Bundesliga

RB Leipzig: Wie der Verein mit seinem Aufstieg die Region verändern wird

Leipzig - RB Leipzig schafft den Aufstieg in die erste Bundesliga. Doch der Verein und seine Fans kämpfen noch immer gegen das Image an, nur durch viel Geld groß geworden zu sein.

Von Ullrich Kroemer 09.05.2016, 11:00

Es war genau 17.18 Uhr, als die Stimmung in der mit knapp 43.000 Zuschauern ausverkauften Leipziger Arena endgültig eruptierte. In diesem Moment, nach dem 2:0-Sieg gegen den Karlsruher SC, entwich die ganze Anspannung, die auf dem Verein gelegen hatte.

Die Spieler streiften sich die Aufstiegsshirts mit der Aufschrift „Wir sind Eins!” über, lagen sich auf dem Rasen in den Armen und verpassten sich die obligatorischen Bierduschen aus überdimensionalen Biergläsern. Die Fans intonierten die inoffizielle Vereinshymne „Wir sind Leipzig, Rasenballsport Leipzig”; vom Stadiondach regnete es glitzernde Konfettisalven. Immer wieder ließen die Anhänger ihr Team während der Ehrenrunde hochleben.

Nach 22 Jahren wieder Bundesliga

22 Jahre nach dem Abstieg des VfB Leipzig steht nun fest, dass in der kommenden Saison wieder ein Leipziger Team in der Fußball-Bundesliga mitspielen wird. Zwar weigern sich viele ostdeutsche Fußballfans weiter standhaft, die Leipziger Filiale des österreichischen Red-Bull-Fußballimperiums als Ostklub anzuerkennen.

Doch nach den Bundesliga-Abstiegen von Hansa Rostock (2008) und Energie Cottbus (2009) ist dank RB Leipzig endlich wieder ein Vertreter aus den neuen Bundesländern auf der Bundesliga-Landkarte präsent. Damit ist der junge Klub nach vier Aufstiegen in nur sieben Jahren dort angekommen, wohin der Verein allen Anfeindungen zum Trotz seit der Gründung 2009 unbeirrt strebte.

Ingo Hertzsch, Pionier der ersten Stunde, erzählt

Ingo Hertzsch gehört zu einem der wenigen noch im Verein verbliebenen Mitarbeitern, die bereits von der ersten Stunde an dabei sind. Eine gute Woche vor dem Aufstiegstag sitzt der Ex-Bundesliga- und -Nationalspieler unweit des Stadions im Café „Cottaria” vor dem Leistungszentrum von RB Leipzig am Cottaweg.

Hertzsch hatte 227 Mal in der 1. Liga gespielt, 70 Einsätze in der 2. Liga und zwei Länderspiele bestritten, als er 2009 in der fünftklassigen Oberliga anheuerte. „Mich hat die historische Vorstellung gereizt, in Leipzig bei der Entwicklung des Vereins mit dabei zu sein und wieder einen Fußball-Leuchtturm im Osten zu installieren”, sagt er. „Wir sind damals mit dem Ziel gestartet, so schnell wie möglich in die Bundesliga zu kommen. Dass es nun so schnell möglich ist, hätten wir alle nicht zu träumen gewagt. Fußball ist schließlich nicht planbar.”

Hertzsch, der seine aktive Karriere 2011 im Alter von 34 Jahren beendete und danach erst im Marketing, später als Fanbeauftragter arbeitete und nun für soziale Projekte zuständig ist, teilt sich ein Büro mit DDR-Kulttorhüter Perry Bräutigam – ebenfalls Mann der ersten Stunde bei RB. In den Tagen vor dem Aufstieg haben Hertzsch und Bräutigam immer mal wieder darüber gesprochen, wie unprofessionell die RB-Geschichte im Juli 2009 begann.

„Wir haben in Markranstädt mit den ausrangierten Trikots der U17 und U19 von Red Bull Salzburg angefangen zu trainieren”, erinnert sich Hertzsch. „Und im Ballsack lag ein Sammelsurium an Bällen jedes Herstellers auf der Welt – nur ohne Luft. Das war fast wie bei einer Amateurtruppe, die gerade vom Ballermann kommt”, sagt er lächelnd. Den Ballermann-Charme haben die „Roten Bullen” inzwischen natürlich längst abgelegt. „Mit den Standards von heute ist das nicht im Geringsten zu vergleichen, dazwischen liegen Welten”, sagt Hertzsch. „Aber die Philosophie und die Ziele sind nach wie vor die gleichen: Dieser Verein ist gegründet worden, um zu bleiben.”

Hertzsch war zu Beginn seines Engagements verwundert, wie heftig der neue Klub in Leipzig, aber vor allem im Fußball-Osten abgelehnt wurde. „Als ich die ersten Gespräche hatte, hatte ich noch gar keine Vorstellung von den Widerständen, die es geben würde”, sagt der 38-Jährige. „Das ist mir erst bewusst geworden, als vor dem ersten Trainingstag in Markranstädt der Rasen zerstört wurde.” Nach dem ersten Auswärtsspiel bei Carl Zeiss Jena II mussten Hertzsch und Co. ungeduscht nach Hause fahren, weil die Sicherheit nicht gewährleistet war.

Die Tourneen der Leipziger über die Dorfplätze glichen in den Anfangsjahren einem Spießrutenlauf. Doch auch wenn es in der laufenden Saison immer wieder Protestbekundungen gab, habe sich der Hass mittlerweile gelegt. „Das Image unseres Vereins hat sich in den vergangenen Jahren stetig verbessert, wir sind immer mehr in der Stadt angekommen und haben uns auch bundesweit Renommee erarbeitet.”

htmHertzsch ist stolz auf die Entwicklung einer aktiven Leipziger Fankultur mit über 4500 Fanklubmitgliedern in etwa 60 organisierten Fanklubs. Die Fanszene ist dabei sehr heterogen, doch fast alle Anhänger eint der Gedanke, eine friedliche Fankultur zu pflegen und den Support der eigenen Mannschaft in den Mittelpunkt zu rücken. „Die Leute wollen schönen, erfolgreichen Fußball sehen, können ohne Ängste mit ihren Familien ins Stadion gehen” sagt Hertzsch. „Viele Fans sagen: Endlich ist mal wieder was los in Leipzig.”

So unterstützen Harzer RB-Fans ihren Verein

Das sind auch die Gründe, weshalb sich Holger Weiß und seine Mitstreiter aus dem kleinen Städtchen Roßla am Kyffhäuser zu jedem Heimspiel in die Leipziger Arena aufmachen. Weiß ist Präsident der Südharz-Bullen, dem bislang einzigen RBL-Fanklub in Sachsen-Anhalt. Zwar hat sein Vater Klaus einst in der Jugend des Halleschen FC Chemie gespielt. Doch seinem Ex-Verein hat er längst den Rücken gekehrt und zählt ebenso zum 19-köpfigen Mitgliederaufgebot der Harzer RB-Fans; einige darunter sind seit der Premiere der „Roten Bullen” 2009 in Markranstädt dabei und haben angeblich noch kein einziges Heimspiel verpasst.

„Wir wollen einfach vernünftig Fußball schauen, ohne Stress, Aggressionen und Krakeele”, sagt Holger Weiß. „Das geht beim HFC oder dem 1. FC Magdeburg einfach nicht.” Vor einem Jahr haben sich Weiß und seine Mitstreiter zu einem Fanklub zusammengeschlossen. Im Haus des örtlichen Schützenvereins haben sie eine sogenannte RB-Ecke mit Wimpeln, Schals und Banner eingerichtet. Bei ihren öffentlichen Sitzungen erfahren sie jede Menge Zuspruch, sagt Weiß.

Doch natürlich müssen sie sich auch mit Kritikern auseinandersetzen. Wenn die die RB-Fans aus Sachsen-Anhalt auf die mangelnde Tradition des Red-Bull-Klubs ansprechen, dann hat Holger Weiß einen guten Konter parat. „Was heißt denn für Euch Tradition?”, fragt er. „Wir haben auch eine Tradition: Bei jeder Fahrt nach Leipzig machen wir an der Raststätte Halt, trinken ein Bier und essen ein Leberwurstbrot.” Auch das kann Tradition für Fußballfans bedeuten.

"RB Leipzig gehört einfach zum Leben der Stadt dazu"

Ingo Hertzsch hat zwar für große Traditionsklubs wie den Hamburger SV und den 1. FC Kaiserslautern gespielt. Doch er glaubt: „Den Kindern, die jetzt mit uns aufwachsen, geht es nicht anders als den Fans der Traditionsvereine, die seit ihrer Kindheit Anhänger ihrer Klubs sind.”

Mittlerweile gehöre „RB Leipzig einfach zum Leben der Stadt dazu”. Hertzschs Aufgabe ist es, RB für die Fußballfans von Morgen attraktiv zu machen – auch außerhalb des Spielfelds. Er betreut vor allem Projekte mit Kindern, organisiert Talentsichtungstage, Lampionumzüge oder die Einlaufkinder vor jedem Spiel. Als sich dafür über 50 Nachwuchsteams angemeldet hatten, musste Hertzsch die Anmeldung fürs Erste stoppen. „Die Begeisterung der Kinder ist bei all unseren Aktionen zu spüren”, sagt er. „Viele Nachwuchsfußballer haben den großen Traum, es hier ins Leistungszentrum zu schaffen.”

Diese Effekte werden für Tourismus und Marketing erwartet

Der Ex-Profi weist auf den für etwa 33 Millionen Euro neu erbauten Komplex. Das Gelände, nur wenige Hundert Meter Luftlinie vom Stadion entfernt, ist das Herzstück des Klubs. Rechts über dem Eingang thront auf der silbern glänzenden Fassade das Wahrzeichen, ein überdimensionaler roter Bulle. An der Börse steht der Bulle für die Hausse, also einen Konjunkturaufschwung. Genauso soll der rote Bulle für den Aufschwung in Leipzig und der Region stehen – nicht nur, was Fußball betrifft.

4.000 bis 6.000 Arbeitsplätze für die gesamte Region Mitteldeutschland würden durch RBL entstehen, hatte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung vor Jahren geschätzt. „Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel profitieren; auch die Investitionen, die RB in Leipzig getätigt hat, kommen unmittelbar der lokalen Wirtschaft zugute“, konkretisierte Sportdezernent Heiko Rosenthal bereits 2015 im Gespräch mit der MZ. Konkrete Zahlen sind dem Bundesligareport zu entnehmen. 

Millioneneinahmen durch den Aufstieg

48.830 Menschen waren in der Saison 2013/14 bei den 36 Erst- und Zweitligisten, Tochtergesellschaften oder deren direktem Umfeld beschäftigt. Das macht im Durchschnitt 1.356 Voll- und Teilzeitbeschäftigte pro Klub. RB Leipzig will zwar effizienter werden, will die Zahl von derzeit 124 Vollzeitstellen dennoch weiter steigern. Insgesamt hat der Klub inklusive Halbtagskräften und geringfügig Beschäftigten etwa 300 Mitarbeiter und gibt an, bereits aktuell in der 2. Liga an Spieltagen 1.400 Menschen in und um das Stadion zu beschäftigen. In der Bundesliga würde die Zahl weiter steigen. Dazu kommen noch Hunderte Arbeitsplätze in den von Rosenthal benannten Branchen, aber auch in Bau- und Textilgewerbe oder Medienbetrieb.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey und der DFL werden aus jedem Euro, den ein Bundesligist umsetzt, 2,40 Euro für die Region generiert – konservativ geschätzt. Bereits in der vergangenen Saison wurden so schätzungsweise 50 Millionen für Leipzig und Umland erzeugt.

Im Falle eines Bundesligaaufstiegs könne die Region auf 200 Millionen Euro Mehreinnahmen hoffen, glaubt Wolfgang Topf, Präsident der Leipziger Industrie- und Handelskammer (IHK). Prof. Dr. Volker Tolkmitt von der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Fachhochschule Mittweida hat sich mit den Effekten eines Bundesligaklubs für die Region sowie konkret mit RB Leipzig beschäftigt. Er hält die Zahlen von neu entstehenden Arbeitsplätzen für realistisch.

Tolkmitt sagt: „Da der McKinsey-Ansatz bemüht ist, selbst Einmalverträge oder einmalig indizierte Dienstleistungen entlang der Wertschöpfungskette in nahezu allen Bereichen – Medien, Konsum, Immobilienbranche – zu erfassen, ist die Zahl von 4.000 bis 6.000 für diesen Fall nicht realitätsfremd.“ Tolkmitt bewertet Bundesligaklubs als „mittelständische Unternehmen der Region”. Zöge etwa der FC Bayern München nach Sachsen, sagt er, würde er sofort zu den 30 bis 35 umsatzstärksten Unternehmen des Freistaates gehören. In diese Dimensionen könnte künftig auch RB Leipzig vorstoßen.

Noch wichtiger jedoch seien Effekte für Tourismus und Marketing durch den Bundesligastandort. „Für den Sportstandort Leipzig etablieren wir mit RB Leipzig eine ganz wesentliche Marke, mit der wir uns bundesweit gut positionieren“, sagt Rosenthal. „Durch den sportlichen Mehrwert wird Aufmerksamkeit auf die Stadt gelenkt. RB ist zukünftig ein wesentlicher Baustein, um Leipzig wirtschaftlich zu repräsentieren.”

Daran, dass RB Leipzig auch ein millionenschweres Marketinginstrument für den Energy-Drink-Hersteller aus Salzburg ist, besteht freilich kein Zweifel – auch wenn das so bei RBL keiner öffentlich sagt. Doch Red Bull betreibt eben nicht nur für sich Marketing, sondern für eine ganze Region. Und die Fans aus Leipzig und Mitteldeutschland, die hochklassigen und friedlichen Fußball sehen wollen, goutieren das – immer mehr auch aus Sachsen-Anhalt. (mz)

 MZ-Autor Ullrich Kroemer präsentiert mit „Aufstieg ohne Grenzen” das erste Buch zur Vereinsgeschichte von RB Leipzig: von der Gründungsphase über die sportlich wechselhaften Jahre in der Regionalliga bis zum Aufstieg in die Bundesliga. Auch durch zahlreiche Interviews entsteht ein facettenreiches Vereinsporträt mit allen spannenden, darunter auch kritischen Themen rund um den Klub.