Interview mit Hans Küng

Interview mit Hans Küng: «Er hat gewiss Lob verdient...»

Halle (Saale)/MZ. - Professor Küng, hat es Johannes Paul II. verdient, selig gesprochen zuwerden?

Professor Küng, hat es Johannes Paul II. verdient, selig gesprochen zuwerden?

Küng: Er hat gewiss Lob verdient als Mann von Charakter, als Vorkämpfer fürFrieden und Menschenrechte. Aber das war nur die eine Seite. Denn was ernach außen propagierte, stand in völligem Widerspruch zu seinerInnenpolitik: In der Kirche hat er ein autoritäres Lehramt ausgeübt, er hatdie Menschenrechte von Frauen und Theologen unterdrückt. Er ist somit derzwiespältigste Papst des 20. Jahrhunderts und taugt nicht dazu, denGläubigen als Vorbild präsentiert zu werden.

Markante Persönlichkeiten wie Johannes Paul II. werden immer Widerspruchhervorrufen.

Küng: Es geht ja auch nicht darum, fehlerlose Menschen selig zu sprechen. DieMängel sollten nur nicht wesentliche Teile des gesamten Wirkens betreffen.Aber die dunklen Seiten sind im Seligsprechungsprozess ganz und garunberücksichtigt geblieben. Kein Wunder also, dass der Vatikan kritischeZeitzeugen wie mich nicht anhören wollte.

Was hätten Sie auszusagen gehabt?

Küng: Ich war immerhin der erste große Inquisitionsfall dieses Papstes. Er hatmir zu keiner Zeit die Gelegenheit gegeben, meine theologischen Positionenihm persönlich gegenüber zu verteidigen, deretwegen mir vor Weihnachten1979 über Nacht die kirchliche Lehrbefugnis entzogen wurde. Dabei warbekannt, dass Papst Wojtyla kein einziges meiner Bücher gelesen hatte.Verurteilen aber konnte er sie schon. Daran sehen Sie: Dieser Papst warintolerant und unwillig zum Dialog. Auch seine Behandlung derlateinamerikanischen Befreiungstheologen war das Gegenteil, was man voneinem christlichen Vorbild erwarten sollte.

Geht es nicht mindestens so sehr um Kirchenpolitik wie um persönlicheTugendhaftigkeit? Dass Johannes Paul über bestimmte Positionen wie Zölibatoder Frauenpriestertum nicht reden wollte, gilt seinen Anhängern gerade alsPluspunkt.

Küng: Der Pflichtzölibat entstammt einem Missbrauch der päpstlichen Macht imMittelalter. Er wurde erst im 11. Jahrhundert eingeführt und verstößt gegendie altkirchliche Tradition und ? noch schlimmer ? gegen das Evangelium:Jesus hat die Ehelosigkeit empfohlen, aber nicht befohlen. Darum mussdieses Gesetz abgeschafft werden.

Und das Frauenpriestertum?

Küng: Da liegt der Fall ein wenig komplizierter, weil zum Kreis der ?ZwölfApostel? Jesu wohl tatsächlich nur Männer gehörten. Trotzdem haben Frauendas Wirken Jesu von Anfang an begleitet, haben sogar seinen Lebensunterhaltmit bestritten. Er selbst war im Umgang mit Frauen seiner Zeit weit voraus.Sicher ist auch, dass Frauen in der Frühkirche Gemeinden geleitet haben.All das wird von der Amtskirche konsequent verschwiegen. Statt dessen hatJohannes Paul II. erklärt, nach dem Willen Gottes sei die Weihe von Frauenausgeschlossen. Woher der Papst den Willen Gottes kannte, weiß niemand.Trotzdem hat er es als unfehlbare Lehre verkünden lassen.

Was halten Sie generell von Selig- und Heiligsprechungen?

Küng: Ursprünglich bestimmten die Gläubigen durch ihre anhaltende Verehrung, werein Heiliger sei. Franz von Assisi zum Beispiel ist vom Volkheiliggesprochen worden. Vom Jahr 1200 an hat die römische Kurie daraus einpäpstliches Privileg gemacht. Das hat dazu geführt, dass ein guter Brauchvielfach zum Missbrauch geworden ist.

Auch jetzt?

Küng: Was denn sonst? Der Nachfolger spricht den Vorgänger selig ? da geht esdoch in Rom zu wie zu den Zeiten der Cäsaren, die den jeweilsvorangegangenen Kaiser zum Gott erhoben! Die Selig- und Heiligsprechungdient dem Papst als Instrument der Selbstdarstellung. Wie einabsolutistischer Fürst hat Benedikt XVI. das eigene Kirchenrecht gebrochen,um Johannes Paul im Hauruckverfahren selig sprechen zu können: unterUmgehung der vorgeschriebenen Fristen, mit der Anerkennung einer äußerstdubiosen Wunderheilung und mit der Zulassung einer sofortigen öffentlichenkultischen Verehrung, die sonst vor einer Selig- oder Heiligsprechungstrikt verboten ist. Schon bei seinem Amtsantritt 2005 predigte Benedikt,er sehe seinen Vorgänger ?aus dem Himmelsfenster auf die versammeltenGläubigen herunterschauen?. Ich möchte mal wissen, wie derTheologieprofessor Joseph Ratzinger so einen Gedanken verteidigt hätte.

Was hat Papst Benedikt XVI. davon?

Küng: Wäre ich bösartig, würde ich sagen, er spekuliert schon auf die eigeneSeligsprechung. Nein, vermutlich denkt der gegenwärtige Papst, wenn erseinen Vorgänger selig spricht, gerate all das Schlimme in Vergessenheit,was dieser Mann angerichtet hat. Mit der Person soll auch die Politikseliggesprochen werden ? eine Politik, mit der Johannes Paul und seingetreuer Vasalle, Kurienkardinal Joseph Ratzinger, hauptverantwortlich sindfür das gegenwärtige Siechtum der Kirche. Wir haben eine prunkvolle Fassademit viel Pomp and Circumstance. Aber hinter den großen Liturgien in Romgähnt in vielen katholischen Gemeinden die große Leere.

Trotzdem forderten Gläubige bei der Beerdigung Johannes Pauls II. 2005dessen sofortige Heiligsprechung.

Küng: Dieses Santo Subito! war doch von vorn bis hinten gesteuert. Ich habe diespontanen Transparente auf dem Petersplatz gesehen: alle fein säuberlichgedruckt. Das Ganze war eine Inszenierung konservativer bis reaktionärerkatholischer Gruppierungen, die vor allem in Spanien, Italien und Polensehr stark sind.

Sie bestreiten aber nicht, dass Karol Wojtyla zumindest bei seinenLandsleute schon so eine Art Kultstatus genießt?

Küng: Ich gönne den Polen einen neuen Heiligen. Nur sind in Polen Katholizismusund Nationalismus immer eine sehr enge Liaison eingegangen. Das war eineStärke zur Zeit des Kommunismus, ist aber heute eine Schwäche, weil es eineÖffnung für Demokratie, Pluralismus und die Werte der Aufklärung hemmt. AlsNationalheiliger eignet sich Johannes Paul aber auch deshalb nicht, weilihm das polnische Kirchenmodell, das er der ganzen Welt aufzwingen wollte,sogar in der eigenen Heimat in den Händen zerbrochen ist. Moderne undSäkularisierung haben auch um Polen keinen Bogen gemacht. Zum Glück.

Sie sprechen in Ihrem neuen Buch von einem Verrat am ZweitenVatikanischen Konzil? durch Johannes Paul II. Was meinen Sie damit?

Küng: Ich nenne Ihnen fünf Programmworte des Konzils, und Sie sehen sofort denWiderspruch: Das Aggiornamento (Erneuerung) trifft bei Johannes Paul aufrigorose Moralenzykliken und einen traditionalistischen Weltkatechismus.Der vom Konzil propagierten Kollegialität der Bischöfe begegnet JohannesPaul mit einem nie dagewesenen römischen Zentralismus. Der Apertura(Öffnung) zur modernen Welt setzt Johannes Paul die Verteufelung einerAnpassung an den Zeitgeist und eine traditionelle Marienfrömmigkeitentgegen. Statt auf Dialog setzt er auf Gängelung der Rede- undGewissensfreiheit, etwa in der akademischen Theologie. Und die Ökumenedrängt Johannes Paul II. durch römisch-katholische Vorrang-Fantasienzurück. Im Vergleich zu den sieben fetten Jahren der katholischen Kirche,deckungsgleich mit dem Pontifikat Johannes? XXIII. und dem ZweitenVatikanischen Konzil (1958-1965), nahmen sich die viermal sieben Jahre desWojtyla-Pontifikats in der Substanz eher mager aus. Übrigens auch gemessenan Johannes Pauls eigenen Zielen.

Inwiefern?

Küng: Was hat er denn erreicht? Dass Katholikinnen nicht die Pille nehmen? Dassder Zölibat der Priester allseits akzeptiert ist? Dass die Rufe nachKirchenreformen verstummt sind? Nichts davon! Nach einer jüngsten Umfragewünschen sich 80 Prozent der deutschen Katholiken Reformen in ihrer Kircheund vor allem die Abschaffung des mittelalterlichen Zölibatsgesetzes.

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche wäre fast zumStolperstein für die Seligsprechung geworden. Warum eigentlich?

Küng: Selbst im Vatikan gab es Zweifel, ob die jahrzehntelange Anhänglichkeit desPapstes an den mexikanischen Priester und Gründer der Legionäre Christi,Marcial Maciel Degollado, eine Seligsprechung nicht komplett unmöglichmachen würde. Der Mann war nicht nur ein notorischer Kinderschänder,sondern führte ein komplettes Doppelleben mit zwei reichen Geliebten. DieseFrauen trugen maßgeblich zur Finanzierung der päpstlichen Jubelreisen nachMexiko bei. Bis ans Ende seines Lebens hielt Johannes Paul schützend dieHand über Maciel. Wie er überhaupt bei der Aufarbeitung des sexuellenMissbrauchs in der Kirche komplett versagt hat. Das ganze Ausmaß dieserscheußlichen Verbrechen wurde von ihm gemeinsam mit Kardinal Ratzinger alsPräfekt der Glaubenskongregation systematisch vertuscht.

Wen würden Sie gerne heilig sprechen?

Küng: Ich würde erst einmal das ganze Verfahren überprüfen. Das Kriterium einerWunderheilung hält naturwissenschaftlichen Maßstäben in keiner Weise stand.Die Auswahl der Kandidaten dürfte nicht nur den Machtinteressen der Kuriegehorchen. Am liebsten wäre mir die ?Heiligsprechung von unten? durch dasVolk. Der äußerst volkstümliche Papst Johannes XXIII. zum Beispiel hättekeine Seligsprechung durch Rom gebraucht. Sie war für die römische Kurienichts weiter als ein Feigenblatt für die gleichzeitige zweifelhafteSeligsprechung des antidemokratischen und antijüdischenUnfehlbarkeitspapstes Pius IX. (1846 bis 1878). Faktisch ist JohannesXXIII. im Vatikan geradezu verhasst, weil er die Fenster der Kircheaufgestoßen hat, die man jetzt mit aller Gewalt wieder schließen will.Ähnliches gilt für Oscar Romero, den Erzbischof von San Salvador, der wegenseines Einsatzes für die Armen 1980 am Altar erschossen wurde. Vom Vatikanstets missachtet, hat es Romero nie auf die offizielle römische Liste derSeligen und Heiligen geschafft. Dafür steht er ? wie viele andere ? auf derheimlichen Liste wahrer Vorbilder im Glauben.

Die ausführliche Diagnose einer "chronisch kranken Kirche" samt Therapiestellt Hans Küng in seinem neuesten Buch vor:
Ist die Kirche noch zu retten?, Piper Verlag, München, 263 Seiten, 18,95Euro.