Sportpsychologe erklärt

Sportpsychologe erklärt: So setzt RB Leipzig seine Erfolgsserie in der Bundesliga fort

Leipzig - Der Mentalcoach Lothar Linz spricht über die Voraussetzungen und Risiken von Leipzigs Höhenflug.

Von Ullrich Kroemer
Auch zuletzt in Darmstadt sackten die Leipziger drei Punkte ein.
Auch zuletzt in Darmstadt sackten die Leipziger drei Punkte ein. imago sportfotodienst

Neun Spiele ohne Niederlage, vier Siege in Serie: Noch immer ist Rasenballsport in der Bundesliga ungeschlagen. Eine solche Serie wie sie die Leipziger derzeit hinlegen, schafft ein Aufsteiger alle fünf bis zehn Jahre einmal: 1997/98 der 1. FC Kaiserslautern; 2008/09 die TSG Hoffenheim; 2012/13 Eintracht Frankfurt. Grund genug, das Phänomen aus psychologischer Sicht zu beleuchten. Ullrich Kroemer hat mit Sportpsychologe Lothar Linz gesprochen.

Lothar Linz, Jahrgang 1965, ist Experte für Mentaltraining in Teamsportarten. Unter anderem betreute der Sportpsychologe aus Bergisch Gladbach bereits Fußball-Bundesligist Bayer Leverkusen, DEL-Klub Kölner Haie sowie Hockey- und Beachvolleyball-Nationalteams. Zudem schult der Buchautor und Referent Trainer für den Deutschen Olympischen Sport-Bund (DOSB).

Herr Linz, Sportpsychologen sprechen bei Höhenflügen im Sport von einem Flow. Wie kommt eine solche Erfolgsserie aus mentaler Sicht zustande?
Lothar Linz: Ein solche Erfolgsserie, wie sie auch in der Fußball-Bundesliga bereits in mehreren Fällen aufgetreten ist, ist nur unter bestimmten Rahmenbedingungen möglich. Dazu gehört vor allem, dass Ruhe im Verein herrscht und ein klares Konzept vorliegt, sodass es Einigkeit über das Vorgehen gibt. Das ist genau der Unterschied zwischen Vereinen wie etwa dem Hamburger SV oder lange Zeit auch Schalke 04 und eben beispielsweise RB Leipzig. In Leipzig folgen die Verantwortlichen ihrer Strategie mit Nachhaltigkeit, Nachdruck und Geschlossenheit. All das wirkt sich auf die mentale Situation aller Beteiligten aus und begünstigt einen Flow.

Was noch?
Linz: Damals bei der TSG Hoffenheim und aktuell in Leipzig kommt die spezielle Situation des Neulings hinzu. Die Spieler gehen die neue Herausforderung mit einem frischen und neugierigen Gefühl an. Sie treten frech und im positivem Sinne unbedarft auf; sie machen sich eben nicht tausend Gedanken darüber, was alles schief gehen könnte. Dabei hilft freilich, dass sie genau wissen, dass sie nicht wie Klubs wie Darmstadt 98 oder SC Paderborn zu den ersten Abstiegskandidaten gehören, sondern sie hatten von Beginn an das Gefühl, sich in dieser Liga behaupten zu können. Dass viele junge Spieler im Kader sind, begünstigt diese Stimmungslage. Auch dadurch herrscht eine Dynamik im Verein; nicht nur die Verantwortlichen, sondern auch alle Spieler streben nach vorn.

Welche Rolle spielen Initialerlebnisse wie der Sieg gegen den BVB?
Linz: Weil das Team schnell Erfolg hatte, hat sich wenig Druck aufgebaut. Dass die Mannschaft mit Erfolgserlebnissen in die Liga gestartet ist, ist ganz entscheidend. Das gibt enormen Rückenwind. Dazu kommt das klare taktische Konzept, das den Spielern mental Orientierung gibt; dadurch wissen sie ganz genau, was sie zu tun haben und was von ihnen erwartet wird. All diese Faktoren begünstigen eine solche Serie. Erst wenn vieles von dem erfüllt ist, kommt dieser positive Moment, die Dynamik, der positive Schwung herein. Der Einstieg in die Saison war ganz entscheidend.

Welche Rolle spielt die bestandene Aufstiegsprüfung der vergangenen Saison?
Linz: Das hilft aktuell enorm. Die Abläufe sind klar, die Spieler sind vertrauter miteinander, das Team homogener, wozu wieder die Altersstruktur beiträgt. Die Mannschaft weiß jetzt, dass sie schon einmal mit einer erheblichen Drucksituation klargekommen ist.

Wie kann man einen solchen Flow konservieren?
Linz: Überhaupt nicht. Man darf auf keinen Fall krampfhaft versuchen, das festzuhalten. Genau das ist der klassische Fehler. Wäre ich der Trainer oder der verantwortliche Sportpsychologe für RB Leipzig würde ich die Situation momentan einfach laufen lassen. Jedes Eingreifen wäre aktuell nur eine Störung. Jetzt gilt es, die klassischen Routinen und das Training mit unverminderter Intensität und Qualität fortzuführen, aber nicht in die Teamdynamik einzugreifen.

Worauf gilt es aufzupassen?
Linz: Die große Herausforderung ist aus meiner Sicht die Winterpause. Die Verantwortlichen sollten darauf vorbereitet sein, spätestens dann aktiv einzugreifen. Das ist die erste Phase, in der die Spieler Zeit haben, inne zu halten und über alles nachzudenken. Jeder klopft ihnen auf die Schultern; einige fangen an zu überlegen, ob es nicht vielleicht doch schon in dieser Saison für den Europapokal reicht. Gleichzeitig werden sich die Gegner in der Rückrunde besser auf Leipzig einstellen und den Gegner noch ernster nehmen. So entsteht eine neue Druck- und Erwartungssituation.

Wie konkret würden Sie diese Situation moderieren?
Linz: Wichtig ist zu kommunizieren, dass es die Vorgabe nicht gibt, dass es unbedingt bis zum Saisonende so positiv weitergehen muss. Ich würde vermitteln: Wir gehen mit positiver, aber offener Erwartungshaltung in die restlichen Spiele und sind darauf vorbereitet, dass es auch mal Rückschläge geben kann. Für diese Situationen lassen sich ganz konkrete Mechanismen erarbeiten, die den Spielern dann helfen, auch mal mit einem Negativerlebnis klarzukommen.

Die Mannschaft macht aktuell nicht den Eindruck, als ließe sie sich durch eine Niederlage aus dem Konzept bringen.
Linz: Einzelne Niederlagen sind kein Problem. Aus psychologischer Sicht interessant ist es, wenn das Team mal drei Partien hintereinander nicht gewonnen hat, das Spiel zäher wird, sich möglicherweise Verletzungspech einstellt. Dann kann ein negatives Momentum entstehen, sich der Flow ins Gegenteil verkehren.

Sind Teams gefährdeter für eine Negativserie, die zuvor einen langen Höhenflug hatten?
Linz: Das würde ich nicht sagen. Man muss sich einfach im Klaren darüber sein, dass so ein Lauf irgendwann auch mal enden wird. Das über eine ganze Saison durchzuhalten, ist schon außergewöhnlich. Oft kommt in der Rückrunde oder spätestens in der Saison darauf eine schwierige Phase.

Ralf Rangnick kennt die Situation ja aus Hoffenheim sehr gut, als sein damaliges Team in der Rückrunde zwölf Partien hintereinander nicht mehr gewinnen konnte. Hilft das, um gegenzusteuern?
Linz: Ganz gewiss. Ich traue ihm absolut zu, dass er damit umzugehen weiß und seine Erfahrung einbringen kann.