Fanvertreter-Interview

RB Leipzig Fanverband: Linken-Politikerin kämpft für Fankultur und Teilhabe

Leipzig - Linkspartei und RBL? Luise Neuhaus-Wartenberg erklärt im Interview, warum das für sie zusammenpasst.

Von Ullrich Kroemer 15.11.2016, 17:22

Der Fanverband von RB Leipzig – Schnittstelle zwischen RB-Fanclubs und dem Verein – war in den vergangenen Monaten heftiger Kritik ausgesetzt. Insgesamt fünf Fanclubs waren im Herbst aus dem Dachverband der Anhänger ausgetreten. Die Spaltung der RB-Fanszene sorgte bundesweit für Aufmerksamkeit.

Luise Neuhaus-Wartenberg ist seit Mai ehrenamtliche Fanvertreterin und will nun frischen Wind in die Fanvertretung des Leipziger Bundesligisten bringen. Die 36-jährige Berufspolitikerin hat als Abgeordnete des sächsischen Landtags für die Linkspartei Erfahrung damit, Lösungen zu suchen und zu finden. Im Gespräch mit der MZ macht das Mitglied des RB-Fanclubs "Bulls United 09" sich nach der Fanversammlung am vergangenen Wochenende für bessere Kommunikation, stärkere Präsenz, mehr Transparenz und Haltung gegenüber dem Klub stark.

"Es fehlte im Osten an guten Musikclubs und hochklassigem Fußball"

Frau Neuhaus-Wartenberg, bis auf die rot-weißen Farben haben RB Leipzig und die Linkspartei auf den ersten Blick nicht viel gemein. Weshalb passt die Kombination für Sie dennoch zusammen?
Luise Neuhaus-Wartenberg: Als Teenager habe ich viel mit Familie und einem engen Freundeskreis in der Kneipe gesessen und über Ostdeutschland diskutiert. Wir haben damals immer gesagt, dass es dem Osten exemplarisch an zwei Dingen fehlt: an guten Musikclubs und hochklassigem Fußball. Das sind für mich Zeichen, wie sich eine Gesellschaft aufstellt. Es hat für mich mit Identität zu tun, dass sich die Leute an etwas festhalten und entlang hangeln, auch reiben können. Fußball funktioniert hervorragend als Dach, unter dem gesellschaftlicher Diskurs stattfindet. Dass RB gerade in Leipzig Erfolg hat, ist übrigens kein Zufall. 

Inwiefern? Red Bull hat den Standort schließlich ganz bewusst aus strategischen Gründen und Marketinggesichtspunkten ausgewählt.
Neuhaus-Wartenberg: Leipzig nimmt als größte ostdeutsche Stadt eine besondere Stellung in Ostdeutschland ein. Es gibt hinsichtlich der Mentalität der LeipzigerInnen eine besondere Flexibilität. Die verschiedenen Pole innerhalb der Stadt waren seit jeher ziemlich ausgeprägt. Man muss nur mal in die Geschichte schauen. In den Jahren vor der Wende etwa waren die Gesellschaftswissenschaften der Karl-Marx-Universität ein Vorzeige-Institut. Und gleichzeitig war gerade hier die Oppositionsbewegung besonders stark. Diese starke Polarisierung unter den LeipzigerInnen hält bis heute vor. 

Was hat das mit RB zu tun? Aktuell polarisiert RB eher außerhalb als in der Stadt, wo der Bundesligist einen großen Teil der Fußballinteressierten begeistert.
Neuhaus-Wartenberg: Das stimmt. Aber auch wenn die Euphorie in Leipzig überwiegt, polarisiert der Klub hier immer noch. Egal ob es um Fußballtradition geht oder darum, dass gerade im Jugendbereich viele Spieler von Chemie, Lok, Markranstädt und anderen Vereinen Spieler an RB abgeben, oder um die Verkehrsbelastung am Stadion. Es gibt für einige Grund genug, um gegen RB zu sein.

Was fasziniert Sie persönlich an RB?
Neuhaus-Wartenberg: Ich habe den Aufstieg von RB Leipzig von Anfang an mitverfolgt; war anfangs aber eher sporadisch im Stadion. Als mein Sohn zwei Jahre alt war, habe ich ihn zum ersten Mal mitgenommen. Das war überhaupt kein Problem. Dieses Friedliche und Familienfreundliche hat mich begeistert. Dann habe ich Leute kennengelernt, mit denen ich Politik gemacht habe, die in der Fanszene bei RB aktiv waren. Ich fand den Einstieg in diese Szene extrem spannend. Wie gesagt: Gesellschaftlich und politisch betrachtet geht es mir um ostdeutschen Fußball und die Identifikation damit. 

"Meine Partei schleppe ich nicht ins Stadion"

Was bedeutet Ihnen der Verein als Politikerin?
Neuhaus-Wartenberg: Für mich als Berufspolitikerin ist das Stadion ein Zugang zur normalen Welt. Wir als Linke begreifen uns ja als Vertreter der sogenannten „kleinen” Leute. Mit denen tausche ich mich im Stadion natürlich auch aus. Ich sitze in Sektor D beispielsweise neben Polizisten. Da geht es vor und nach den Spielen schon mal heiß her; da vertrete ich auch meine Werte. Aber ich habe bei meiner Wahl auch versprochen: Meine Partei schleppe ich nicht ins Stadion. Dass ich mich bei RB engagiere, wurde sowohl von Einigen in der Linken als auch von den Fans beargwöhnt. Ich will das sauber trennen. 

Welchen Eindruck haben Sie aus der Innenansicht vom Fanverband gewonnen?
Neuhaus-Wartenberg: Der Fanverband ist als Dachverband der Fanclubs ein unglaublich vielseitiges Sammelsurium von ganz unterschiedlichen RB-Fans mit völlig verschiedenen Ansprüchen. Meiner Meinung nach ist unsere Organisation in der Vergangenheit nicht genügend strukturiert gewesen. Damit meine ich Kommunikationswege, Debattenkultur, Transparenz von Entscheidungen, auch die Zusammenarbeit mit dem Verein. Das war nicht optimal. 

Was wollen Sie anders machen?
Neuhaus-Wartenberg: Ich persönlich stelle mir einen Fanverband vor, in dem sich was unseren Verein und das Lebensgefühl als Fußballfans angeht möglichst viele wiederfinden und zu Hause fühlen. Der Anspruch ist, strukturierte Debatten zu führen, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, an die sich gehalten wird und vor allem transparent zu agieren. Wir als FanvertreterInnen müssen wirklich die Position des Fanverbandes vertreten, also aller Fanclubs, die bei uns im Fanverband organisiert sind. Aber auch unorganisierte Anhänger sollen jederzeit an uns herantreten können. 

"Mittlerweile gibt es Gespräche auf Augenhöhe"

Viele Fans hatten in der Vergangenheit eher das Gefühl, dass der Fanverband nicht die Belange der Fans gegenüber dem Verein vertritt, sondern andersherum: die Meinung des Vereins gegenüber den Fans. Ist dieses Problem bekannt?
Neuhaus-Wartenberg: Dieser Vorwurf ist vor allem von den fünf ausgetretenen Fanclubs sehr klar formuliert worden. Das haben wir thematisiert, und da findet nicht nur ein Umdenken statt, sondern das ist schon im Auftreten und Handeln angekommen. Wir spiegeln in den Gesprächen mit den Vereinsvertretern von RB nicht nur, was im Fanverband los ist, sondern informieren auch die Fans umfassend über die Gespräche. Es geht uns auch hier um mehr Transparenz. 

Diskutieren Sie mit dem Verein auf gleicher Augenhöhe?
Neuhaus-Wartenberg: Mittlerweile gibt es Gespräche auf Augenhöhe. Die Kritik, die beide Seiten aneinander äußern, ist sachlich; an die getroffenen Absprachen wird sich gehalten. 

Was muss sich im Fanverband in der Kommunikation mit den kritischen und ausgetretenen Mitgliedern ändern.
Neuhaus-Wartenberg: Es muss viel persönlicher, offener und sachlicher kommuniziert werden. Ich will Kritik anhören, meinen Standpunkt äußern und diskutieren, wie wir zu Lösungen kommen. Dazu braucht es eine Bereitschaft, die beidseitig sein muss. Ich habe mich übrigens mit den Vertretern der ausgetretenen Fanclubs getroffen und kann nachvollziehen, warum sie uns verlassen haben. Die betreffenden Fanclubs haben uns signalisiert, dass sie sich trotzdem weiter an Diskussionen beteiligen werden. Das freut uns. Ob die nun bei uns organisiert sind oder nicht, ist dabei nicht entscheidend. Das kann auch in dieser Form gut funktionieren. Wir reden schließlich alle über das gleiche Thema: Fußball, Fankultur und RB Leipzig. 

"Gutes abschauen, Negatives bewusst außen vor lassen"

Braucht der Fanverband mehr Haltung bei kritischen Themen?
Neuhaus-Wartenberg: Ich glaube schon, dass wir uns an gewissen Stellen auch lauter, kritischer und wortmächtiger äußern müssen. Es braucht dafür aber zunächst eine Selbstverständigung: Ich möchte gern intern diskutieren, wo wir hinwollen. Das muss gemeinsam im Diskurs entstehen. Man muss sich auch immer vergegenwärtigen: Diese Fanszene gibt es erst sieben Jahre. Wir sind eben kein Traditionsverein, wo Dinge tradiert werden. Ich halte genau das für eine große Chance. Wir können so von anderen Vereinen lernen, genau hinschauen, wie dort Fankultur und Fanszene funktionieren, sich Gutes abschauen, aber Negatives bewusst außen vor lassen. 

Konkret?
Neuhaus-Wartenberg: Gewalt und Diskriminierung im Stadion. Ich möchte, dass diese Familienfreundlichkeit bei RB nicht nur erhalten bleibt, sondern ausgebaut wird. Es geht darum, aufeinander aufzupassen. Parteipolitik hat in den Stadien nichts verloren, aber man kann auf Einstellungen und Äußerungen seines Nachbarn achten und reagieren. Es geht um eine Haltung gegen Rassismus und Diskriminierung und eine sozial engagierte Fanszene. Das ist der Anspruch. 

Ist die Struktur Fanverband, die weder eine eigene Rechtsform noch ein Konto hat, dem gewachsen?
Neuhaus-Wartenberg: Wir müssen die Struktur noch mehr mit Leben füllen. Wir müssen auch die Satzung überarbeiten, die vielleicht an Stellen nicht mehr zeitgemäß ist. Wir werden jetzt zunächst ein Organigramm erarbeiten, welcher FanvertreterInnen wofür zuständig sind. Es gibt mittlerweile auch eine Finanzordnung.

Muss sich der Fanverband auch personell breiter aufstellen, um ein breiteres Spektrum an Fans anzusprechen?
Neuhaus-Wartenberg: Das ist eine Möglichkeit. Es geht dabei immer um Beteiligung. Jeder und, der oder die mitmachen und sich einbringen will, ist uns herzlich willkommen. 

Bei der Fanversammlung am Samstag waren 150 von insgesamt etwa 8000 organisierten und vielen Tausend unorganisierten Fans vor Ort. Nicht gerade ein Zeichen des Aufbruchs.
Neuhaus-Wartenberg: Auch daraus lernen wir. Zum einen müssen wir eine solche Veranstaltung prominenter bewerben. Zum anderen geht es um das Klima. Wenn Leute wieder den Eindruck haben, dass sie sich wirklich beteiligen und sich Gehör verschaffen können, kommen auch wieder mehr. 

"Wir diskutieren bestimmte Modelle, wie wir zu mehr Mitspracherecht kommen könnte"

Hat ein Großteil der RB-Fans vielleicht gar keine Lust, sich an diesem demokratischen Prozess bei der Entwicklung der Fanszene zu beteiligen? Der Verein lebt demokratische Werte nicht eben vor.
Neuhaus-Wartenberg: Die Ausstrahlung des Klubs ist natürlich auch wesentlich dafür, was in der Fanszene passiert. Aber wenn Leute nur zum Fußballschauen ins Stadion gehen wollen und keine Lust haben, sich zu beteiligen, ist das völlig legitim. Abholen müssen wir die Leute, die Lust auf Beteiligung haben. Da bieten die RB-Fanszene und der Fanverband den Leuten auch eine Möglichkeit, sich gesellschaftlich generell wieder stärker einzubringen. 

Inwiefern betrachten Sie die Struktur von RB Leipzig mit kaum Mitgliedermitbestimmung und wenig transparenten Entscheidungswegen kritisch? Sie stehen politisch für andere Werte.
Neuhaus-Wartenberg: Ich glaube, dass RB über kurz oder lang nicht darum herum kommen wird, hinsichtlich der Mitgliederteilhabe etwas zu ändern. Davon bin ich überzeugt. Wir als FanvertreterInnen diskutieren bereits aktuell mit dem Verein ganz bestimmte Modelle, wie wir zu einem anderen Mitspracherecht kommen könnten. Da gibt es noch keine Lösung, aber es gibt den Willen von uns, das zu thematisieren. Wir bleiben da dran. 

Umfrage unter 43.000 Stadionbesuchern zum Thema Neubau

Darauf lässt sich der Verein ein?
Neuhaus-Wartenberg: Der Verein stellt sich da keineswegs auf die Hinterbeine. Mir scheint es eher, dass es diesbezüglich auch seitens des Vereins ein Umdenken und den Willen zu Veränderung gibt. Obwohl ich politisch für etwas vollkommen anderes stehe, weiß ich aber auch, dass es auch den Verein mit seinen Strukturen erst seit sieben Jahren gibt. Ich will gern dafür kämpfen, doch dafür braucht es Geduld. Das muss auch im Verein organisch wachsen. 

Wie positionieren Sie sich zum Thema Stadion? Unterstützen Sie die Initiative 60plus, die sich für einen Verbleib im Stadion in der Stadt einsetzt?
Neuhaus-Wartenberg: Wir haben der Initiative 60plus bei der Fanversammlung eine Bühne geboten, ihre Initiative vorzustellen. Auf eine Seite dafür oder dagegen möchten wir uns gar nicht schlagen, da es unter den Fans auch BefürworterInnen eines Neubaus gibt. Aus der Politik weiß ich: Für diese Entscheidung braucht es einen Interessensausgleich zwischen Verein, Stadt, Politik generell, Stadioneigentümer und auch Fans. Aus Fanperspektive fänd’ ich es total spannend, unter allen 43.000 Stadionbesuchern bei einem Spiel eine Umfrage zum Stadionthema zu machen. (mz)