RB Leipzig vs. BVB

RB Leipzig vs. Borussia Dortmund: Professor erklärt: "RBL gegen BVB wird wie Poker"

Leipzig - Bundesliga-Topspiel: Taktik-Professor Memmert: "RB Leipzig gegen Borussia Dortmund wird wie Poker"

Von Ullrich Kroemer 08.09.2016, 14:54

Herr Prof. Memmert, das Bundesliga-Topspiel zwischen RB Leipzig und dem BVB polarisiert im Vorfeld. Worauf freuen Sie sich vor der Premiere dieser Partie aus taktischer Sicht am meisten?
Prof. Daniel Memmert: Ich freue mich vor allem darauf, wie die beiden Trainer und deren Spielideen, die in einigen Punkten ähnlich sind, in anderen sehr unterschiedlich, aufeinanderprallen.


Zum Beispiel?
Memmert: Es wird spannend sein zu beobachten, welche Grundordnung beide Teams wählen und wie sich das im Laufe des Spiels anpasst. RB Leipzig fühlt sich ja im 4-2-2-2 am wohlsten, spielt aber ab und an auch im 4:4:2; ob uns bei Dortmund ein 4-3-3 oder 4-2-3-1 erwartet, ist völlig unklar und variiert teilweise auch innerhalb eines Spiels mehrfach.

Welche verschiedenen Spielstile treffen bei RBL gegen BVB aufeinander?
Memmert: Auf der einen Seite wird der Underdog versuchen - das ist Leipzig für mich in diesem Spiel -, Dortmund durch ein irrsinniges Pressing in variierenden Spielfeldhöhen zu beeindrucken und durch schnelles, radikales, mutiges Überbrücken von Räumen selbst zu Chancen zu kommen. Dagegen überzeugt Dortmund durch ein inzwischen sehr strukturiertes Positionsspiel, das Thomas Tuchel nach dem sehr auf Pressing ausgerichteten Spiel von Jürgen Klopp in den Jahren zuvor eingeführt hat. Zwar setzt Tuchel im letzten Drittel auch auf freies Positionsspiel und Kreativität. Aber mit dem Ball spielt der BVB planmäßiger und erfahrener, als wir das bei RB Leipzig als Aufsteiger zum jetzigen Zeitpunkt erwarten dürfen. Die Gastgeber hingegen werden möglicherweise einen Tick einstudierter im Spiel gegen den Ball agieren.

"Spielweise in der Bundesliga spielt RB Leipzig in die Karten"

Thomas Tuchel hat einst in Ulm unter dem Trainer Ralf Rangnick gespielt, ist beeinflusst von Rangnicks Spielidee. Spielt das noch eine Rolle oder hat Tuchel längst seinen eigenen Stil gefunden?
Memmert: Thomas Tuchel hat seinen eigenen Stil gefunden, steht selbst auf beiden Füßen und weiß genau, was er tut. Das darf man ihm durchaus zugestehen, wenngleich er natürlich in der Vergangenheit immer wieder auch von Rangnick inspiriert wurde.

Dortmund hatte im ersten Ligaspiel gegen Mainz extrem viel Ballbesitz, Leipzig hatte in Hoffenheim weniger den Ball, hat aber viele riskante Pässe und viele Torchancen herausgespielt. Was sagt das über die Spielideen aus?
Memmert: Vier Werte belegen die verschiedenen Spielideen von RBL und BVB am deutlichsten: die Zahl der angekommenen Pässe aus dem Spiel heraus, Fehlpässe, Ballbesitzphasen und die Distanz der intensiven Läufe. Dortmund hatte gegen Mainz fast doppelt so lange Ballbesitzphasen wie RB in Hoffenheim. Leipzig hat 187 angekommene Pässe gespielt, während die Dortmunder 598 Bälle zum Mitspieler gebracht haben. Dafür belegt eine Gesamtdistanz von 9,8 Kilometern intensiver Läufe der Leipziger gegenüber 8,1 Kilometer beim BVB das sprintintensive Pressingspiel von RBL.

Im Gegensatz zur 2. Liga muss RB Leipzig in der Bundesliga gegen viele Gegner das Spiel nicht mehr komplett selbst machen. Kommt die Rangnick’sche Spielidee dadurch jetzt erst richtig zum Tragen?
Memmert: Die Spielweise in der Bundesliga wird RB Leipzig anfangs voll in die Karten spielen. Deswegen versuchen sich die Leipziger ja auch selbst, sich als Underdog hinzustellen, sodass gegnerische Teams möglicherweise mutiger in der Spieleröffnung agieren und anfällig für frühe Pressingsaktionen sind. Ähnliches haben wir bei Leverkusen gesehen, bis viele Gegner bewusst ihre Ballbesitzphasen verringert haben, sodass viele Mechanismen des Gegenpressing-Spiels nicht mehr gezeigt werden konnten und neue Lösungen mit dem Ball entwickelt werden mussten.

Seite 2: Die Spiel-Dramaturgie und die Schwachstellen beider Teams

Welche Dramaturgie erwarten Sie für das Spiel am Samstag?
Memmert: Erinnern Sie sich an den 2:0-Erfolg von Bayern München gegen Borussia Dortmund im Supercup? In diesem Spiel hat Dortmund in der ersten halben Stunde super früh gepresst, die Bayern mächtig unter Druck gesetzt und sehr viele Torchancen herausgespielt. Dennoch hat Bayern München diese Phase überstanden und hat das Spiel dann in der zweiten Hälfte mindestens ausgeglichen gestaltet. Für das Match am Samstagabend könnte ich mir vorstellen, dass Leipzig die Rolle einnimmt, die Dortmund im Supercup hatte und die Dortmunder erstmal wie der FC Bayern in die Defensive geraten. Ich bin gespannt darauf, wie Dortmund mit dem zu erwartenden extrem frühen Stören der Leipziger klarkommt. Darauf wird Tuchel seine Mannschaft eingeschworen haben, dafür braucht es Lösungen.

Wird Dortmund sich dem Leipziger Spiel anpassen, oder ist der BVB so selbstbewusst, sein Spiel wie gewohnt durchzuziehen?
Memmert: So, wie ich Thomas Tuchel kenne, ist er ein Trainer, der sich durchaus nach dem Gegner richtet und auch sein Personal ein Stück weit dem Gegner anpasst. Das ist auch absolut sinnvoll. Er wird seiner Mannschaft zwei, drei Schlüssel-Ideen für dieses Spiel mitgeben. Generell aber verfolgt der BVB natürlich seinen eigenen Plan. Denn individuell haben die Dortmunder auf vielen Positionen deutlich stärkere Spieler, wenngleich die Leipziger gut aufgestellt sind. Aber da sieht man schon noch Qualitätsunterschiede. Tuchel wird auch darauf setzen, diesen Vorteil in Eins-gegen-Eins-Duellen mit seinen schnellen Leuten im Sturm auszuspielen.

"Chancenverwertung kann Dortmunds einzige Schwachstelle sein"

Gerade nach Ballverlusten im Mittelfeld ist Leipzig anfällig für Pässe in die Schnittstellen. Eine Schwachstelle beziehungsweise Chance für Aubameyang & Co.?
Memmert: Ja, ab und zu lassen sich die Leipziger Abwehrspieler noch von den gegnerischen Stürmern aus dem Abwehrverbund herausziehen, wodurch dann Lücken für Schnittstellenpässe entstehen. Auch, wenn mal nicht alle Spieler zu 100 Prozent beim Angriffspressing mitziehen, ist das System anfällig. Je besser, ruhiger, druckbeständiger, präziser der Gegner in komplizierten Situationen am Ball ist, desto höher ist natürlich die Wahrscheinlichkeit, dass das Pressing auch mal ins Leere läuft und sich dahinter riesige Räume auftun.


Und welche Schwächen hat Dortmund?
Memmert: Angesichts der Qualität des Kaders und der Spielidee von Thomas Tuchel sehe ich nicht viele. Aber eine kann die Chancenverwertung sein. Wenn der BVB seine Chancen nicht nutzt, spielt das dem Gegner in die Karten. Ich vergleiche das immer mit Poker.

Inwiefern?
Memmert: Wenn man beim Poker mal schlechte Hände hat – wenn es nicht gut läuft –, dann ist das Hauptziel, kein Geld zu verlieren. Wenn man hingegen starke Hände, eine Glückssträhne hat, dann muss man das Maximal herausholen. Daran erkennt man die richtig guten Pokerspieler. So ist es auch beim Fußball. Bei dem angesprochenen Supercup-Spiel zwischen Bayern und Dortmund etwa, hat der BVB aus seiner starken Phase am Anfang nichts gemacht, während der FC Bayern zwar nicht ins Spiel kam, aber wenig verloren hat, um später sein starkes Blatt dann eiskalt auszunutzen. Diese Phasen gibt es in jedem Spiel zweier taktisch und individuell interessant aufgestellter Mannschaften. Und auf genau diese Pokerqualitäten wird es auch beim Spiel zwischen RB Leipzig und BVB ankommen. (mz)

Professor Daniel Memmert leitet das Institut für Kognitions- und Sportspielforschung an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) Köln. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen im Bereich der Sportspielforschung, hier geht es um Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Kreativität, Spielintelligenz und Motivation. Er besitzt Trainerlizenzen in den Sportarten Fußball, Tennis, Snowboard sowie Ski-Alpin und ist Herausgeber und Autor von Lehrbüchern zu modernem Fußballtraining. Seine neueste, populärwissenschaftliche Veröffentlichung - gemeinsam mit Bernd Strauss und Daniel Theweleit - heißt: "Der Fußball. Die Wahrheit. Fußballspiele werden im Kopf entschieden". Als Spielanalyst war Memmert 15 Jahre lang für die TSG Hoffenheim tätig. Heute berät er unter anderem den FC Barcelona.