RBL nach Champions-League-Debüt

RB Leipzig nach dem Champions-League-Debüt: Nicht unzufrieden, aber auch nicht glücklich

Leipzig - Das Leben ist ein Glas, halb leer oder halb voll. Je nachdem, wie man gerade drauf ist. Das für sich herauszufinden, war Mittwochnacht die letzte große Herausforderung für Ralph Hasenhüttl, als der Trainer von RB Leipzig im Champions-League-Anzug seiner Auskunftspflicht ...

Von Martin Henkel und Ullrich Kroemer
Applaus für die Fans nach Spielende: So ganz glücklich wirkten die Profis von RB Leipzig nach dem 1:1 gegen AS Monaco nicht. dpa-Zentralbild

Das Leben ist ein Glas, halb leer oder halb voll. Je nachdem, wie man gerade drauf ist. Das für sich herauszufinden, war Mittwochnacht die letzte große Herausforderung für Ralph Hasenhüttl, als der Trainer von RB Leipzig im Champions-League-Anzug seiner Auskunftspflicht nachkam.

Leicht war die Entscheidung nicht. Halb voll? RB hat seinen Einstand im Europapokal, immerhin ein historisches Debüt, nicht verloren. Die Sachsen trennten sich vom französischen Meister AS Monaco nach Toren von Emil Forsberg (33.) und Youri Tielemans (34.) 1:1.

RB Leipzig: Besiktas Istanbul wartet als Tabellenführer

Aber doof kommen durfte man dem Österreicher trotzdem nicht. Denn jedes Remis, das sind oft auch zwei verlorene Punkte. Frage: „Der kommende Gegner, Besiktas Istanbul, hat sein Auswärtsspiel in Porto 3:1 gewonnen. Stürmer Timo Werner sagt, wir sollten die nächste Partie gewinnen. Und Sie?“ Schweiß rann Hasenhüttl die Schläfen herunter, der 50-Jährige sah so erschöpft aus wie die Spieler. Die Antwort flog als Messer zurück. „Wieso?“

Na ganz einfach. Weil die Türken RB Leipzig in zwei Wochen als Tabellenführer empfangen, und jeder Punkt in der Champions League zählt. Vor allem bei Heimspielen. So lange jedenfalls, wie man das Überleben der Gruppenphase für sich als Königsklassen-Ziel definiert hat.

Gute Frage. Eigentlich äußern sich die Sachsen zu Zielen jenseits des nächsten Tages nicht. Und als Neuling, was soll man sagen? Ist ja erst einmal alles ganz anders, neu - und bedarf der Verarbeitung: ein unbekannter Gegner von jenseits der Kulturgrenzen, die veränderte Stadionoptik, die Uefa-Funktionäre in ihren uniformierten Anzügen, die späte Anstoßzeit und das gesamte Flair drum herum.

RB Leipzig hatte das Spiel gegen Monaco unter Kontrolle

Doch das Brimborium war das eine. Die 90 Minuten auf dem Platz etwas anderes. Die AS Monaco war ein verdammt guter Gegner, trotz des veränderten Kaders, weil nach Championat und Vorsaison-Halbfinale in der Champions League der Kader zur Ader gelassen wurde. Die Monegassen pressten genauso gewieft wie RB, mal hoch, mal tief, sie lauerten auf Fehler der Gastgeber, schalteten blitzschnell um, und konnten alle was am Ball. Jeder Ballverlust bedeute Torgefahr.

Dennoch hatte RB seine Einstandspartie auf europäischer Bühne weitgehend unter Kontrolle, weil französischer Meister zu sein nicht bedeutet, die Serie A, die Primera División oder die Premier League gewonnen zu haben.

Nur echte Torchancen gab es kaum. RB Leipzig hatte vier davon im ganzen Spiel, Monaco zwei. Leipzig nutzte eine davon zum 1:0. Forsberg hatte einen Konterpass von Marcel Halstenberg aufgenommen, war auf Monacos früheren Wolfsburger Keeper Diego Benaglio zugespurtet und hatte ihm den Ball in den kurzen Winkel geschossen.

Champions League: Wie geht RB Leipzig mit dem Punktgewinn um?

Monaco konterte mit dem 1:1 unmittelbar nach dem Rückstand, als der Jubel noch am Stadiondach festhing. Djibril Sidibé flankte von Halstenbergs Seite auf die Stirn von Adama Diakhaby, von dort prallte der Ball auf den Kopf von Youri Tielamans. RB-Keeper Peter Gulacsi konnte im ersten Versuch noch klären, gegen den Abpraller aber war er machtlos.

Ein Remis also zum Einstand. Und wie jetzt damit umgehen? Die Frage war ähnlich vertrackt wie die nach der Bewertung eines zur Hälfte gefüllt Glases: halb voll oder halb leer?

RB Leipzig entschied sich für den zur Gewohnheit gewordenen Antwortstandard, alles, was ihnen widerfährt, als positiv zu bewerten. Siege? Großartig! Niederlagen? Können wir was draus lernen? Remis? Auch nicht schlecht. „Wir hätten gewinnen können“, sagte Hasenhüttl, „aber wir haben auch gesehen, was wir heute nicht so gut gemacht haben. Daran werden wir arbeiten. Wir sind nicht unzufrieden."

RB Leipzig: Timo Werner und Co. mit Respekt vor der Champions League

Dieser Vorgabe folgte auch Stürmer Timo Werner weitgehend. „Ja, wir hätten gewinnen können, das Remis geht aber in Ordnung." Doch der Nationalstürmer entwächst langsam der Schulbank. Seit seinem Nationalmannschaftsdebüt im März, dem Gewinn des Confed-Cups, dem Gewinn der Torschützenwertung, den 21 Treffern aus der Vorsaison und seinen drei zuletzt in den Länderspielen gegen Tschechien und Norwegen, geht der 21-Jährige mit anderen Ambitionen hausieren, als immer nur aus allem zu lernen.

Bemerkenswert ehrlich gestand der Torjäger: „Es war für viele das erste Champions-League-Spiel und als die Hymne kam, sind nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen die Knie etwas weich geworden. Das hat man vielleicht auch ein wenig gemerkt im Spiel.”

Und auch Kapitän Willi Orban hatte nach dem Spiel „ein bisschen mulmiges Gefühl, weil wir besser spielen können. Bei vielen von uns war die eigene Nervosität auf dieser großen Bühne die größte Herausforderung. Das hat man gemerkt. Ein bisschen mehr Mut hätte uns gutgetan.”

Timo Werner zum Besikatas Spiel: „Das müssen wir dann jetzt gewinnen.“

Doch Werner plädierte dafür, den Debütanten in der „Königsklasse” auch Zeit im Umgang mit ihren Emotionen zu geben. Bei der Premiere könne man den Spielern auch mal Nervosität zugestehen. „Das ist vollkommen normal. Im nächsten Spiel gegen Besiktas wird das sicher nur noch ein bisschen der Fall sein und danach wird man das nicht mehr spüren.”

Und zur Frage, was das 1:1 nun für das Spiel am Bosporus bedeute, antwortete er selbstbewusst: „Das müssen wir dann jetzt gewinnen.“

Hasenhüttl brauchte später eine Weile, um die Aussage seines Angreifers sacken zu lassen. Der Coach hatte natürlich das größere Panorama im Blick. Ein Punkt gegen Monaco schien nicht schlecht zu sein für den Anfang. Oder? So ganz konnte der Österreicher die Vermutung nicht überspielen, dass ihn das Remis trotzdem ärgerte. „Der Timo will immer gewinnen“, sagte Hasenhüttl. Er machte dabei nicht den Eindruck, als ginge es ihm anders.

(mz)