Übernachtungen

Übernachtungen: Airbnb begrenzt Vermietungsdauer

Berlin/Paris/Madrid/New York - Die sympathische Idee, Wohnraum zu teilen, Reisenden ein Zuhause zu bieten, sie zu bekochen, ihre Geschichten zu erfahren und sie mit Ausflugstipps zu versorgen, sie tritt immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen: Wachstum, Investoren, Börse. Und Gegner, jede Menge Gegner. Je näher Airbnb dem angestrebten Börsengang kommt, desto größer werden die Widerstände.

31.03.2017, 07:56
Städte weltweit wehren sich gegen Angebote wie die von Airbnb.
Städte weltweit wehren sich gegen Angebote wie die von Airbnb. dpa-Zentralbild

Eine Luftmatratze für die Nacht und ein Frühstück für den Start in den Tag – darum ging es bei Airbnb mal. Airbed (Luftmatratze) and Breakfast (Frühstück) eben. Inzwischen sind die Luftmatratzen zu Boxspringbetten geworden, die Abstellkammern zu großzügigen Altstadtwohnungen, Airbnb von einem Start-up zu einem Multimilliarden-Konzern. Und Gründer Brian Chesky, 35, der einst Luftmatratzen und Frühstück in seiner Wohnung anbot, um seine Miete irgendwie bezahlen zu können, ist heute einer der reichsten Menschen der Welt.

Widerstände werden größer

Die Unschuld, allerdings, die hat Airbnb verloren. Die sympathische Idee, Wohnraum zu teilen, Reisenden ein Zuhause zu bieten, sie zu bekochen, ihre Geschichten zu erfahren und sie mit Ausflugstipps zu versorgen, sie tritt immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen: Wachstum, Investoren, Börse. Und Gegner, jede Menge Gegner. Je näher Airbnb dem angestrebten Börsengang kommt, desto größer werden die Widerstände.

So zum Beispiel in Barcelona. Dort hatte Teresa, 35, eines Tages die Nase voll. „Wir bekommen keine Ruhe, und dieser Typ scheffelt Geld, ohne auch nur einen Euro Steuern zu zahlen“, sagte sich die Katalanin, und zeigte ihren Nachbarn kurzerhand an. Dieser hatte seine Wohnung im bezaubernden Stadtteil Sarrià illegal an Touristen vermietet. Seit der Klage herrscht Ruhe. Teresa sieht sich dabei von der Stadtverwaltung unterstützt. Die hat die Schließung Hunderter illegaler Touristenapartments verfügt.

600.000 Euro Strafe

In der katalanischen Metropole liefern sich Airbnb und die Behörden ein besonders hartes Gefecht. Die Regionalregierung verhängte eine Buße gegen das Portal, weil es keine touristische Lizenz besitzt. Airbnb klagte und gewann. Rechtliche Grauzone, so das Urteil. Es sei unklar, ob Airbnb als Vermittler zwischen Anbietern und Nachfragern von Privatunterkünften selbst als Tourismusunternehmen zu betrachten sei. Doch der Streit ging weiter. Im November belegte die Stadtverwaltung Airbnb mit einem Bußgeld, diesmal über 600.000 Euro, weil das Unternehmen nicht ausreichend prüfe, ob sich unter den angebotenen Unterkünften illegale Touristenapartments befinden.

Barcelona, London, Rom, Berlin, Paris, Amsterdam, New York, San Francisco – kaum eine Stadt, die nicht daran arbeitet, Airbnb in die Schranken zu weisen. Es geht um Wohnraum, um Steuern und um Lebensqualität. In Paris werden Privatvermieter nun besser kontrolliert. In der Stadt der Liebe sind mehr als 40 000 Unterkunftsadressen gelistet. Kurz vor Weihnachten wurde ein Gesetz verabschiedet. Privatvermietende Wohnungsbesitzer müssen nun ihre Einnahmen dem Fiskus deklarieren. Wer im Jahr mehr als 23 000 Euro einnimmt, muss darauf Sozialabgaben zahlen. Vermieten dürfen Privatanbieter nur noch maximal 120 Tage im Jahr. Sonst sind sie Gewerbler. Ein harter Schlag für Airbnb. Mehr als die Hälfte der heutigen Pariser Privatvermieter bieten ihre Wohnung das ganze Jahr über an.

Und dann wäre da New York, die wichtigste Stadt im Heimatmarkt des US-Unternehmens. Mehr als 50.000 Einheiten wurden im Jahr 2015 im Stadtgebiet über die Airbnb-Seite vermietet. Das ist der Politik schon lange ein Dorn im Auge. Doch alle Gegenmaßnahmen scheiterten. Im vergangenen Jahr brachte Gouverneur Andrew Cuomo deshalb ein Gesetz auf den Weg, das bereits das Inserieren verbietet – dagegen geht Airbnb gerichtlich vor.

Erst Fragen klären, dann an die Börse

Doch Brian Chesky scheint auch verstanden zu haben, dass es so nicht weitergehen kann. Der ehemalige Industriedesigner will sein Unternehmen an die Börse bringen. Es hat inzwischen gewaltige Dimensionen angenommen. Alleine über Silvester übernachteten fast zwei Millionen Touristen in Airbnb-Wohnungen. Die Investoren, die das kalifornische Start-up mit bisher drei Milliarden Dollar groß gemacht haben, warten auf ihren Zahltag. Das klarste Zeichen dafür: Zuletzt gingen Investoren an Bord, die üblicherweise erst in der Phase kurz vor dem Börsengang einsteigen, darunter ein Fonds der Google-Mutter Alphabet.

Das Unternehmen versucht, sich nicht in die Karten schauen zu lassen. Chesky bestätigte zwar, dass man sich auf einen Börsengang vorbereitet, doch er vermied dabei jede zeitliche Festlegung. Stattdessen verbreitet das Umfeld des Unternehmens, dass der Gang aufs Parkett 2017 wohl noch nicht kommen werde. Klar ist: Gerne möchte man vor der Erstnotiz die regulatorischen Fragen geklärt haben.

Denn Investoren mögen keine Unsicherheit. Sie wollen wissen, woran sie sind. Schließlich geht es um viel. Airbnb könnte der größte Börsengang seit langem werden. Auf 30 Milliarden US-Dollar taxierten die Investoren den Wert des Unternehmens zuletzt. Die Hilton Gruppe, der größte Hotelkonzern der Welt, kommt auf einen Börsenwert von rund 19 Milliarden US-Dollar.

Doch alle Börsianer erinnern sich auch noch an das Desaster des Facebook-Börsengangs 2012. Der Aktienkurs des sozialen Netzwerks sackte in den Monaten nach der Erstnotiz von anfangs 42,05 Dollar auf unter 18 Dollar ab. So etwas will Chesky unbedingt verhindern. Deswegen muss das politische Risiko jetzt beseitigt werden. Schließlich hat sich die Erwartung nicht erfüllt, dass die Politik im Streit mit Airbnb irgendwann klein beigeben würde.

In London, Amsterdam und New Orleans hat das Unternehmen in den vergangenen Monaten erhebliche Zugeständnisse gemacht, die wegweisend sein könnten. Airbnb stimmte zu, die Vermietungszeit in der britischen Hauptstadt auf 90 Tage zu begrenzen, in Amsterdam sogar auf 60 Tage. Nach dieser Zeit sollen Angebote von Vermietern, die keine Gewerbelizenz haben, automatisch aussortiert werden.

Für die meisten Anbieter hat diese Regelung nach Airbnb-Angaben keine Auswirkung, da der typische Gastgeber in London seine Wohnung knapp 50 Tage im Jahr vermiete, in Amsterdam 28. Gleichwohl wird das Unternehmen durch die neuen Regeln Umsatz verlieren. Mehrere Hundert Millionen Euro könnten es allein in London sein, der weltweit drittwichtigsten Airbnb-Destination.

„Der Schachzug ist Teil eines Versuchs von Airbnb, in zahlreichen Städten mit der Verwaltung zusammenzuarbeiten – ein Taktikwechsel des Unternehmens, das Regulierungsversuche zuvor ignoriert oder bekämpft hat“, so Jasmine Enberg vom Marktforscher E-Marketer. „Es ist denkbar, dass Airbnb Amsterdam und London als Modelle für andere europäische Städte sieht.“  (mit Material von Martin Dahms, Stefan Brändle und Sebastian Moll)