Afghanistan

Afghanistan: Die drei Leben des Georg Klein

BERLIN/MZ. - Für die einen ist Oberst Georg Klein, derzeit Chef des Stabes bei der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig, ein Held, für die anderen ein Kriegsverbrecher. Auch ein Jahr nach dem Luftangriff bei Kundus am 4. September 2009, bei dem nach offiziellen Angaben bis zu 142 Menschen ums Leben gekommen sind, kann sich die Öffentlichkeit kein Bild von diesem Mann machen. Er ist das Phantom des Afghanistan-Krieges. Ein Soldat mit - mindestens - drei ...

Von MARKUS DECKER 03.09.2010, 17:41

Für die einen ist Oberst Georg Klein, derzeit Chef des Stabes bei der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig, ein Held, für die anderen ein Kriegsverbrecher. Auch ein Jahr nach dem Luftangriff bei Kundus am 4. September 2009, bei dem nach offiziellen Angaben bis zu 142 Menschen ums Leben gekommen sind, kann sich die Öffentlichkeit kein Bild von diesem Mann machen. Er ist das Phantom des Afghanistan-Krieges. Ein Soldat mit - mindestens - drei Leben.

"Ein sehr guter Kommandeur"

Das erste Leben beginnt am 26. Juli 1961 in Koblenz, wo Georg Klein geboren wird. 1980 tritt er in die Bundeswehr ein, durchläuft verschiedene "Verwendungen". 1993 absolviert er die Generalstabsausbildung an der Führungsakademie in Hamburg, wird Stabsoffizier im Verteidigungsministerium, dann Kommandeur eines Panzerbataillons in Westerburg.

2006 befördern sie Klein zum Oberst. Vor seiner Versetzung nach Kundus ist er das, was er heute wieder ist: Chef des Stabes der 13. Panzergrenadierdivision. Alle, die ihn in jener Zeit vor dem tragischen Bombardement kennenlernen, sagen das Gleiche: Ein sehr guter Kommandeur.

Die Situation ändert sich: Am 5. April 2009 wird Klein Kommandeur des Provincial Reconstruction Teams in Kundus. Das hat sich von einer ruhigen Gegend immer mehr zu einem Hotspot des Abenteuers am Hindukusch entwickelt. Die deutschen Soldaten sind vornehmlich damit beschäftigt, die eigene Haut zu retten.

Dann kommt der 3. September des vergangenen Jahres und das zweite kurze Leben. "Opposing Military Forces", wie die Aufständischen offiziell genannt werden, bringen 20 Kilometer südlich von Camp Kundus zwei Tanklastzüge in ihre Gewalt. Der Oberst lässt die Sache aufklären. Einerseits ist ein großer Teil seiner Truppe in einem weiter entfernt stattfindenden Gefecht gebunden; andererseits erkennt er die Chance, mit einem Schlag einen großen Teil jener Leute zu erwischen, die seinen Männern seit Monaten nach dem Leben trachten. Die Bilder, die amerikanische Aufklärungsflugzeuge in Kleins Gefechtsstand liefern, sind alles andere als scharf. Er müsste übergeordnete Stellen konsultieren und US-Kampfjets zur Abschreckung über das Areal fliegen lassen. Der 48-Jährige tut das nicht, lässt zwei 500-Pfund-Bomben auf die Menschen fallen.

Beifall für den Befehl

Zwar steht nachher in einem der vielen Untersuchungsberichte über den Einsatz, die Soldaten hätten ihrem Befehlshaber Beifall geklatscht für seine aus ihrer Sicht mutige Entscheidung. Zudem stellt die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen ein, es gibt auch kein Disziplinarverfahren bei der Bundeswehr. Klein wird seinen Einsatz vor den Bundestagsabgeordneten mit einem Mangel an Soldaten und Material rechtfertigen. Das Verteidigungsministerium tut alles, um Klein zu schützen. Es stellt den Ablauf der Ereignisse falsch dar, nämlich zu Kleins Gunsten. Minister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) zeigt sich mit ihm auf einer halb-öffentlichen Kommandeur-Tagung.

Die Kundus-Affäre kostet einen Minister, einen Generalinspekteur und einen Staatssekretär ihre Jobs. Nur: Georg Klein nützt dies in seinem dritten Leben kaum. Als "völlig fertig" und "total verunsichert", abgemagert und gealtert wird er beschrieben. Abgeordnete meinen, man spüre bei Klein "dass er psychologische Hilfe braucht".

Klein schweigt. Er hat offiziell noch mehr als 15 Jahre bei der Bundeswehr vor sich. Nach Afghanistan, glaubt ein Kamerad, werde er nie mehr zurückkehren.