Extremismus

Wissenschaftler: Rechtspopulistische Mentalität verfestigt

Von dpa Aktualisiert: 29.06.2022, 22:25

Erfurt - In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt hat sich nach Einschätzung eines Soziologen bei vielen Menschen eine rechtspopulistische Mentalität herausgebildet, die unabhängig von AfD-Wahlerfolgen erhalten bleibe. Sie sei nicht nur durch die Erfahrungen in der DDR und mit deren Erbe entstanden, sagte der Wissenschaftler Raj Kollmorgen am Dienstag in Erfurt auf einer Tagung mit dem Titel „Rechter Osten?!“.

Spätestens seit dem Mittelalter habe es auf dem heutigen Gebiet dieser drei Bundesländer historische Entwicklungen gegeben, die zur Ausprägung dieser Mentalität beigetragen hätten. Kollmorgen ist Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Hochschule Zittau-Görlitz. Einer seiner Forschungsschwerpunkte sind postsozialistische Transformationen.

Kollmorgen sagte, eine besonders langfristig wirksame Erfahrung von Menschen in den drei mitteldeutschen Ländern sei, dass die entsprechenden Gebiete über Jahrhunderte hinweg umkämpft gewesen seien. Das habe zur Überhöhung der eigenen Identität geführt, „weil man sich immer wieder durch Fremdherrschaften bedroht gesehen hat“. Die entsprechenden Erfahrungen seien über Generationen hinweg innerhalb der Familien weitergegeben worden - mit dem Ergebnis, dass rechtspopulistisch denkende Menschen bis heute ihre eigene Identität über die von anderen Menschen stellten.

Aus der DDR hätten diese Menschen vor allem die Erfahrung mitgenommen, dass nur Protest auf der Straße zu Veränderungen führe. Auf genau „dieser Klaviatur“ spiele die AfD.

Nach Einschätzung Kollmorgens haben etwa 20 bis 30 Prozent der Ostdeutschen inzwischen eine rechtspopulistische Mentalität entwickelt. „Wir reden also von einem erheblichen Teil der ostdeutschen Bevölkerung“, sagte er. Erst dies habe die Wahlerfolge der AfD im Osten möglich gemacht. Es sei offenkundig, dass diese Partei im Osten, und eben vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, stärker verwurzelt sei als in Westdeutschland.

Die Tagung war von der Thüringer Landeszentrale für Politische Bildung und den Demokratieberatern von Mobit gemeinsam organisiert worden. Nach Angaben eines Mobit-Sprechers waren 100 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet angereist.