohnenvideos der MZ: