Zwischenfazit

Rasenballsport Leipzig im Trainingslager: Erstes Zwischenfazit nach Testspiel gegen FC Turin

Grassau - Es gibt noch immer die landläufige Meinung, RB Leipzig gehöre eigentlich nicht in die Welt des deutschen Fußballs, in die Folklore, die Geschichte, Tradition und Wahrheit.

Von Martin Henkel 05.08.2016, 15:10
Die Profis von RB Leipzig bereiten sich intensiv auf ihre erste Spielzeit in der Fußball-Bundesliga vor.
Die Profis von RB Leipzig bereiten sich intensiv auf ihre erste Spielzeit in der Fußball-Bundesliga vor. imago sportfotodienst

Es gibt noch immer die landläufige Meinung, RB Leipzig gehöre eigentlich nicht in die Welt des deutschen Fußballs, in die Folklore, die Geschichte, Tradition und Wahrheit.

Zu jung seit der 2009 gegründete Verein, zu künstlich, das Engagement des Hauptsponsors fragwürdig, und überhaupt, die Zuwendungen in zwei-dreistelliger Millionenhöhe stammen ja auch noch aus Österreich.

Und dann reiste dieser Verein am Donnerstagnachmittag aus seinem Trainingslagerort Grassau hinüber ins nachbarliche Kufstein, um dort den italienischen Erstligisten FC Turin zum Testduell zu treffen.

RB Leipzig zeigt Emotionen gegen FC Turin

Von wegen, RB Leipzig sei kein deutsches Produkt. Keine 20 Minuten waren vorüber und der sächsische Klub war mittendrin in der deutsch-italienischen Fußballgeschichte.

Es wurde gegrätscht, gefoult, ausgeteilt, eingesteckt, geflucht, gerangelt, Männerbrüste standen sich drohend gegenüber, Kinnladen wurden gereckt, und Mitte der zweiten Halbzeit versammelten sich sämtliche Feldspieler zu einer Testosterontraube, die ohne Abstriche den Geist altvorderer Ansammlungen erfüllte.

Dazwischen gab es auch Fußball, hier und da ein paar Erkenntnisse, am Ende stand es 0:0. Doch die entscheidende Botschaft des Spiels ist diese gewesen: Die Spieler des angeblichen Reagenzglasklubs Rasenballsport Leipzig benehmen sich wie alle anderen Spieler deutscher Klubs auch. Nichts ist ihnen lieber, als sich von Italienern provozieren zu lassen.

FC Turin ist guter Sparringpartner für Rote Bullen

Mittendrin war auch Stürmer Yussuf Poulsen. Der bekam Mitte der ersten Halbzeit eine italienische Hand ins Gesicht, stürzte wie von der Axt gefällt zu Boden und resümierte später: „Am Anfang haben wir es gut gemacht, dann wurde das Spiel aber etwas wilder, viele Zweikämpfe, viele Fouls, viele Freistöße. Mit Fußball hatte das nicht mehr so viel zu tun.“

Aber, Turin sei ein sehr guter Sparringspartner gewesen, so etwas wie der Prototyp der kommenden Gegner in der Ersten Liga und im DFB-Pokal, in dem bekanntlich die Klassenunterschiede verschwimmen. „Und deshalb war das ein guter Test, wir haben viel lernen können.“

Die ersten Wochen von Ralph Hasenhüttl bei RB Leipzig

Fünf Tage ist das RB-Trainingslager in Grassau am Chiemsee nun alt, und knapp vier Wochen sind vergangen, seit der neue Trainer Ralph Hasenhüttl dem Leipziger Kader versucht, seine Ideen näher zu bringen.

In dieser Zeit ist viel darüber spekuliert worden, wie der Österreicher die Vorgaben der Klubführung und die Erwartungen des Hauptsponsors erfüllen will. Nämlich den Neuling so schnell wie möglich aus der Abstiegszone zu führen, und das mit einem Kader, dem es vor allem an Spielern mit belastbaren Erstliga-Erfahrungen mangelt.

Es gibt leichtere Aufgaben für einen Trainer, aber Hasenhüttl hat ja selbst nur ein Jahr lernen dürfen, wie man im deutschen Oberhaus erfolgreichen Fußball spielt, letzte Saison mit dem FC Ingolstadt.

Das hilft vielleicht, immerhin befinden sich Trainer und Kader so auf ein und derselben Exkursion. Ist gut fürs Binnenklima, fördert die wortlose Verständigung und schweißt zusammen. Schicksal und Gemeinschaft.

Das sagt RBL-Coach Hasenhüttl über seine Mannschaft

Hasenhüttl jedenfalls ist ganz begeistert von der Arbeit mit seinen Spielern. Sagte nach dem Kufsteiner Test: „Die Jungs bereiten mir große Freude.“ Und bestätigte die Einschätzung seines Kapitäns Dominik Kaiser: „Wir haben in diesem Spiel viel lernen können.“

Die erste Lektion: Das frühe Anlaufen des Gegners ist eine Strategie, mit der Leipzig gegen gleichkalibrige Gegner 15 Minuten lang Zeit haben wird, früh in Führung zu gehen. RB hatte in dieser Zeit gegen Turin drei hochkarätige Chancen.

Hasenhüttl: „Wir hätten eigentlich 2:0 führen können.“ Die zweite: Alles wird darauf ankommen, wie fit seine Spieler sind. Nach 20 Minuten bereits waren die Beine schwer und der Kopf müde, die gängigen Lähmungserscheinungen bei Spielern in der Vorbereitung.

Hasenhüttl: „Die Körner waren doch recht schnell verbraucht.“ Ergo: „Wir haben es nicht mehr so geschafft, unser Pressing auszulösen, um in Ballbesitz zu kommen.

Deutet sich eine Startformation der Roten Bullen an?

Das geht halt nur in höchstem Tempo und das war heute nicht so möglich.“ Dritte Lektion: Das 4-3-3 der ersten Minuten funktioniert, das Umschalten in ein defensiveres 4-3-2-1 nicht. Noch nicht. „Als Turin anfing, mit langen Bällen aus der Abwehr heraus zu spielen, haben wir umgestellt. Das hat nicht so gut geklappt.“

Nur gut, das noch Zeit bleibt bis zum Saisonauftakt im DFB-Pokal, erste Runde, gegen Dynamo Dresden. Immerhin kristallisiert sich für Hasenhüttl langsam eine Startelf heraus.

Gegen Turin zeigte sie erstmals ihr Gesicht, auch wenn der Trainer vehement verneinte, die Kufsteiner Anfangsformation sei seine bereits bevorzugte Garde. Natürlich doch, zu groß wäre die Gefahr, dass einige Spieler in den Reservistenmodus schalten.

Das Grundgerüst für Ralph Hasenhüttl steht

Zumal Hasenhüttl ja auch noch zwei Spieler mit Stammelfpotenzial fehlen, die deutschen Olympiaspieler Selke und Klostermann. Wenigstens Klostermann nämlich dürfte gesetzt sein, vermutlich auf der rechten Viererkettenseite.

Und noch ist unklar, ob Hasenhüttl am Ende der Grassauer Tage seinen Sportdirektor Ralf Rangnick nicht doch den Kauf eines Innenverteidigers empfiehlt. Compper, Orban, Nukan und wahlweise Ilsanker sind solide, aber wer mindestens 60 Prozent seiner Ligaspiele als Underdog bestreiten wird, der wird innen hinten Spieler brauchen, die besser als solide sind.

Das Gerüst allerdings dürfte stehen. Klostermann und Halstenberg auf den defensiven Außenbahnen, davor Keita, Ilsanker zentral, Kaiser und Forsberg Mitte außen. Vakant sind die Plätze im Tor, Coltorti oder der gerade verletzte Gulácsi, die Plätze in der Innenverteidigung und die in der Offensive. Vier Stümer hat Hasenhüttl für maximal zwei Plätze zur Verfügung:  Werner, Poulsen, Sabitzer, Selke.

RB Leipzig mit gutem Omen gegen Würzburger Kickers

Im Kern glich die Turiner Startelf der Mannschaft, die Hasenhüttl vor einer Woche gegen die Würzburger Kickers auf den Rasen schickte. Die spielte den Zweitliga-Aufsteiger gegen die Wand und verführte den Kickers-Trainer Bernd Hollerbach zu einer Einschätzung, mit der Hasenhüttl bestens wird leben können.

Sie legt ihm nahe, auf Kurs zu bleiben: „Wenn die so spielen", so Hollerbach, "landen die unter den ersten fünf.“ Er wird’s wissen. Hollerbach war Co-Trainer unter Felix Magath, der 2009 den VfL Wolfsburg zur Deutschen Meisterschaft führte. (mz)