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RB Leipzig: Péter Gulacsi: „Ich bin kein verrückter Torwart“

Leipzig - Mittwochvormittag am Cottaweg in Leipzig. Über dem Trainingsgelände von RB Leipzig hängen tiefe graue Wolken und ein feiner Sprühregen benetzt die wenigen verbliebenen Zuschauer. Die Mannschaft ist bereits seit einigen Minuten in den Kabinen des neuen RB-Trainingszentrums verschwunden, nur einer trainiert noch immer. Torwart Péter Gulacsi lässt sich von Torwarttrainer Frederik Gößling Schuss um Schuss auf sein Tor feuern, pariert aus kurzer und mittlerer Distanz einen Ball nach dem anderen. Als alle Bälle hinter dem Tor gelandet sind, rücken die letzten Autogrammjäger bereits ein Stück näher, doch Gulacsi und Gößling sammeln die Bälle ein und beginnen von vorne. Die Fans müssen sich noch etwas ...

Von Max Ohlert 19.08.2015, 17:38

Mittwochvormittag am Cottaweg in Leipzig. Über dem Trainingsgelände von RB Leipzig hängen tiefe graue Wolken und ein feiner Sprühregen benetzt die wenigen verbliebenen Zuschauer. Die Mannschaft ist bereits seit einigen Minuten in den Kabinen des neuen RB-Trainingszentrums verschwunden, nur einer trainiert noch immer. Torwart Péter Gulacsi lässt sich von Torwarttrainer Frederik Gößling Schuss um Schuss auf sein Tor feuern, pariert aus kurzer und mittlerer Distanz einen Ball nach dem anderen. Als alle Bälle hinter dem Tor gelandet sind, rücken die letzten Autogrammjäger bereits ein Stück näher, doch Gulacsi und Gößling sammeln die Bälle ein und beginnen von vorne. Die Fans müssen sich noch etwas gedulden.

Es ist Péter Gulacsis Art mit der Enttäuschung der letzten Tage umzugehen – Training. All den Frust wegfausten, der ihn seit dem vergangenen Sonntag belastet. Der Ungar steht an diesem Tag im Tor der U23 von RB Leipzig, die in der Regionalliga Nordost in Luckenwalde antreten muss. Am Tag zuvor ist mit der RB-Partie gegen Eintracht Braunschweig auch die Vier-Spiele-Sperre des ehemaligen Salzburgers aus dem österreichischen Pokalfinale abgelaufen. Gulacsi kann es kaum erwarten für die „Roten Bullen“ aufzulaufen und bittet persönlich darum, am Sonntag in der U23 spielen zu dürfen. Doch in der 50. Minute des Spiels kommt es zu einem Missverständnis zwischen ihm und einem Mitspieler und der Abwehrmann köpft ihm den Ball außerhalb des Strafraums unglücklich an die Hand. Der 25-Jährige sieht die rote Karte – schon wieder – und kann es kaum glauben.

Danach: Funkstille. In den Tagen danach möchte Gulacsi nicht reden, weder über das Spiel, noch über die rote Karte und schon gar nicht über die Vorwürfe, die plötzlich auf ihn herabregnen. Der Boulevard greift die Geschichte auch ohne Stellungnahme von ihm auf, nennt ihn den „Meister der Unsportlichkeit“ und titelt „Nach Brutalo-Foul nun Dämlich-Rot“. Schlagzeilen, die mindestens so sehr frustrieren, wie die erneute Sperre.

Dritter Platzverweis in zehn Monaten

Am Mittwoch, nachdem Gulacsi und der Torwarttrainer das Training schließlich doch beenden, spricht der Ungar mit der MZ erstmals über seine erneute rote Karte in Luckenwalde. „Das war leider eine extrem unglückliche Situation.“, erklärt er und stellt die Szene noch einmal nach: „Mein Mitspieler hat mir den Ball in dem Moment praktisch auf die Hand geköpft. Ich habe noch gerufen, hätte niemals gedacht, dass er da noch mit dem Kopf hingeht. Am Ende war es einfach ein unglücklicher Moment.“

Wer die Situation in Luckenwalde in der Wiederholung sieht, erkennt, dass der Torwart tatsächlich äußerst unglücklich angeköpft wird. Viel schlimmer für den 25-Jährigen: Es ist der dritte Platzverweis in nur zehn Monaten. Im Oktober 2014 sieht Gulacsi im Spiel seiner Salzburger gegen den SV Grödig zum ersten Mal die Rote Karte, als er gegen den pfeilschnellen späteren Leipziger Yordy Reyna im Strafraum etwas zu spät kommt. Im Juni 2015 erwischt er seinen Gegenspieler David de Paula von Austria Wien im österreichischen Pokalfinale beim Herauslaufen so unglücklich, dass er erneut des Feldes verwiesen wird und die zuletzt noch aktive Sperre von vier Spielen mit nach Leipzig nimmt.

Wie Gulacsi und RB-Trainer Ralf Rangnick mit der erneuten Sperre umgehen, lesen Sie auf Seite 2.

„In den letzten Monaten ist da einiges in die falsche Richtung gelaufen.“, erklärt der Ungar im Gespräch. „Auf einmal wird gesagt: Péter Gulacsi ist ein Torwart, der ständig vom Platz fliegt. Aber das stimmt nicht. Ich habe bis vor kurzem keine einzige rote Karte in meiner Karriere gesehen.“ Dem Keeper ist die Enttäuschung sichtlich anzumerken: „Ich bin kein verrückter Torwart, der aus seinem Strafraum herausläuft und den Ball mit der Hand spielt oder einen Gegenspieler brutal foult. Das bin ich nicht. Und es ist schade, dass dieses Bild nun, nach der roten Karte in Luckenwalde, bei den Leipziger Fans, die mich zum einem großen Teil wahrscheinlich noch nicht so gut kennen, ankommt.“

„Fabio Coltorti hat gut gespielt“

Auch die lange Sperre hat dem Torwart, wie er erklärt, in den letzten Wochen zugesetzt: „Ich hatte das Datum, an dem ich endlich wieder Fußball spielen darf, so lange vor Augen. Ich habe mir gesagt: Bis zu diesem Tag muss ich noch stark sein, jeden Tag im Training alles geben und dann bekomme ich zumindest wieder die Chance zu spielen.“ Er ergänzt: „Nun habe ich 50 Minuten auf dem Platz gestanden, hatte ein super Gefühl dabei und mit einem Moment ist das alles schon wieder vorbei, zumindest für die nächsten Wochen.“ Zwei Spiele Sperre erwarten ihn, ein Einsatz kommt frühestens Mitte September gegen Paderborn infrage. Fraglich jedoch, wann er tatsächlich wieder für RB Leipzig auf dem Feld stehen wird. Teamchef Ralf Rangnick gab erst vor einigen Tagen zu Protokoll, mit Keeper Fabio Coltorti absolut zufrieden zu sein und keinen Torwartwechsel zu planen. Gulacsi versteht das: „Fabio hat gut gespielt, es wäre natürlich nicht selbstverständlich gewesen, dass ich nun, nach Ablauf meiner Sperre auch sofort wieder auf dem Platz gestanden hätte.“

Trotzdem fühlt sich der Ungar vom Verein in Leipzig unterstützt. Ralf Rangnick äußerte sich unter der Woche zwar gewohnt realistisch zur erneuten Sperre: „Das ist natürlich schade und auch fast schon ein wenig tragisch. Es ist aber jetzt halt so und da muss er nun leider noch einmal durch.“ Gulacsi selbst sagt jedoch: „Ich habe die richtigen Leute hier in Leipzig, die am Sonntag in Luckenwalde genau gesehen haben, dass die Situation sehr unglücklich war.“ Für die nächsten Wochen ist nun erst einmal weiterhin Frustbewältigung im Training angesagt. „Die Situation ist natürlich schwierig, aber ich werde nun weiterhin jeden Tag im Training alles geben und versuchen den Fans zu zeigen, was für ein Torwart ich wirklich bin.“ (mz)