Bundesamt für Migration

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Das Bamf stellt ohne Bewerbungsgespräche ein

Berlin - Am 15. August um 12.18 Uhr bekam Katharina S. eine E-Mail aus Nürnberg. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie für eine Einstellung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorgesehen sind“, stand da. Und weiter: „Es ist beabsichtigt, Sie – vorbehaltlich der Vorlage eines Führungszeugnisses ohne Eintrag sowie der Zustimmung aller zu beteiligenden Gremien – zum 29.08.2016 bis 28.02.2017 als Anhörerin beim Bundesamt einzustellen.“ Es handele sich um einen auf sechs Monate befristeten ...

Von Markus Decker 29.08.2016, 13:55
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg
Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Nürnberg dpa

Am 15. August um 12.18 Uhr bekam Katharina S. eine E-Mail aus Nürnberg. „Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie für eine Einstellung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorgesehen sind“, stand da. Und weiter: „Es ist beabsichtigt, Sie – vorbehaltlich der Vorlage eines Führungszeugnisses ohne Eintrag sowie der Zustimmung aller zu beteiligenden Gremien – zum 29.08.2016 bis 28.02.2017 als Anhörerin beim Bundesamt einzustellen.“ Es handele sich um einen auf sechs Monate befristeten Arbeitsvertrag.

Keine persönlichen Gespräche

Eigentlich hätte die 28-jährige Leipzigerin, die seit 2008 in Hamburg lebt, froh sein können. Sie hatte sich ja beworben. Trotzdem kam ihr die Sache komisch vor. Denn der Bewerbung im Juli folgte lediglich ein kurzes Telefonat mit einer vom Bundesamt beauftragten Agentur, in dem nur Formales abgefragt wurde. Ein Bewerbungsgespräch fand nicht statt. Vielmehr kamen die Zusage und die Aufforderung: „Bitte teilen Sie uns bis zum 18.08.2016 per Mail mit, ob Sie die angebotene Stelle annehmen möchten.“ Und wenn ja: „Bitte kommen Sie zur Unterzeichnung Ihres Arbeitsvertrages am 25.08.2016 um 09:00 Uhr an folgende Adresse: Sachsenstr. 12+14 ,20097 Hamburg.“ Schulungszeit: drei Wochen.

Einziger Ausschlussgrund neben einem eintragsfreien Polizeilichen Führungszeugnis: Schulden. Denn: „Aus Gründen der Korruptionsprävention ist der Einsatz auf dem stark korruptionsgefährdeten Arbeitsplatz der Anhörerin oder der Entscheiderin bei Überschuldung nicht möglich.“ Wenn die Bewerberin eine eidesstattliche Versicherung abgegeben habe, sich in einem Verbraucherinsolvenzverfahren befinde oder gegen Sie Pfändungs- und Überweisungsbeschlüsse erwirkt worden seien, solle sie dies anzeigen.

Katharina S. hat sich gewundert. Erstens glaubt sie nicht, dass man der Aufgabe nach drei Wochen Schulung gewachsen sein könne; da seien „Abstriche bei der Qualität“ unausweichlich. Zweitens könne, wenn gar keine eingehende Prüfung der Bewerber stattfinde, niemand gewährleisten, dass nicht auch Ausländerfeinde auf solch sensible Posten gelangten. Tatsächlich ist der Fall der jungen Frau, die einen Bachelor in Soziologie hat, kein Einzelfall.

Wahllose Einstellung?

Der Personalrat des Bundesamtes monierte schon vor Monaten, dass gleichsam wahllos unqualifizierte Leute eingestellt würden. Der Amtsleitung blieb freilich nichts anderes übrig. Nur so ließ sich der Strom von Asyl-Anträgen bewältigen. Doch noch immer sind etwa 500000 Anträge unbearbeitet. Amtschef Frank-Jürgen Weise erklärte erst am Wochenende, wenn 2016 mehr als 300000 neue Flüchtlinge kämen, „kommen wir unter Druck“. Genau damit ist zu rechnen.

Überdies übte die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl zuletzt heftige Kritik am Personalmanagement. Es gebe nahezu keine Qualitätskontrolle, hieß es. Nicht wenige Bewerber, die anders als Katharina S. eine Stelle antreten, werden nach kurzer Zeit wieder entlassen. Das wiederum hat eine Eintragung in die Personalakte zur Konsequenz – und wird so zum Hindernis, wenn sich derselbe Bewerber später auf andere Stellen im Öffentlichen Dienst bewerben möchte. Laut Bayerischem Rundfunk beträgt die Entlassungs-Quote übrigens fünf Prozent. Anscheinend, so zuweilen der Eindruck, fliegen kritische Mitarbeiter schneller.

Pro Asyl stellt jedenfalls fest: Wo früher Mitarbeiter von der Anhörung bis zur Entscheidung komplett zuständig gewesen seien, gebe es jetzt in der Regel eine Spezialisierung. Anhörer führten ausschließlich Anhörungen durch, Entscheider träfen nur Entscheidungen. Entschieden werde also ohne persönliche Begegnung mit dem Antragsteller. Das Bundesamt kontert, die Arbeitsteilung sei effizienter. Und der Verzicht auf Bewerbungsgespräche sei vorübergehend und intern abgesprochen.

Wie auch immer: Der Bewerberin aus Leipzig war das alles zu heikel. Außerdem hatte sie zwischenzeitlich die Nachricht bekommen, an der Uni einen Master machen zu können. Katharina S., der die Sache selbst durchaus am Herzen liegt, will sich jetzt privat in der Flüchtlingshilfe engagieren.