Noch 4 Tage bis zur Bundestagswahl

Warum im neuen Bundestag über 1000 Abgeordnete sitzen könnten

Normalerweise sollten 598 Abgeordnete im Bundestag sitzen. Derzeit sind es aber bereits 709 – und nach der Wahl könnten es bis zu 1000 sein. Grund dafür ist das teils komplizierte Wahlrecht.

22.09.2021, 06:00 • Aktualisiert: 22.09.2021, 10:03
Stimmzettel zur Bundestagswahl und Kugelschreiber Stimmzettel zur Bundestagswahl. Foto:
Stimmzettel zur Bundestagswahl und Kugelschreiber Stimmzettel zur Bundestagswahl. Foto: www.imago-images.de

Halle (Saale)/Magdeburg/DUR/slo -  598 – so viele Plätze hat der Deutsche Bundestag im Idealfall. Doch tatsächlich gibt es aktuell schon 709 Abgeordnete – und nach der Bundestagswahl droht ein noch viel größeres Parlament. Je nach Wahlausgang könnte es künftig bis zu 1000 Abgeordnete geben. Deutschland hätte damit nach China das zweitgrößte Parlament der Welt.

Schuld daran ist das System der Direktmandate. Jeder Bürger hat bei der Bundestagswahl zwei Stimmen. Mit der ersten Stimme wird ein Direktkandidat gewählt. Das soll sichern, dass jede Region Deutschlands sicher im Bundestag vertreten ist. Mit der Zweitstimme wird hingegen eine Partei gewählt. Die Zweitstimme entscheidet also darüber, wie viele Prozent der Stimmen eine Partei am Ende hat und wie viele Abgeordnete sie entsenden kann.

Knappe Wahlergebnisse lassen zahleiche Überhangmandate entstehen

Problematisch wird das, wenn viele Bürger Erst- und Zweitstimme unterschiedlichen Parteien geben. Gewinnt Partei A beispielsweise in Sachsen-Anhalt alle 9 Wahlkreise, dürfte sie die Hälfte der vorgesehenen 18 Abgeordneten nach Berlin schicken. Holt Partei A aber gleichzeitig nur 33% der Zweitstimmen, entstehen sogenannte Überhangmandate. Denn sie darf auf jeden Fall alle 9 siegreichen Direktkandidaten in den Bundestag entsenden, auch wenn ihr eigentlich nach dem Zweitstimmenergebnis nur sechs Plätze zustehen würden.

Da dies das Ergebnis natürlich verfälschen würde, stehen allen anderen Parteien sogenannte Ausgleichsmandate zu. Sie dürfen also ebenfalls mehr Abgeordnete entsenden, so dass das Stimmenverhältnis der Zweitstimme wieder hergestellt ist.

Bei der Bundestagswahl 2017 führte dieses System zu bereits 111 zusätzlichen Mandaten. Und da sich die Stimmenanteile immer weiter angleichen, könnte der Effekt immer größer werden, wenn es eine Partei gibt, die viele Wahlkreise knapp gewinnt.

Überhangandate müssen ausgeglichen werden - so wird der Bundestag größer

In den vergangenen vier Jahren gab es zahlreiche Diskussionen, wie man das Wahlsystem verändern müsste. Die Opposition fordert, die Zahl der Wahlkreise und damit der Direktmandate zu verkleinern. Vor allem die CDU wehrt sich dagegen und befürchtet, dass Wahlkreise dadurch so groß werden könnten, dass kein Politiker mehr sie allein vernünftig vertreten könnte.

Zur Bundestagswahl 2021 wurde daher nur eine Mini-Reform beschlossen, wonach nicht mehr alle Überhangmandate ausgeglichen werden und Mandate auch zwischen Bundesländern verrechnet werden können. Experten gehen allerdings nicht davon aus, dass diese Änderung das Wachsen des Bundestages wirksam begrenzt.