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Erdgas Erdgas: Ostsee-Pipeline wird geflutet

Von Andreas Rinke 07.11.2011, 11:57

MOSKAU/DPA. - Pro Jahr werdendann durch die ersten Röhre 27,5 Milliarden Kubikmeter Gas proJahr nach Deutschland und weiter in mehrere europäische Länderfließen. Ein zweiter Strang, der Ende 2012 in Betrieb gehensoll, verdoppelt diese Kapazität. Das Gas stammt aus dem FeldJuschno-Ruskoje in Nordwestsibirien.

Sowohl der frühere Bundeskanzler und jetzigeNord-Stream-Aufsichtsratschef Gerhard Schröder als auch derrussische Botschafter in Berlin, Wladimir Grinin, feiern dasProjekt bereits jetzt als "Meilenstein". Doch so positiv derzeitdie Kommentare sind, so umstritten war das Projekt zu Beginn.Vor allem die osteuropäischen Staaten Polen und die Ukrainesahen in der Ostsee-Pipeline eine bewusste Umgehung derbisherigen Lieferrouten durch ihre Länder und fürchteten denVerlust an Transitgebühren sowie die Gefahr, von derGasversorgung ganz abgeschnitten zu werden. In Schweden,Finnland und den baltischen Staaten gab es zunächst Sicherheits-und Umweltbedenken.

Aber zwei Punkte machen deutlich, wie sehr sich dieWahrnehmung des 7,3 Milliarden teuren Projekts gewandelt hat.Zum einen wollen bei der Einweihungszeremonie auch FrankreichsMinisterpräsident Francois Fillon und sein niederländischerKollege Mark Rutte teilnehmen, weil Nord Stream sich längst zumeuropäischen Projekt gewandelt hat. Denn die Firmen Gasunie undGDF Suez sind mittlerweile zusammen mit den beiden deutschenKonzernen EON Ruhrgas und der BASF-Tochter Wintershall an demJoint Venture mit dem russischen Gaskonzern Gazprom beteiligt.

Zum anderen wird auch EU-Energiekommissar Günther Oettingeranwesend sein, weil die EU das Projekt 2006 offiziell zu ihrentranseuropäischen Netzen hinzugefügt hatte. Spannungsfrei sind die Beziehungen aber gerade zwischen derEU und Russlands größten Energieversorger nicht. DerEU-Kommission sind nicht nur die bei Pipeline-Projekten üblichenlangfristigen Lieferverträge ein Dorn im Auge. Sie ließ EndeSeptember auch in mehreren mittel- und osteuropäischen LändernRazzien bei Erdgasfirmen, darunter auch Gazprom-Töchtern,durchführen. Hintergrund war der Verdacht von Preisabsprachenund Kartellrechtsverstößen.

Diese Probleme gibt es bei der 1224 Kilometer langeNord-Stream-Pipeline, aus der 26 Millionen EU-Haushalte mit Gasversorgt werden sollen, nicht. Das Projekt ist dabei nicht nurein finanzieller, sondern auch ein technologischer Kraftaktgewesen. Anders als andere Gaspipelines kommt sie ohneKompressorenstationen auf dieser Distanz aus. Denn der Verlaufunter Wasser ermöglicht, dass das Gas auf russischer Seite mitso hohem Druck in die Pipeline gepumpt werden kann, dass diesfür den rund drei Tage dauernden Transport des Gases nach Lubminausreicht. Dort wird das Gas über ein eigenes gebautesAnschlussstück (Opal-Pipeline) an das bestehende Gasnetz nachWesten angeschlossen. Die Lieferungen gehen von dort bis nachBelgien und Großbritannien.

Umstritten ist unter Experten, ob es Bedarf noch für einedritte und vierte Röhre gibt, über die in Russland bereitsnachgedacht wird. Einerseits heißt es, dass bis zum Jahr 2030 inder EU rund 200 Milliarden Kubikmeter Gas fehlen werden.Nord-Stream-Aufsichtsratschef Schröder wies zudem darauf hin,dass angesichts des beschlossenen schnelleren Ausstiegs aus derAtomenergie in Deutschland der Bedarf an Gas alsÜbergangs-Energieträger eher steigen werde. Andere verweisen aufniedrige Preise an den Spotmärkten, die auf ein Überangebotzumindest von Flüssiggas in Europa hinwiesen.

Nord Stream ist aber nur ein Teil der Debatte, wie Europakünftig mit Gas versorgt werden soll. Seit Jahren gibt esÜberlegungen, wie die marode Pipeline durch die Ukrainemodernisiert werden kann. Angesichts der wiederkehrendenukrainisch-russischen Streitigkeiten über Transportgebühren undeine Preisermäßigung für Gas gibt es zudem Überlegungen fürweitere Pipelines im Süden Europas. Konzerne wie BASF und dieitalienische ENI haben Gazprom bereits Zusagen gemacht, sich aneiner geplanten South-Stream-Pipeline zu beteiligen.

Ein Konsortium um den deutschen Energiekonzern RWE plantdagegen das Nabucco-Projekt, das über eine alternative Routeüber die Türkei Gas aus Zentralasien, Aserbaidschan und einesTages auch Iran nach Europa leiten soll. Auch dieses Projektwird von der EU unterstützt, weil es eine zu einseitigeAbhängigkeit von Russland mindern helfen soll. Schrödererneuerte im Reuters-Interview jetzt allerdings Zweifel an demProjekt, weil es dafür - anders als bei South Stream - nochkeine gesicherten Gas-Quellen gebe.