Streichung sorgt für Ärger

Halle bald sportliches Niemandsland: Streichung von drei Bundesstützpunkten sorgt für Ärger

Halle (Saale) - Die Strukturreform schlägt hohe Wellen. Beim SV Halle sorgt die geplante Streichung von drei Bundesstützpunkten für Ärger. Welche Hoffnung es gibt.

Von Christoph Karpe 07.11.2018, 09:00

So ein 60. Geburtstag ist vermeintlich ein Jubelfest-Anlass. Beim Sportverein Halle, mit über 4.000 Mitgliedern der größte Sportclub des Landes Sachsen-Anhalt, war jedoch am Montagabend niemandem so recht nach Polonaise zumute.

Dabei wäre gute Laune ein Einfaches gewesen. Hätte man lediglich zurückgeschaut. Allein 21 olympische und 73 WM-Goldmedaillen (inklusive U23), haben Athleten den Clubs - mitsamt DDR-Vorgänger SC Chemie - erobert. Doch das Thema jenes Festkolloquiums in der ehrwürdigen Leopoldina verlangte eine kritische Analyse des Jetzt - und eine schonungslose Prognose. Den gesamten deutschen Sport betreffend. „Jubeln in Zukunft nur die anderen“, so das Thema - wobei „die Anderen“ schon hätte substantiviert werden können. Nebensächlich.

Schwimmen, Rudern Turnen: SV Halle verliert drei Bundesstützpunkte

Auf dem Podium hatte sich eine illustre Runde geballter Kompetenz eingefunden, um zu diskutieren, wie es um den Spitzensport allgemein und ganz speziell in Halle alsbald bestellt sein dürfte. Düster - mit einem Hoffnungsschimmer. So der Tenor.

In der Vorwoche war bekanntgeworden, dass Halle drei Bundesstützpunkte verliert: Schwimmen, Rudern, Turnen männlich. Damit bleiben Sachsen-Anhalt nur ganze sechs, mit der Leichtathletik und Wasserspringen zwei in Halle. Zum Vergleich: Brandenburg hat nun 14, Baden-Württemberg 27 - Deutschland 155. So das Ergebnis der Spitzensportreform der Republik.

Für den Schwimm-Weltmeister Paul Biedermann ist diese bereits „gescheitert“, weil es „nicht um Athleten und Trainer geht“. Sondern nur um statistische Erhebungen und nüchterne Berechnungen. Die Vereine, diejenigen, die die Alltagsarbeit leisten, jedenfalls wurden nicht befragt, wie SV-Präsident Christoph Bergner bemerkte. Innen- und Sportminister Holger Stahlknecht (CDU) hielt dagegen: „Wenn es Handlungsbedarf gibt, müssen Reformen her.“ Und auch „unbequeme Wahrheiten“. Nach den Olympischen Spielen 2016 sah man im deutschen Sport den Zwang, zu handeln, um künftig mehr als nur 17 Goldmedaillen erobern zu können.

Die Spitzenverbände rufen die zuvor hart erstrittenen Fördergelder des Bundesinnenministeriums (BMI) reihenweise nicht ab. Dies geht aus einem Schreiben von DOSB-Präsident Alfons Hörmann hervor. Das BMI habe aufgezeigt, „dass für 32 Prozent der Mittel noch keine Anträge der Verbände vorliegen! Hier drohen Mittel zu verfallen, was unsere Position ... bei der Forderung zusätzlicher Mehrbedarfe für das nächste Jahr nachhaltig schwächt.“

Das BMI hatte dem DOSB im Juni nachträglich 23,2 Millionen Euro für 2018 genehmigt, dem Brief zufolge liegen für 7,42 Millionen Euro keine Anträge vor. Hintergrund sind offenbar Probleme in den Verbänden mit dem komplexen Antragsverfahren.

Allerdings hat auch das BMI Schwierigkeiten mit dem Verfahren, da es für die Bearbeitung gestellter Anträge zu wenig Personal gibt. Von den 23,2 Millionen Euro sind laut Hörmann und Rücker erst 6,03 Millionen ausgezahlt worden. 9,75 Millionen stecken demnach beim BMI in der Warteschleife.

Der DOSB fordert für 2019 zusätzlich zu den etwa 200 Millionen Euro 60 weitere Millionen an Fördergeldern. Eine Entscheidung fällt der Haushaltsausschuss des Bundestages in der Bereinigungssitzung in der Nacht auf Freitag.  (sid)

Doch was ist passiert? Es sind „Collateralschäden“ entstanden, wie sie Andreas Silbersack, der Präsident des Landessportbundes, nannte. Ein Beispiel: Julia Lier, 2016 Ruder-Olympiasiegerin, muss als Folge der Zentralisierung nun in Berlin trainieren. Die Besten müssen gehen, um als Kader weiter gefördert zu werden. Dem Nachwuchs an der Saale geht so das Idol verloren. Gibt es keine Bundesstützpunkte in Halle mehr, degeneriert zudem der Wert der sogenannten Eliteschule des Sports. Und: Keine Stars, keine Sponsoren.

SV-Geschäftsführer sieht in Entscheidungen ein „Großteil an Willkür“

Außerdem: In Halle gibt es top Sportstätten - diese Ressourcen würden vergeudet. Ingo Michalak, Hauptgeschäftsführer des SV, sieht in den Entscheidungen ein „Großteil an Willkür“. „Ich hoffe auf Nachjustierung.“ Dabei geht es nicht einmal um die Mittel, die durch den Wegfall des Status Bundesstützpunkt fehlen. Halle bekommt bisher jährlich 240.000 Euro vom Bundesinnenministerium - nur etwa ein Zehntel der Gesamtbetriebskosten der Sportstätten der Stadt.

Eine Hoffnung aber gibt es. Der Deutsche Olympische Sportbund hat bei 17 Streichfällen „ein Veto eingelegt“, wie Silbersack, berichtete. Das gilt auch für den Bundesstützpunkt Schwimmen in Halle. Den hatte das Ministerium für förderungswürdig gehalten, nur der Fachverband nicht.

Halles Schwimm-Nachwuchs immer noch der Zweitbeste in Deutschland

Womöglich spielten da auch alte persönliche Animositäten zwischen Bundestrainer Henning Lambertz und Biedermanns Coach Frank Embacher eine Rolle. Dem unbequemen Embacher war Ende 2016 gekündigt worden, Biedermann hatte die Karriere beendet, einen echten Top-Athleten konnte Halle fortan nicht vorweisen. Anschlusskader folgten Embacher an seinen neuen Arbeitsort Leipzig. Doch Halles Schwimm-Nachwuchs ist immer noch der Zweitbeste in Deutschland - nach Magdeburg.

Ein wichtiges Pfund, mit dem Silbersack wuchern will: „Ich sehe durchaus gute Chancen, dass Halle als Bundesstützpunkt erhalten bleibt. Auch wenn im Land der Fehler gemacht wurde, auf Doppelstandorte zu setzen“, sagte er nach dem offiziellen Teil. Vorher hatte er verkündet: „Ich akzeptiere nicht, dass Halle abgehängt wird.“ Großer Beifall. (mz)