RBL-Stürmer bei der WM

RBL-Stürmer bei der WM: Timo Werner sorgt für Schwung im DFB-Team

Watutinki - Es gehört zu den nicht vollkommen überraschenden Erkenntnissen dieser Fußball-WM, dass Tempo von entscheidender Bedeutung ist; Geschwindigkeit im Denken und Handeln und Speed auf den Beinen. Joachim Löw hat aus der deutschen Mannschaft über die Jahre hinweg eine Pass- und Positionsspielmaschine gebastelt, er hat das sehr gut gemacht, aber er hat irgendwann auch erkennen müssen, dass diese Methode der fußballerischen Fortbewegung ein wenig Staub angesetzt ...

Von Jan Christian Müller 26.06.2018, 08:30
Timo Werner bringt aktuell richtig Schwung ins deutsche Angriffsspiel.
Timo Werner bringt aktuell richtig Schwung ins deutsche Angriffsspiel. xinhua

Es gehört zu den nicht vollkommen überraschenden Erkenntnissen dieser Fußball-WM, dass Tempo von entscheidender Bedeutung ist; Geschwindigkeit im Denken und Handeln und Speed auf den Beinen. Joachim Löw hat aus der deutschen Mannschaft über die Jahre hinweg eine Pass- und Positionsspielmaschine gebastelt, er hat das sehr gut gemacht, aber er hat irgendwann auch erkennen müssen, dass diese Methode der fußballerischen Fortbewegung ein wenig Staub angesetzt hatte.

Staub mag der Bundestrainer überhaupt nicht, Fahrtwind bläst Staub weg, also hat Löw aufs Gaspedal getreten und ein bisschen Taktik zugunsten etwas mehr Tempo geopfert. Das passt in den philosophischen Ansatz des modernen Fußballs, der im Deutschen Fußball-Bund in der Talentförderung jahrelang vernachlässigt wurde und nun verstärkt verfolgt wird: Individualität fördern, Frechheit fordern, Mut zur Einzelleistung unterstützen.

Timo Werner hat zwei Tore vorbereitet

In dieses Passepartout passt Timo Werner präzise hinein. Er war schon als Jugendlicher so gut, dass die Trainer in der Stuttgarter Talentschmiede ihn nicht im Taktikkorsett ersticken ließen.

Die Rückennummer 9 weist den 22-Jährigen zwar als Mittelstürmer aus. Sein Beschäftigungsfeld geht aber weit über den gegnerischen Strafraum hinaus, auch Südkorea soll das am Mittwochnachmittag (16 Uhr) in Kasan zu spüren bekommen. Da braucht Deutschland Tore, um sicher das Achtelfinale zu erreichen. Werner fühlt sich verantwortlich, er will zeigen, dass er zum Weltklassemann taugt, auch wenn er so weit noch nicht ist.

Der Profi von RB Leipzig hat sich zu einem vollvariabel einsetzbaren Offensivmann entwickelt. Er kann auch über die rechte Seite angreifen, aus der Tiefe kommen oder über links wirbeln. Das hat er gegen Schweden eine Halbzeit lang auf Weisung des Trainers getan – und dem deutschen Angriff einen völlig neuen Schwerpunkt verschafft, der Match-entscheidend war. Werner bereite von dort aus beide Tore vor. Eines per flacher Flanke, eines, indem er in der vierten Minute der Nachspielzeit ein Foul zog, dem der epochale Freistoßtreffer von Toni Kroos folgte.

Timo Werner: Das 0:1 war „ein Schlag in die Fresse“

Danach hat es Timo Werner nicht geschafft, zur Seitenlinie zu rennen, wo bald eine saftige Spielertraube um den Torschützen wuchs. „Ich bin einfach zusammengeklappt“, berichtete Werner am Montag, als der DFB ihn auf einem hohen Podium im Pressezentrum von Watutinki präsentierte. Seine tief liegende Augen leuchten noch immer nach, wenn er sich erinnert.

Schon direkt nach dem Spiel hatte er in prägnanten Worten erzählt, wie es ihnen zuvor gemeinsam ergangen war. Das 0:1 sei „ein Schlag in die Fresse“ gewesen, „da sind unsere Köpfe nicht arg weit höher gekommen als bis zu den Knien“, nach dem Schlusspfiff seien ihm „fast schon die Tränen gekommen, weil es so geil war“, in der Kabine hätten dann „die meisten einfach nur geschrien“.

Der Junge hat sich etwas Erfrischendes nicht nur in seiner Spielweise bewahrt. Er drückt auch verbal aufs Tempo. Aus dem Erlebnis von Sotschi gegen Schweden leitet der Tiefenläufer eine konkrete Forderung an sich selbst und die Spielkameraden ab: „Wenn wir die Steilvorlage nicht nutzen und darauf durchs Turnier reiten, dann hätte das Spiel nichts gebracht.“ Er selbst sitzt noch immer staunend im Sattel: „Bei einer Weltmeisterschaft ins Stadion einzulaufen, diese Stimmung, das Gefühl kann man gegen kein Geld der Welt eintauschen.“

DFB-Team funktioniert aktuell nicht ohne Werner

Es hat auch schon ganz andere Gefühlslagen im Sportlerleben des Timo Werner gegeben. Nach seiner Schwalbe gegen Schalke 04 wurde der junge Mann fast ein Jahr lang in einem öffentlichen Tribunal durchs Land getrieben. Werner ist daran nicht zerbrochen, wahrscheinlich hat ihn diese Erfahrung sogar stärker gemacht. Eine widerstandsfähige Elefantenhaut gegen öffentliche Erregung ist im Shitstorm-Zeitalter hilfreich.

Fußballerisch ist die deutsche Mannschaft ohne den Torschützenkönig des Confed-Cups praktisch nicht mehr vorstellbar. Joachim Löws Assistent Marcus Sorg erklärt die Idee des deutschen Angriffsspiels so: „Wir leben von der Variabilität. Es soll ein ständiges Wechselspiel sein, das die Gegner vor Probleme stellt.“

Werner und Marco Reus, den beiden schnellsten Männern im Kader, kommt dabei gemeinsam mit Thomas Müller die Rolle der ständigen Rochade zu. „Wir sind frei im Spiel, was die Positionen angeht“, sagt Reus, „wichtig ist nur, dass die gefährlichen Räume besetzt sind, um die Gegner durcheinanderzubringen.“

Timo Werner: Lieber doch in der Mitte

Weniger variabel stellt sich das deutsche Spiel dar, sobald Werners Ratgeber Mario Gomez dabei ist. Der mit fast 33 Jahren älteste Spieler im Kader, ein Mittelstürmer traditioneller Prägung, gehört als Endverwerter zentral vors Tor. So kam es, dass Timo Werner gegen Schweden nach der Pause nicht mehr als Rumtreiber in vorderster Front unterwegs sein durfte, sondern mehr aus der Tiefe auf dem Flügel agieren musste. Gegen tiefstehende Gegner ist das eine Strategie, „die mir vielleicht entgegenkommt“, sagt er, macht aber auch deutlich, dass es sich dabei keineswegs um einen Liebesdienst handelt.

Später im Turnier, sofern Deutschland Südkorea bezwingt, dann, wenn die Großen warten, die sich nicht nur aufs Zumauern verstehen, sondern Luft geben, möchte Timo Werner gern zurück ins Zentrum: „Dann ist es vielleicht besser, wenn ich die Wege durch die Mitte mache.“

(mz)