Linda W. über ihre Zeit beim IS

Linda W. aus Pulsintz erzählt beim Weltspiegel über ihre Zeit beim IS

Halle (Saale) - Die in Irak verhaftete Linda W. konnte jetzt erstmals von Reportern des ARD-Magazins „Weltspiegel“ befragt werden. Das Mädchen, das aus Pulsnitz in Sachsen stammt, wurde im Juli dieses Jahres festgenommen und ist seitdem in einem Gefangenenlager in Bagdad ...

Von Mike Händler 15.12.2017, 11:28

Die in Irak verhaftete Linda W. konnte jetzt erstmals von Reportern des ARD-Magazins „Weltspiegel“ befragt werden. Das Mädchen, das aus Pulsnitz in Sachsen stammt, wurde im Juli dieses Jahres festgenommen und ist seitdem in einem Gefangenenlager in Bagdad untergebracht.

Die Journalisten begleiteten die Mutter Kathrin W. und Schwester Miriam W. auf ihrer Reise zu Linda. Es ist das erste Mal seit ihrer Mitgliedschaft beim sogenannten Islamischen Staat (IS) und der anschließenden Gefangennahme, dass die drei sich sehen.

Linda W. konvertiert zum Islam

Das erste Treffen von Mutter und Tochter geschah eher distanziert – eineinhalb Jahre hatten sich beide nicht mehr gesehen. Zur Sprache kam, dass es in der Familie Brüche gab, die möglicherweise zur Radikalisierung des Mädchens beitrugen. Die Eltern hatten sich scheiden lassen. Linda W. wirft ihrer Mutter im Gespräch vor, dass sie nicht genug Zeit für sie gehabt habe. „Ich wollte nur von hier weg", so die heute 17-Jährige. Auch seien die Bilder in den Videos alles so schön gewesen. Mutter Kathrin unter Tränen: „Ich war nicht genug für sie da.“ 

Linda W. konvertierte zum Islam und veränderte zunehmend ihr Verhalten. „Ich bin nicht mehr an sie herangekommen. Selbst im Hochsommer ist sie bei 30 Grad von Kopf bis Fuß in schwarz herumgelaufen“, sagte Kathrin W.

Linda W. schaute sich Propaganda-Videos des IS an, in denen auch Hinrichtungen zu sehen waren. Schließlich reiste Linda W. eigenständig nach Syrien und schloss sich dem IS an. Ihrer Mutter hinterließ sie einen Zettel auf dem stand: „Bin Sonntag gegen um 16 Uhr wieder da. Linda.“

Linda W. heirat Dschihadisten aus Tschetschenien

Sie heiratete einen Dschihadisten aus Tschetschenien und lebte im syrischen Rakka. Angeblich wurde ihr Mann bei einem Bombenangriff getötet. Im Sommer dieses Jahres wurde Linda W. nach Mossul im Irak gebracht und lebte in einem Wohnheim, in dem andere Witwen untergebracht waren. Als sie beim Wasserholen auf irakische Soldaten trifft, stellt sich die 17-jährige. Linda W. und wird festgenommen.

In Gefangenschaft lebt Linda W. mit etwa 1.000 Frauen, die aus Asien und Europa stammen. Sieben deutsche Frauen mit neun deutschen Kindern sind insgesamt im Irak inhaftiert. Die irakische Justiz beschuldigt sie, illegal eingereist zu sein und den IS unterstützt zu haben. Weil Linda W. minderjährig ist, kann sie auf ein mildes Urteil der irakischen Richter hoffen. 

Ermittlungen gegen deutsche Dschihadistin aus Pulsnitz

Auch in Deutschland wird gegen Linda W. ermittelt, ein Haftbefehl liegt derzeit nicht gegen sie vor. Im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich, Belgien und Großbritannien kümmert sich das Auswärtige Amt um inhaftierte ehemalige deutsche IS-Kämpfer und -Anhänger. Manchen droht die Todesstrafe. Deutsche hingegen können auf eine Rückkehr in ihr Heimatland hoffen.

Mehr als hundert deutsche Frauen haben sich dem IS angeschlossen. Teilweise sind sie zurückgekehrt. Wenige wurden verurteilt, die restlichen Frauen leben unbehelligt in Deutschland. Die Generalbundesanwaltschaft will das ändern. Man müsse überlegen, ob schon der bloße Aufenthalt beim IS als Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung unter Strafe gestellt werden solle. Eine Entscheidung über diese Gesetzesverschärfung soll der Bundesgerichtshof fällen.

Linda W. beteuert ihre Unschuld

Terrorexperten warnen vor Frauen, die beim IS waren: „Sie haben vielleicht keinen Menschen umgebracht, aber sie haben IS-Kämpfer unterstützt und die Idee des Kalifats. Sie sind Träger der Ideologie und sollen ihre Kinder in diesem Geiste erziehen und zu Dschihadisten ausbilden“, sagte Claudia Dantschke von der Beratungsstelle Hayat.

Wer ist Linda W.? Ist sie Opfer, Geläuterte oder ein Sicherheitsrisiko? Das Mädchen aus Sachsen beteuert seine Unschuld - und bleibt in Bagdad. Mutter und Schwester reisen nach Pulsnitz ab. Zum Abschied gibt's ein Kuscheltier.  (mz)