Fall Oury Jalloh

Oury Jalloh: Feuertod in 36 Minuten

Dippoldiswalde - 11 Uhr, 29 Minuten, 55 Sekunden. Mit einem Feuerzeug zünden zwei Feuerwehrmänner die Matratze an. Die Türen werden geschlossen. Nichts kommt mehr in den Raum und nichts mehr heraus. So wie vor elf Jahren, als der 36-jährige Asylbewerber Oury Jalloh bei lebendigem Leibe in der Gewahrsamszelle Nummer Fünf im Dessauer Polizeirevier ...

Von Nicolas Ottersbach 18.08.2016, 18:57

11 Uhr, 29 Minuten, 55 Sekunden. Mit einem Feuerzeug zünden zwei Feuerwehrmänner die Matratze an. Die Türen werden geschlossen. Nichts kommt mehr in den Raum und nichts mehr heraus. So wie vor elf Jahren, als der 36-jährige Asylbewerber Oury Jalloh bei lebendigem Leibe in der Gewahrsamszelle Nummer Fünf im Dessauer Polizeirevier verbrannte.

Zellenbrand nach Tod von Oury Jalloh zum dritten Mal nachgestellt

Auch elf Jahre danach sind die genauen Umstände seines Todes nicht aufgeklärt. Diensthabende Polizisten sind zwar verurteilt, haben Geldstrafen zahlen müssen. Doch sie schweigen. Zudem ist Videomaterial verschwunden, das wichtig sein könnte. Und vor allem ist die zentrale Frage offen: Hat der an Händen und Füßen gefesselte Asylbewerber das Feuer selbst gelegt oder hat jemand Fremdes Hand angelegt? Unklar ist auch, wie das Feuerzeug überhaupt in die Zelle kam und warum das Feuer nicht früher bemerkt wurde. Ein dritter Brandversuch soll darauf Antworten liefern.

„Wir starten bei Null und lassen bewusst bisherige Resultate beiseite. Rekonstruiert werden soll vor allem der zeitliche Ablauf“, sagt Kurt Zollinger. Er ist ein international renommierter Brandexperte und von der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau beauftragt worden, den Versuch zu leiten. Die Justiz ist um Neutralität und Transparenz bemüht. Als Labor wurde das 200 Kilometer entfernte Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde bei Dresden ausgesucht. Zollinger ist Schweizer. Mehr als ein Dutzend Pressevertreter sind dabei. Ebenso wie die Initiative für Jalloh, die Vertuschung seitens der Justiz vermutet und weiter von einem Mord ausgeht.

Zur Initiative gehört auch Mouctar Bah, der beste Freund von Oury Jalloh. Er ist in sich gekehrt. Aber ab und zu bricht es aus ihm heraus. Zum ersten Mal, als es darum geht, den Versuchsaufbau zu begutachten. Bevor es losgeht, darf die nachgebaute Dessauer Zelle inspiziert werden. Die Mitglieder der Initiative heben die Matratze hoch, schauen sich den gefliesten Boden und die Wände genau an. Bewegen die Puppe aus Wolle, Schweinehaut und Fett, die Jallohs Körper darstellen soll. Das Gewebe von Schweinen ist menschlichem ähnlich, weshalb es die präzisesten Ergebnisse liefern soll. „Die Matratze ist viel zu klein, der Körper nicht aus Fleisch“, so die Kritiker. Doch am Aufbau wird nichts mehr geändert.

Dann verlagert sich der Trubel fünf Stockwerke nach unten. Das Institut hat einen Saal eingerichtet, in den der Versuch übertragen wird. Eigene Bildaufnahmen sind verboten. Für die nächsten 36 Minuten sind die Blicke auf vier Kameras gerichtet. Schon nach einer Minute flackern immer größere Flammen. Dunkler Rauch steigt auf. In Minute vier zeigen die Wärmebildkameras Temperaturen von 120 Grad Celsius an - in der Raummitte. Direkt neben Jallohs Körper müssen es nach Expertenschätzungen mindestens 350 Grad gewesen sein. Spätestens jetzt hätte er vor Schmerzen schreien, der Feueralarm heulen müssen. In Minute fünf ist der giftige Rauch so dicht, dass es unmöglich ist, die Zelle ohne Atemschutzgerät zu betreten.

Brandversuch im Fall Oury Jalloh: Puppe ist völlig verkohlt

Nach bisherigen Erkenntnissen öffneten die Polizisten damals in Minute sechs die Zellentür. Das machen jetzt auch die Feuerwehrleute. Schlagartig verzieht sich der Rauch, das Feuer bekommt neuen Sauerstoff und brennt stärker. Von der Hüfte der Puppe breitet es sich zu den Füßen aus. In der folgenden halben Stunde wandern die Flammen auch zur die Kopfseite der Matratze. Bis die Feuerwehr eintrifft, so wie im echten Fall, und den Brand löscht. Es ist 12 Uhr, sechs Minuten und zehn Sekunden. Die Puppe ist völlig verkohlt.

100 Sensoren, 30 für die Temperatur und 70 für die Luftanalyse, haben den Versuch aufgezeichnet. „Was die Messungen bedeuten, wissen wir erst in einigen Wochen“, sagt der Schweizer Brandexperte. Vorher will er sich nicht zu Ergebnissen äußern. Er verrät aber, dass es noch weitere Versuche geben könnte. Ob es dann Antworten gibt? „Für uns ist zunächst der zeitliche Ablauf entscheidend“, sagt Zollinger noch einmal. (mz)