Tristes 2:0 gegen Liechtenstein

Erster Frust als Bundestrainer: Flick sieht „langen Weg“ und hat Redebedarf

Hansi Flick will mehr. Nach seinem zähen Debüt schützt der Bundestrainer seine Stars, er nimmt sie für das Duell mit Tabellenführer Armenien aber auch in die Pflicht.

Hansi Flick hatte in seinem ersten Spiel als Bundestrainer wenig Grund zur Freude.
Hansi Flick hatte in seinem ersten Spiel als Bundestrainer wenig Grund zur Freude. (Foto: imago images/Sven Simon)

St. Gallen/SID - Seinen Debüt-Frust verbarg Hansi Flick hinter einem gequälten Lächeln. Der Gedanke an ein Glas Rotwein zu diesem „besonderen Spiel“ kam dem Bundestrainer fast schon befremdlich vor, viel zu holprig verlief seine Premiere. Nach einer kurzen Nacht verließ Flick um neun Uhr morgens das Teamhotel mit der etwas ernüchternden Erkenntnis: Auf dem steinigen Weg zurück an die Weltspitze liegt endlos viel Strecke vor ihm.

„Es war ein Anfang, mit dem wir nicht ganz zufrieden sind“, sagte Flick in dem fast schon verzweifelten Bemühen, nach dem mickrigen 2:0 (1:0) gegen Fußball-Zwerg Liechtenstein Nachsicht zu üben. Ersatzkapitän Joshua Kimmich wurde deutlicher. „Nichts hat so wirklich funktioniert“, klagte er.

DFB-Team gegen Armenien in der Pflicht

Und so kam auch der milde gestimmte Flick nicht ganz umhin, seine Stars für das „Gipfeltreffen“ mit Armenien bei seiner Heimspiel-Premiere in Stuttgart am Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in die Pflicht zu nehmen. „Letztlich zählt es auf dem Platz. Da müssen wir liefern, wenn's zählt. Darüber werden wir reden.“

Der müde Kick von St. Gallen sorgte für jede Menge Gesprächsbedarf. Große Probleme in der Offensive, gravierende Schwächen bei den Standards, kaum Ideen, zu wenig Tempo: Die Mängelliste war lang, die vielen Baustellen aus der bleiernen Spätphase der Ära Löw sind nicht ansatzweise geschlossen.

Wie sein Vorgänger sprach Flick fast folgerichtig immer wieder von einem „Prozess“. Besserungen, betonte er, stellen sich nicht schon nach nur drei Trainingstagen ein. Flick mahnte zur Geduld. „Ich lasse mich nicht wegen einem Spiel aus dem Takt bringen“, sagte er kämpferisch, „es geht weiter, wir gehen den Weg. Wir haben einen langen Weg vor uns und ich denke, wir kommen dahin, wo wir hin wollen.“

Mitgereiste Fans feiern neuen Bundestrainer Hansi Flick

Der Anhang scheint an diese Perspektive und eine erfolgreiche Katar-WM in nur 15 Monaten zu glauben. Obwohl Gästefans in St. Gallen eigentlich gar nicht zugelassen waren, unterstützten mehrere Tausend die DFB-Elf. Zwar gab es auch Pfiffe, Flick aber wurde vor und nach dem Spiel mit „Hansiii“-Sprechchören gefeiert. Die 18.000 Freikarten, die der Verband für Sonntag anboten hatte, sind längst vergriffen. „Das tut gut“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

Auf dem Platz mag die erhoffte Aufbruchsstimmung noch nicht zu spüren gewesen sein - in der Mannschaft hat Flick sie entfacht. „Es ist ein Lernprozess. Ich bin voller Optimismus“, sagte Rückkehrer Marco Reus. Mit seiner ehrlichen Art hat Flick die Spieler sofort erreicht.

Und auch seine viel gerühmte menschliche Seite zeigte er gleich zu Anfang. Timo Werner und Leroy Sane, die mit Klub-Sorgen anreisten, bekamen eine Startelf-Chance - und dankten es zumindest mit Toren (41./77.).

DFB-Team wird gegen Armenien wohl umgebaut

Um die ein oder andere zarte Seele zu streicheln, veränderte Flick sogar seine Stammformation, mit der er laut Ilkay Gündogan zuvor hatte trainieren lassen. Gegen Armenien werden mehrere Wechsel erwartet. Der geschonte Kapitän Manuel Neuer soll ins Tor zurückkehren, Antonio Rüdiger, Leon Goretzka und Serge Gnabry dürften beginnen. Für den verletzten Robin Gosens könnte David Raum als zweiter Spieler nach Florian Wirtz unter Flick debütieren.

Armenien um Raums Hoffenheimer Klubkollege Sargis Adamjan und den früheren Dortmunder Henrich Mchitarjan „wollen wir anders bespielen“, sagte Flick. Mit einem Sieg würde die DFB-Elf (neun Punkte) den Tabellenführer der Gruppe J (zehn) überflügeln. „Das ist unser Ziel“, betonte Flick. Falls es klappt, ist vielleicht sogar ein Glas vom geliebten Rotwein drin.