Olympia

Schwimmer Wellbrock: „Fühle mich wohl mit Favoritenrolle“

Schwimmer Florian Wellbrock tritt bei den Olympischen Spielen gleich in mehreren Rennen als Medaillenkandidat an. Der gebürtige Bremer schwimmt in Tokio sowohl im Becken als auch im Freiwasser.

Von Interview: Thomas Eßer und Christian Kunz, dpa
Auf Schwimmer Florian Wellbrock ruhen bei den Olympischen Spielen große Hoffnungen.
Auf Schwimmer Florian Wellbrock ruhen bei den Olympischen Spielen große Hoffnungen. Andreas Gora/dpa

Tokio - Auf Florian Wellbrock ruhen bei den Olympischen Spielen große Hoffnungen. Der 23-Jährige kann eine lange Durststrecke der deutschen Beckenschwimmer beenden. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht Wellbrock über seine persönliche Entwicklung, seine Ziele und einen Störfaktor.

Herr Wellbrock, während der Corona-Pandemie hat es im Vorjahr Zuwachs durch Ihren Hund Kojak gegeben. Wer kümmert sich eigentlich um ihn, wenn Sie und Ihre Verlobte Sarah Köhler in Tokio sind?

Florian Wellbrock: Wir haben ihn zu meinen Eltern nach Bremen gebracht und da bleibt er auch für die gesamte Olympia-Zeit. Ich habe ihn schweren Herzens vor einigen Wochen vor unserem Trainingslager abgegeben.

Bei der vergangenen WM waren Ihre Eltern zur Unterstützung in Südkorea dabei. Bei Olympia können sie wegen der Corona-Pandemie nun nicht mit nach Japan fliegen. Wie schlimm ist das für Sie und Ihre Eltern?

Wellbrock: Wie schlimm das für meine Eltern ist, kann ich schwer einschätzen. Ich weiß, dass sie sich beide Urlaub genommen haben, damit sie nachts vor dem Fernseher sitzen und die Schwimm-Wettkämpfe gucken können. Für mich macht es gar nicht so einen großen Unterschied, ob sie in der Halle oder zu Hause vor dem Fernseher sitzen. Ich weiß, dass sie mir die Daumen drücken und dass der Rückhalt gegeben ist. Ich hätte beiden die Reise gegönnt und es wäre schön gewesen, aber so ist es die vernünftigere Entscheidung.

Wegen der Corona-Situation hat die Olympia-Reise diesmal besonders viel Organisation erfordert. Inwiefern hat Sie der Aufwand genervt - beispielsweise durch Corona-Tests und das Ausfüllen von Formularen?

Wellbrock: Es war schon ein kleiner Störfaktor. Zum Trainingsaufwand und der normalen Organisation kam nochmal ein ganzer Stapel Papierkram dazu. Ich sehe das aber schon als sinnvoll an und habe es deshalb auch ein Stück weit gerne gemacht.

Machen Sie sich Sorgen, was die Corona-Situation angeht?

Wellbrock: Sorgen ist vielleicht übertrieben, aber ich bin im Umgang mit fremden Menschen einfach sehr vorsichtig. Gerade am Flughafen oder im Flugzeug kann man fremden Menschen nicht so gut aus dem Weg gehen, deshalb hat man stellenweise schonmal ein ungutes Gefühl. Dadurch dass sehr viele Sportler und Betreuer, die nach Tokio reisen, geimpft sind, glaube ich aber, dass schon auch ein bisschen Sicherheit gegeben ist. Und ich bin selbst auch vollständig geimpft.

In Tokio müssen Sie mit einer Zeitverschiebung von sieben Stunden zurechtkommen. Glauben Sie, dass das zu Problemen führt.

Wellbrock: Das sollte alles passen. Wir sind etwa zwei Wochen vor meinem ersten Wettkampf nach Japan gereist. Man sagt, dass man für eine Stunde Zeitverschiebung etwa 24 Stunden braucht, um sich anzupassen. Das ist also alles gegeben, von daher ist das gar kein Problem.

Wie würden Sie Ihre Ziele umreißen für Olympia?

Wellbrock: Ich weiß, dass ich auf den 1500 Metern und auch auf den zehn Kilometern als Favorit ins Rennen gehe. Ich fühle mich wohl mit der Favoritenrolle und es ist natürlich mein Ziel, möglichst weit vorne anzukommen. Ich will zufrieden aus den Rennen rausgehen und wissen, dass alles geklappt hat und alles so war, wie ich mir das vorgestellt habe. Ich möchte Topleistungen zeigen und mit der einen oder anderen Medaille nach Hause kommen.

Sie waren 2016 auch schon bei den Olympischen Spielen dabei, damals hat Sie die Größe von Olympia ein Stück überwältigt. Was hat sich seitdem in Ihrer Einstellung und Ihrer Persönlichkeit geändert?

Wellbrock: Ich würde behaupten, dass ich selbstbewusster und ehrgeiziger geworden bin.

Inwieweit kann Ihnen die Erfahrung von damals helfen?

Wellbrock: Die Erfahrung hilft enorm. 2016 war es mein erster großer Wettkampf im Becken. Ich hatte vorher nur die WM 2015 im Freiwasser und da läuft alles etwas ruhiger und unspektakulärer ab als beim Beckenschwimmen. Ich kannte sowas also gar nicht. Das hat mich in Rio einfach überrumpelt. Jetzt kenne ich das und habe gezeigt, dass ich auf großer Bühne bestehen kann. Ich weiß, dass ich das zu meinem Vorteil nutzen kann.

Sie starten in Tokio im Becken und im Freiwasser. Wie groß ist die Anspannung vor diesem Spagat?

Wellbrock: Speziell was diese Herausforderung angeht, verspüre ich keine besondere Anspannung. Ich freue mich, dass es immer mehr zum Trend wird, dass die Langstreckenschwimmer aus dem Becken auch immer mehr die zehn Kilometer in Angriff nehmen. Dadurch kommt noch etwas mehr Qualität ins Freiwasserschwimmen.

Wie sehen Sie die Konkurrenzsituation?

Wellbrock: Die Konkurrenz ist groß. Es sind viele starke Konkurrenten da. Ich denke, dass über 1500 Meter die Chancen für mich am besten stehen. Das ist kontrollierbarer als das Freiwasserschwimmen.

Bei der WM 2019 sind sie völlig überraschend im Rennen über 800 Meter bereits im Vorlauf ausgeschieden. Wie sicher sind Sie sich, dass Ihnen das nicht noch einmal passiert?

Wellbrock: Da kann man sich nie wirklich sicher sein. Die Form war 2019 sehr gut, ich habe trotzdem einfach einen schlechten Tag erwischt. Das kann jedem mal passieren. Da sind wir nicht vor gewappnet. Wir sind zum Glück keine Maschinen, sondern auch nur Menschen. Jetzt muss man schauen, dass in der kompletten Wettkampfzeit wirklich nichts schief geht und das jeder Tag ein guter Tag wird.

Wie wichtig wäre es nach zwei medaillenlosen Spielen, dass irgendein Deutscher oder irgendeine Deutsche wieder eine Medaille im Becken holen würde?

Wellbrock: Das wäre sehr wichtig. Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Durststrecke jetzt enden kann. Wir haben ganz gut gearbeitet im Verband und sind da meiner Meinung nach jetzt besser aufgestellt als vor ein paar Jahren. Deswegen wird das Ganze jetzt auch wieder erfolgreicher werden.

Sie trainieren in Magdeburg in einer starken Trainingsgruppe, in der auch viele noch jüngere und unerfahrenere Schwimmer dabei sind. Sind diese in den vergangenen Wochen auf Sie zugekommen und haben nach Tipps vor Olympia gefragt?

Wellbrock: Ja, das kam jetzt im Trainingslager schon vor. Einige haben gefragt, wie das bei Olympia so abläuft, was ich gegen die Nervosität mache und wie ich mich vorbereite. Da ist die Neugier schon groß.

Sie haben mal erzählt, dass Sie sich bestimmte große Rennen immer mal wieder im Video nochmal anschauen. Gibt es da im Moment ein bestimmtes Rennen, was Sie sich zur Motivation nochmal anschauen?

Wellbrock: Das mache ich regelmäßig. Momentan sind die 200-Meter-Kraul von Michael Phelps aus Peking mein Lieblingsrennen. Er ist da reingesprungen, war von Anfang an vorne und ist das Ding dominant zu Ende geschwommen. Das beeindruckt mich sehr und gibt mir zusätzliche Kraft für den Alltag und fürs Training.

Sie haben Sie jetzt sehr lange auf Olympia vorbereitet. Freuen Sie sich schon auf die Zeit danach, wenn wieder etwas Ruhe einkehrt?

Wellbrock: Ja, definitiv. Ich bin jetzt mit meinen Gedanken natürlich noch nicht im Urlaubsmodus, aber die Planung steht schon. Wir werden nach den Spielen noch zwei Wochen trainieren und dann geht es in den wohlverdienten Urlaub.

ZUR PERSON: Florian Wellbrock wurde am 19. August 1997 in Bremen geboren. Der Weltmeister über 1500 Meter im Becken und 10 Kilometer im Freiwasser lebt in Magdeburg und trainiert dort bei Bundestrainer Bernd Berkhahn. Er hat bei den Olympischen Spielen die besten Chancen, die medaillenlose Zeit der deutschen Beckenschwimmer zu beenden.