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Lebensmittel Lebensmittel: Glykol-Skandal brachte Umdenken in der Weinindustrie

08.07.2005, 07:26
Zwei Bürger bringen im Juli 1985 in Krefeld Flaschen mit gepanschtem Wein zu einem eigens dafür aufgestellten Container. (Foto: dpa)
Zwei Bürger bringen im Juli 1985 in Krefeld Flaschen mit gepanschtem Wein zu einem eigens dafür aufgestellten Container. (Foto: dpa) dpa

Wien/dpa. - Die amtliche Veröffentlichung hat Folgen. Innerhalb wenigerWochen werden in Deutschland und anderen europäischen Ländernpraktisch alle österreichischen Weine aus den Regalen genommen. DerImport von bis zu fünf Millionen Flaschen Wein aus dem Nachbarlandwird über Nacht storniert. Auch in den USA sind ab sofort die Weine«Made in Austria» verpönt. Österreichs Weinexporte stürzen in denKeller. Innerhalb von zwei Jahren werden sie von rund 450 000Hektolitern auf rund 44 000 sinken. Doch dann schwappt der Skandalauch nach Deutschland über. Vor allem der Pfälzer Weinhändler undCDU-Politiker Elmar Pieroth kommt in Verruf, Billigweine gepanschtzu haben.

In der Alpenrepublik löst die Nachricht von den Machenschaften imJuli 1985 Schockwellen aus, obwohl dort schon seit Monaten Gerüchtevon der gefährlichen Panscherei allzu gieriger Winzer die Rundemachen. Bereits im April hatte das chemische Untersuchungsamt derStadt Trier die Nachbarn auf das Vorkommen von Glykol in einigen«Spätlesen» aufmerksam gemacht. Die Behörden ordneten daraufhinsofortige Haussuchungen bei Winzern und Händlern an.

Wenige Tage nach der offiziellen Warnung durch das deutscheMinisterium schlagen die Wiener Behörden zu: Innerhalb wenigerWochen werden ein Dutzend Winzer und Weinhändler festgenommen. SechsWochen nach dem Auffliegen der kriminellen Praktiken verabschiedetdas Parlament in Wien am 29. August eines der schärfsten Weingesetzeder Welt, und bereits Mitte Oktober wird der erste österreichischeWinzer wegen Betrugs zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Auch in Deutschland schlägt der Glykol-Skandal inzwischen immerhöhere Wellen. Tests bringen ans Licht, dass Dutzende Weine mit dersüß schmeckenden Alkoholverbindung versetzt wurden, die Übelkeit,Durchfall und Krämpfe hervorrufen und in hohen Dosen tödlich wirkenkann. 75 Weine kommen auf die Schwarze Liste. Meist sind es «milde»Spätlesen aus dem Billigsegment, in denen Glykol gefunden wird.

Im Mittelpunkt des deutschen Skandals steht der Pfälzer Politikerund Weinhändler Pieroth, damals Wirtschaftssenator in Berlin. DieErklärung der deutschen Großabfüller, da sei wohl noch etwas vonverpanschten österreichischen Weinen in den Abfüllanlagen oder inTanks gewesen, die man mit deutschen Weinen aufgefüllt habe, erweistsich schnell als falsch. Die billigen Austria-Importe sind alsSüßreserve mit den deutschen Weinen gezielt verschnitten worden.Doch erst im April 1996 verurteilte das Landgericht Koblenz sechsehemalige führende Mitarbeiter des Pieroth-Konzerns zu einerGeldbuße von einer Million Mark.

Der Glykol-Skandal hat in Österreich und in Deutschland zunächstkatastrophale Folgen für die Weinindustrie. In beiden Ländern kommtes zum rapiden Absatzrückgang. Selbst Gummibärchen eines bekanntenHerstellers geraten in Verdacht, mit der Chemikalie versetzt wordenzu sein. Glykol wird in Deutschland zum «Wort des Jahres 1985». InÖsterreich komponiert der steirische Barde Volker Schöbitz diespöttische Polka «Zum Wohl Glykol».

Doch am Ende hatte der Skandal in beiden Ländern ein «Happy End».Verschärfte Gesetze und ein deutlich gehobenes Qualitätsbewusstseinbeim Konsumenten haben seither vor allem im kleinen WeinlandÖsterreich zur vollständigen Erneuerung der Weinindustrie geführt.Österreichische Weine nehmen inzwischen weltweit einen Spitzenplatzein, der Export boomt.