Rudern

Rudern: Hallenserin Julia Lier holt bei Olympia goldene Medaille für Sachsen-Anhalt

Rio de Janeiro/Halle (Saale) - Bei den Olympischen Spielen in Rio holte Julia Lier aus Halle mit dem Doppelvierer im Rudern eine Goldmedaille für Sachsern-Anhalt.

Von Petra Szag

Annekatrin Thiele war es erstmal egal. Die Ruderin aus Leipzig pfiff auf die schlechte Wasserqualität und hüpfte völlig losgelöst in die Lagoa Rodrigo de Freitas. Zu so einer Spontanität ließ sich ihre Bootskollegin Julia Lier nicht hinreißen. Während ihr Puls noch immer wie verrückt raste, lächelte die Hallenserin glückselig, schlug die Hände vors Gesicht und tätschelte erst die Schulter der vor ihr sitzenden Schlagfrau Lisa Schmidla, die sich völlig ausgepumpt zurückfallen ließ in ihrem Doppelvierer. Dann ging Liers Arm nach hinten, wo Carina Bär auch schon ihre Hand suchte. Keine Frage, diese Vier sind ein eingeschworenes Team.

Starker Schlussspurt

Sie alle haben gekämpft, das Letzte aus sich heraus geholt und sind dafür mit olympischem Gold belohnt worden. Vor allem aber haben sie das Vertrauen gerechtfertigt, das die verantwortlichen Trainer in sie gesetzt haben. Denn erst kurz vor Ultimo bekamen die vier Weltmeisterinnen von 2014 die gemeinsame Starterlaubnis für den Wettkampf im Zeichen der Ringe. Als das Flaggschiff des deutschen Frauenruderns beim Weltcup im Mai in Luzern noch von Polen abgehängt wurde, da saß Julia Lier nämlich noch nicht in dem Boot.

Und nun Gold. Nach dem klaren Vorlaufsieg als großer Favorit an den Finalstart gegangen, haben die Deutschen an diesem Donnerstag unglaubliche Nervenstärke bewiesen. „Wenn wir selbst nicht an uns glauben, wer soll das dann“, sagte Julia Lier keck beim Siegerinterview. Auch dass sie nach 1.700 der insgesamt 2.000 Meter noch auf Platz zwei gelegen hatten, machte die Vier offenbar gar nicht unruhig. „Wir wussten, dass wir hinten heraus stark sind und sind cool geblieben“, sagte die 24 Jahre alte Sportsoldatin aus Halle erstaunlich abgeklärt.

Es waren wieder die Polinnen, die Lier und Co. den Fehdehandschuh hinwarfen. „Wahrscheinlich haben sie sich gesagt: Wir schlagen die Deutschen mit ihren eigenen Waffen“, meinte der in diesem Augenblick fast 10.000 Kilometer von Julia Lier entfernte Frank Köhler. Der Olympiasieger-Trainer hatte im heimischen Bootshaus am Saale-Ufer den Krimi auf dem olympischen Wasser mitverfolgt. Gemeinsam mit anderen halleschen Sportlern und Trainern der verschiedensten Sportarten. Und den Eltern von Halles Schwimmstar Paul Biedermann.

Als alles vorbei war, holte Köhler schließlich einen Kasten Bier, Sekt und allerlei Grillzeug hervor, um den Sieg seines Schützlings mit anderen zu feiern. „Ich bin da abergläubig, deshalb habe ich das heimlich besorgt “, erklärte er und lächelte verschmitzt.

Natürlich weiß er um die Stärke des Quartetts. Über das gesunde Selbstbewusstsein seines Schützlings staunte aber auch er ein bisschen. Er selbst war sich der Sache lange nicht sicher. „Als sie so 150 Meter vor dem Ziel erstmals ihre Bug-Spitze an der der Polinnen vorbeigeschoben haben, da habe ich geglaubt, sie können das schaffen.“ Der Rückstand zu den Furios-Startern war zwischenzeitlich schließlich schon auf mehr als eine Bootslänge angewachsen. Am Ende zogen sogar noch die Niederländerinnen an den lange führenden Polinnen vorbei und sicherten sich Silber.

Finale verschoben

Nur einen Steinwurf entfernt von der Regattastrecke war Julia Liers Familie nicht weniger happy. Sie hatte auf einer Tribüne vor dem sogenannten Siegersteg mitgefiebert. Ihr Freund Chris Hajek stand dann auch auf Sichtkontakt, als die Goldmädels im silberfarbenen Look ihre Medaillen um den Hals gehängt bekamen. Hajek wusste, wie schwer es war, bis zum Schluss fokussiert zu bleiben. Und die Formkurve hoch zu halten.

Schließlich hatte sich der deutsche Doppelvierer durch die überragende Vorstellung im Vorlauf am Samstag den Hoffnungslauf am Dienstag erspart. Dass das tags zuvor schon einmal angesetzte Finale wegen zu starken Windes noch einmal verschoben werden musste, machte das Unternehmen Olympia-Gold auch nicht gerade einfacher.

Vier Tage Pause. „Sie haben zwischendurch ein Belastungstraining gemacht“, erklärte der Ex-Ruderer. Er wird mit seinem Bruder Lukas in Kürze den Urlaubstrip durch Südamerika fortsetzen. Seine Julia soll nun die Zeit dafür haben, ungestört das olympische Flair aufzusaugen und sich andere Wettbewerbe anzuschauen. Bisher waren sie und ihre Mitstreiterinnen „im Tunnel“.

Das Rennen der Männer-Doppelvierer hat Julia Lier aber auch deshalb verpasst, weil es nur Minuten vor dem eigenen ausgetragen wurde. Sie hat wahrscheinlich erst später mitbekommen, dass ihre Auswahlkollegen die Goldspur gelegt haben. Im Gegensatz zu den Frauen kam deren Sieg überraschend, sie hatten den Umweg über den Hoffnungslauf nehmen müssen.

Weitere Medaillenchancen

Nun hat der Deutschland-Achter noch die Chance, die Bilanz weiter aufzuhübschen. Das Paradeboot der DRV-Männer geht am Samstag auf den olympischen Prüfstand - als Favorit. Auch ein Ruderer aus Sachsen-Anhalt hat noch Chancen auf Edelmetall. Der Bernburger Maximilian Planer greift am heutigen Freitag mit dem Vierer ohne Steuermann an.

(mz)