DDR-Geschichte

DDR-Geschichte: Verdrängtes Erbe der «Blockflöten»

BERLIN/DRESDEN/MZ. - Der frühere Chefarztist erst nach der Wende zur Union gestoßenund kann sich eine kritische Rückschau aufdie frühere DDR-Blockpartei erlauben. Fürseinen sächsischen Kollegen Stanislaw Tillichist dies weitaus ...

Von PETER GÄRTNER 23.11.2008, 18:42

Der frühere Chefarztist erst nach der Wende zur Union gestoßenund kann sich eine kritische Rückschau aufdie frühere DDR-Blockpartei erlauben. Fürseinen sächsischen Kollegen Stanislaw Tillichist dies weitaus schwieriger.

Der Dresdner Regierungschef, der 1987 in dieOst-CDU eingetreten war, schreibt auf seinerInternet-Seite von einer früheren "Tätigkeitin der Kreisverwaltung Kamenz". Wie jetztbekannt wurde, war Tillich ab Mai 1989 stellvertretenderVorsitzender des Rates des Kreises. Er besetztealso damals einen der wenigen Funktionärspostenauf der mittleren staatlichen Ebene, die dieSED den Blockparteien zugestand. Wie der "Spiegel"berichtet, hatte er zuvor einen Lehrgang ander Potsdamer Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft- der DDR-Kaderschmiede für Funktionäre -belegt. Ob der Ministerpräsident tatsächlichdaran teilgenommen habe, so Tillichs Sprecheram Wochenende, könne er derzeit nicht genausagen. Die Erinnerungslücken an einen Lehrgangfern der Lausitz sind erstaunlich. Aber siesind genauso wenig ein Einzelfall, wie dieübliche Begründung für einen Eintritt in dieBlockpartei: "In die Blockpartei CDU bin icheingetreten, damit ich Ruhe vor der SED hatte",so Tillich.

Nun ist es gewiss kein Zufall, dass die Detailsaus Tillichs Biographie eine Woche vor demCDU-Bundesparteitag in Stuttgart bekannt werden.Dort soll auch ein Grundsatzpapier gegen dieVerklärung der DDR beschlossen werden, dasdie Rolle der Ost-CDU und der DemokratischenBauernpartei Deutschlands (DBD) weitgehendausblendet. Ein Großteil ihrer Mitgliederist nach der Wende in die CDU der alten Bundesrepublikgewechselt. Dabei ist das Wirken der Blockparteiendifferenziert zu betrachten. Böhmer etwa berichtetin seinem Buch "Lieber die unbarmherzige Wahrheitals eine barmherzige Lüge" über "viele Probleme",die die CDU im SED-Staat "entschärft" habe.So durfte der Sohn des heutigen MagdeburgerRegierungschefs nach Interventionen von Block-CDU-Funktionärenweiterstudieren, nachdem er wegen "nicht-sozialistischerGrundüberzeugungen" exmatrikuliert wordenwar. Böhmer sei deshalb nach der Wende auch"aus Dankbarkeit" in die CDU eingetreten.

Andere freilich haben "Blockflöten" erlebt,die die Vorgaben der "führenden Partei" übererfülltenund eifrig Auszeichnungen für die eigene Karrieresammelten. Etliche Minister und Abgeordneteder Union in den ostdeutschen Landesregierungenempfinden ihre frühere staatstragende Rolleheute als Makel, der gern blumig umschriebenoder verschwiegen wird.

Thüringens Ministerpräsident Dieter Althausist als früherer stellvertretender Schulleiterim Juni 1989 vom FDJ-Zentralrat für "hervorragendeLeistungen bei der kommunistischen Erziehung"mit dem Thälmann-Orden in Gold ausgezeichnetworden - als einziger Lehrer des Bezirks.Als dies bekannt wurde, wand sich der CDU-Politikerwie ein Aal, bis er dann einräumte, zwar dieBelohnung von 500 DDR-Mark, aber nicht denOrden angenommen zu haben. Althaus war 1985in die im katholischen Eichsfeld stark vertreteneChristenunion eingetreten, über die die SED-Führungin der Region ihre Vorgaben durchsetzte.

Ulrich Junghanns wiederum, seit 2002 Wirtschaftsministerin Brandenburg, hat nie ein Hehl daraus gemacht,dass er noch im Sommer 1989 in einem Artikelfür die DDR-Blockpartei-Zeitung "Bauernecho"den "antifaschistischen Schutzwall" lobte:"Was die Mauer betrifft, so lassen wir unsnicht deren Schutzfunktion ausreden - ganzeinfach, weil wir den Schutz spüren vor alldem, was hinter der Mauer jetzt an braunerPest wuchert." Junghanns war damals BerlinerBezirksvorsitzender der DBD und organisierteals letzter amtierender DDR-Chef der Bauernpartei1990 deren Zusammenschluss mit der CDU. Derungeschönte Blick zurück, sagt Junghanns gern,der als 18-Jähriger in die DDR-Blockparteieingetreten war, sei "vor allem für mich unveränderbarwie heilsam".

Gleichwohl dürfte die CDU-Bundesspitze frohsein, dass die märkische Union nicht mit demEx-DBD-Funktionär in die Landtagswahl kurznach dem 20. Jahrestag des Mauerfalls zieht.Nachfolgerin als CDU-Landeschefin und Spitzenkandidatinist die Kulturministerin Johanna Wanka. DieMathematikerin hatte zu DDR-Zeiten in Merseburgdie Bürgerrechtsbewegung Neues Forum mitgegründet.