Torrausch bei RB Leipzig

Torrausch bei RB Leipzig: Fünf Minuten Anarchie

Leipzig - RB Leipzig stand in dieser Saison bislang für Effizienz, kontrollierten, organisierten und bisweilen auch gehemmt wirkenden Ergebnisfußball. Die letzten fünf Minuten beim 4:2 (1:1)-Triumph gegen den MSV Duisburg am Sonntagnachmittag bildeten das komplette Kontrastprogramm dessen. Angesichts des 1:2-Rückstandes und der drohenden Niederlage gegen den Tabellenletzten legten die RB-Kicker plötzlich alle Fesseln ab und spielten sich in einen regelrechten Torrausch, der das ganze Stadion in Ekstase versetzte – auch die Protagonisten auf dem ...

Von Ullrich Kroemer
Eins, zwei, drei: Oberkörper frei! Nach seinem Tor zum 3:2 befreite sich der beflügelte Atinc Nukan von seinem Trikot.

RB Leipzig stand in dieser Saison bislang für Effizienz, kontrollierten, organisierten und bisweilen auch gehemmt wirkenden Ergebnisfußball. Die letzten fünf Minuten beim 4:2 (1:1)-Triumph gegen den MSV Duisburg am Sonntagnachmittag bildeten das komplette Kontrastprogramm dessen. Angesichts des 1:2-Rückstandes und der drohenden Niederlage gegen den Tabellenletzten legten die RB-Kicker plötzlich alle Fesseln ab und spielten sich in einen regelrechten Torrausch, der das ganze Stadion in Ekstase versetzte – auch die Protagonisten auf dem Rasen.

Torschütze Atinc Nukan riss sich nach seinem artistisch eingesprungenen Schulter-Kopfball zum 3:2 (87.) das Trikot vom Leib und rutschte auf dem Rasen entlang, als habe er RB gerade zum Aufstieg geschossen; selbst Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick ließ seinen Gefühlen einmal freien Lauf, schnappte sich nach dem 4:2 den Ball und kickte die Kugel in die Abenddämmerung. Jeder, der dabei gewesen ist, wird diese fünf Minuten Fußball-Anarchie so schnell so schnell nicht vergessen.

Allein die Schlussminuten boten Stoff für so zahlreiche Geschichten wie sonst in einem ganzen Monat: Der zuvor in dieser Saison noch torlose Yussuf Poulsen avancierte bei seinem ersten Startelfeinsatz seit Monaten zum Doppeltorschützen (27., 90.); der lange verletzte Nukan erzielte ebenso seinen Premierentreffer für seinen neuen Klub wie Stürmer Nils Quaschner (85.), der die verrückte Schlussphase eingeleitet hatte; und der bisher wenig durchschlagskräftige Spielmacher Massimo Bruno glänzte als Vorlagengeber.

Mit Moral, Mentalität und Charakter

Auch tags darauf beim Training waren Rangnick und seinen Kickern noch Zufriedenheit und Stolz über den wichtigen Sieg anzumerken. „Alle Spieler, die eingewechselt wurden oder neu in die Startelf gerückt sind, waren am Sonntag die Matchwinner”, freute sich der Chefcoach. „Das ist für den Kader ein wichtiges Zeichen und bringt auch für die Atmosphäre im Team viel.”

Es war zu spüren: Die Art und Weise, in der der Sieg errungen wurde, besitzt auch über die drei Punkte hinaus besonderen Wert für das Team. „Es schadet nicht zu wissen, dass wir auch in scheinbar aussichtslosen Situationen in der Lage sind, ein Spiel zu drehen”, sagte Rangnick. „Das ist hilfreich für zukünftige Fälle, in denen es zäh ist und die Spieler mal hadern und zweifeln.”

Direkt nach der Partie hatten die Kicker unisono Moral, Mentalität, Charakter des Teams herausgehoben, die die Energieleistung überhaupt möglich machten. Diese Siegermentalität unterscheidet den aktuellen Tabellenzweiten der 2. Liga von der Mannschaft des Vorjahres. Doppeltorschütze Poulsen sagte in den Stadionkatakomben: „In diesem Jahr haben wir genügend Qualität und ein bisschen mehr Glück, dass wir auch die knappen Spiele gewinnen.

Wir haben eine super Moral, auch wenn wir wie heute kurz vor Schluss zurückliegen.” Dem Trainer komme bei der mentalen Steigerung eine entscheidende Rolle zu: „Ralf Rangnick glaubt immer an uns, und wir glauben aneinander. Das ist entscheidend”, sagte Poulsen.

Außergewöhnliche Auswärtsbilanz

Während die Ersatzspieler, darunter auch die Helden Nukan und Quaschner, am Montag ein lockeres Spielersatztraining mit Fußballtennis und Spielchen auf dem Speed Court (ummauerter Platz für schnelles Spiel ohne Seiten- und Toraus) absolvierten, blickte Rangnick auf den Reifeprozess in den vergangenen 17 Spielen zurück: „Wir sind zufrieden mit der Entwicklungsgeschichte hier in Leipzig, auch weil ich sehe, wie sich die Spieler füreinander einbringen und freuen. Das ist mittlerweile ein richtig verschworener Haufen. Jeder gönnt jedem alles, und trotzdem verhält sich jeder professionell.”

Dazu habe das Team im Vergleich zur vergangenen Saison „einige wichtige Erfahrungen und Eigenschaften verinnerlicht. So ertragen wir zum Beispiel die nicht immer friedliche Auswärtsatmosphäre besser”, sagte Rangnick. Zwar sei es auf fremden Plätzen schon „deutlich ruhiger und sachlicher” geworden, aber auch die Spieler „gehen besser damit um und konzentrieren sich auf unser Spiel.” Die Auswärtsbilanz, betonte Rangnick, sei „schon außergewöhnlich. Ich kann mich nicht an eine so starke Punkteausbeute mit einer meiner früheren Mannschaften erinnern.” Mit 21 Punkten – 2,3 Zähler im Schnitt – führt RB die Auswärtstabelle klar an.

Bleibt die Frage, weshalb Rasenballsport zuhause gegen Kellerklub Duisburg erst kurz vor Schluss in Rückstand geraten musste, um die Hemmungen abzulegen und das Torefestival zu starten. „Vielleicht war es aus psychologischer Sicht so, dass wir dann nichts mehr zu verlieren hatten und noch ein bisschen mutiger gespielt haben”, sagte Abwehrmann Willi Orban. „Da müssen wir hinkommen, dass wir gerade zuhause noch mutiger spielen und nicht erst in Rückstand geraten müssen, um das Spiel noch zu gewinnen.”