Kommentar zu RB Leipzig

Kommentar zu RB Leipzig: Zähe Siege als Erfolgsmodell

KARLSRUHE/LEIPZIG - Irgendwie war den Spielern von RB Leipzig und Trainer Ralf Rangnick der 1:0-Erfolg beim Karlsruher SC fast ein wenig peinlich. Formulierungen wie „dreckiges 1:0” und „glücklicher Arbeitssieg” fielen. Mittelfeldmann Stefan Ilsanker sagte treffend: „Letztlich sind wir mit dem Sieg davongekommen.” Und sein Kollege Diego Demme brachte es auf den Punkt: „Wie wir gewonnen haben, wissen wir selber nicht.” Stattdessen war den RB-Kickern sehr genau bewusst: Hätte der Grieche Dimitris Diamantakos seinen Strafstoß gegen RBL-Torhüter Fabio Coltorti nicht mit einem Rückpass zum eigenen Torhüter verwechselt, wäre RB Leipzig wohl als Verlierer vom Platz ...

Von Ullrich Kroemer 01.12.2015, 12:27

Irgendwie war den Spielern von RB Leipzig und Trainer Ralf Rangnick der 1:0-Erfolg beim Karlsruher SC fast ein wenig peinlich. Formulierungen wie „dreckiges 1:0” und „glücklicher Arbeitssieg” fielen. Mittelfeldmann Stefan Ilsanker sagte treffend: „Letztlich sind wir mit dem Sieg davongekommen.” Und sein Kollege Diego Demme brachte es auf den Punkt: „Wie wir gewonnen haben, wissen wir selber nicht.” Stattdessen war den RB-Kickern sehr genau bewusst: Hätte der Grieche Dimitris Diamantakos seinen Strafstoß gegen RBL-Torhüter Fabio Coltorti nicht mit einem Rückpass zum eigenen Torhüter verwechselt, wäre RB Leipzig wohl als Verlierer vom Platz gegangen.

Doch natürlich ließ RB die drei Punkte des schlechten Gewissens wegen nicht in Karlsruhe. Was die Ergebnisse angeht, liegt der Red-Bull-Klub mit exakt zwei Punkten im Schnitt auf Aufstiegskurs. Bereits sechs Zähler Vorsprung auf Relegationsrang drei sind ein beruhigendes Polster. Und wenn RBL am Saisonende in die 1. Liga aufsteigt, fragt eh keiner mehr nach einem glücklich-dreckig-unverdienten 1:0 in Karlsruhe. Doch überraschen darf die Art und Weise, mit der RB in den vergangenen Woche die Spitze der 2. Liga erklomm, schon.

Als Ralf Rangnick in der vergangenen Saison noch ausschließlich Sportdirektor war, hat er immer wieder mal betont, dass ihm ein spektakuläres 3:2 lieber sei als ein zähes 1:0. Und erst kürzlich stellte er heraus, wie wichtig die spielerische Überzeugungskraft seines Teams auch für die überregionale Wahrnehmung von RB sei. „Viel hängt davon ab, wie wir spielen”, sagte Rangnick. „Uns werden und müssen nicht alle gut finden. Aber vielleicht sagt der ein oder andere: Hey, die spielen guten Fußball.” Das war auch Rangnicks Prinzip, als er einst mit Hoffenheim die Bundesliga enterte. Ungezügelter, wuchtiger, leidenschaftlicher und attraktiver Offensivfußball soll nun auch die Marke Red Bull verkörpern.

In der derzeitigen Entwicklungsstufe des Teams hingegen hat sich der zähe Arbeitssieg zum Erfolgsmodell entwickelt. Das Spiel in Karlsruhe war bereits der vierte 1:0-Erfolg der Saison. Gleich sieben Mal gewann RB in dieser Spielzeit mit nur einem Tor Vorsprung. Zehn Mal gelang der Rangnick-Elf maximal ein Tor pro Spiel. Die letzten nicht nur kämpferisch, sondern auch spielerisch überzeugenden Auftritte datieren von Mitte Oktober bei den Erfolgen gegen Nürnberg, Bochum und mit Abstrichen gegen Düsseldorf.

So muss man bisher bilanzieren, dass Rangnick es geschafft hat, seine Disziplin, seinen Ehrgeiz und seine Siegermentalität auf das Team zu übertragen. Wie die Tabelle beweist, sind das entscheidende Faktoren in der 2. Liga. Doch die taktische Kontrolle geht zumindest bisher zu Lasten der Kreativität. Spieler wie Forsberg, Bruno, Poulsen, Selke oder Kaiser können sich noch zu wenig entfalten und ihre Stärken einbringen. Zu oft agierten die Spieler nicht wie entfesselt, sondern wie gefesselt.

Ob das mit den gut eingestellten Gegnern zusammenhängt, mit dem Aufstiegsdruck, der die Spieler bisweilen lähmt, dem zu engen taktischen Konzept oder der noch immer fehlenden Eingespieltheit der Offensivkräfte, darüber wird sich Ralf Rangnick spätestens in der Winterpause ausführlich Gedanken machen. Einerseits weiß der 57-Jährige, dass Leistungen wie in Karlsruhe und Bielefeld weder die Fans begeistern, noch auf Dauer genügen, um regelmäßig Spiele zu gewinnen. Andererseits: Dass die „Roten Bullen” selbst in der aktuelle Phase ihre Begegnungen gewinnen, ohne auch nur annähernd ihr Offensivpotenzial auszuschöpfen, darf die Gegner ruhig beunruhigen.