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Zuschauerschwund beim HFC

Zuschauerschwund beim HFC: Im Schatten der Bullen

Halle (Saale)/Leipzig - Nicht einmal das Derby gegen Magdeburg ist ausverkauft - ein gravierendes Beispiel für den Zuschauerschwund beim Halleschen FC. Der Klub will gegensteuern.

Von Christoph Karpe und Ullrich Kroemer 03.05.2017, 06:00

Irgendwann in der Winterpause fasste Thomas S. (Name geändert) einen für ihn einschneidenden Entschluss. Jahrzehntelang hatte er mit dem Halleschen FC gefiebert - egal, in welcher Liga der Verein kickte. Thomas S. besuchte sogar Trainingslager im Ausland. Doch inzwischen hat er seiner großen Liebe abgeschworen. Er besitzt eine Dauerkarte von RB Leipzig.

Nein, so richtig wohl fühlt er sich mit dem Wechsel zu einer anderen Sportphilosophie nicht. Aber: „Ich bin Fan dieses Sports durch und durch, fahre wegen Spielen sogar ins Ausland. Ich will einfach richtig hochklassigen Fußball sehen“, sagt Thomas S..

Heimspiele des HFC: Nur noch 6.500 Fans pro Spiel

Betrachtet man den Zuschauerschnitt beim halleschen Drittligisten hat Thomas S. nicht als einziger einen solchen Gesinnungswandel hinter sich. In der Saison 2014/15, nachdem der reichlich alimentierte Bullen-Klub dem HFC in die dritte Liga gefolgt war, wollten im Schnitt 8.000 Fans Spiele im Erdgas Sportpark sehen. In der aktuellen Serie, in der die Mannschaft in der Rückrunde die Aufstiegschance verspielte, weil sie das Tor nicht traf, sinkt die Zahl am Ende - nur das Spiel gegen Wehen Wiesbaden steht noch aus - auf einen Wert um 6.500. Es ist der niedrigste Stand in fünf Drittliga-Jahren. Inzwischen sind nicht einmal die Derbys gegen den 1. FC Magdeburg im Pokal (7.809) und jetzt im Punktspiel (8.021) ausverkauft.

Mehr Alarmsignal geht nicht. Im Vorjahr war das Stadion gegen den FCM mit 12.503 Fans ausverkauft. Da gab es Warteschlangen beim Vorverkauf. Die Gäste-Anhänger boykottierten das Duell weitgehend wegen des Todesfalls Hannes S.. Aber nicht einmal das Heimkontingent war vergriffen.

In drei Spielen - auch noch gegen Hansa und Dynamo Dresden - kam der HFC auf fünfstellige Zuschauerzahlen. In der aktuellen Serie blieben die 8.716 Fans vom ersten Heimspiel der Saison gegen Chemnitz der Bestwert. Gut 30 Kilometer entfernt gibt es jetzt Erstliga-Fußball.

Der Sympathieverlust schlägt sich auch bitter in der HFC-Kasse nieder. Etwa 125.000 Zuschauer wird der Klub zum Saisonende zählen. Bedeutet Rang sieben in der Liga, immerhin. Aber gut 140.000 waren es 2015/16. Das macht unter dem Strich Mindereinnahmen von etwa 150.000 Euro. Das Geld würde für zwei Mittelklasse-Kicker reichen. Während der HFC über die Zuschauer rund 1,25 Millionen Euro einnimmt, sind es in Magdeburg etwa 3,3 Millionen. Ein Vergleich, der vielleicht unangebracht ist, aber zeigt, wie viel mehr Geld der ungeliebte Rivale über die Fans generiert. Was ihm dann auch einen Wettbewerbs-Vorteil einbringt.

Aber auch an der Elbe kommen diese Saison etwa 20.000 Fans weniger als letzte. Wo also liegen die Ursachen für den Schwund?

Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) hatte dem HFC im Herbst 2016 fehlende Visionen und ein maues Marketing-Konzept vorgehalten. Die Klubführung habe sich in Liga drei eingerichtet und verfolge auch keine höheren Ziele, so seine Meinung, mit der er nicht allein dasteht.

So kommen in Halle eben nur die treuen Rot-Weißen, die Traditionalisten, die schon immer zum Klub gehalten haben, egal ob es um Auf- oder Abstieg oder um Mittelmaß ging. Das Eventpublikum zieht es verstärkt nach Leipzig. Gleich beide Fußball-Niveauformen zu erleben, ist auch eine Geldfrage. Gehen Vater und Sohn gemeinsam zum HFC, zahlen sie für ihre Tageskarten im Familien-Block insgesamt 22,50 Euro. In Leipzig kosten ähnliche Plätze etwa 60 Euro.

Mögliche Ursache des Zuschauerschwundes beim HFC: Vieles im TV zu sehen

Beim Halleschen FC hat man die Augen offen. „Natürlich registrieren wir das Zuschaueraufkommen aufmerksam. Der Rückgang hat mehrere Ursachen. Angefangen von der Tatsache, dass inzwischen alle Spiele live zu sehen sind, entweder im TV oder als Stream im Internet. Darüber hinaus sind im Vergleich zum Vorjahr drei Ost-Derbys gegen Dresden, Aue und Cottbus weggefallen, ein Großteil der Magdeburger Fans reiste nicht mit nach Halle und zudem verlief die Rückrunde sportlich enttäuschend“, sagt HFC-Vize-Präsident Jörg Sitte.

Es gibt Pläne gegenzusteuern: „Wir haben Ideen für Zuschauerwerbung in der kommenden Saison entwickelt.“ Dafür wurde ein Eventmanager eingestellt. Zudem sein das „Phänomen“ kein „spezifisches des HFC“: „Auch an anderen Standorten wurden die Hoffnungen in Sachen Besucherzahl nicht erfüllt“, hat Sitte registriert. Der Chemnitzer FC ist durch Mindereinnahmen in diesem Bereich finanziell in Schieflage geraten. In Halle ist das zumindest noch nicht der Fall. (mz)