Gesellschaft

Gesellschaft: Suizid Todesursache Nr. 1 bei Jugendlichen

Köln/dpa. - Christian nahm sich an seinem 14. Geburtstag dasLeben. Er erhängte sich mit einem Gürtel im Badezimmer. Anna wolltesich umbringen, konnte aber in letzter Minute in der Kölner Uniklinikgerettet werden. Die Schülerin (16) hatte sich mit Medikamentenvollgepumpt. Warum tun junge Menschen das Unfassbare - und warum sindes so viele? Täglich töten sich laut Statistik zwei Heranwachsende inDeutschland und geschätzte 20 versuchen ...

Von Yuriko Wahl 13.07.2010, 07:30
Ein Jugendlicher liegt in seinem Bett, auf dem Nachtisch liegen Schlaftabletten. (FOTO: DPA)
Ein Jugendlicher liegt in seinem Bett, auf dem Nachtisch liegen Schlaftabletten. (FOTO: DPA) dpa

Christian nahm sich an seinem 14. Geburtstag dasLeben. Er erhängte sich mit einem Gürtel im Badezimmer. Anna wolltesich umbringen, konnte aber in letzter Minute in der Kölner Uniklinikgerettet werden. Die Schülerin (16) hatte sich mit Medikamentenvollgepumpt. Warum tun junge Menschen das Unfassbare - und warum sindes so viele? Täglich töten sich laut Statistik zwei Heranwachsende inDeutschland und geschätzte 20 versuchen es.

Suizide sind neben Verkehrsunfällen die häufigste Todesursache beijungen Menschen, sagt Prof. Gerd Lehmkuhl, Direktor der Kinder- undJugendpsychiatrie der Uniklinik Köln. Viele Verzweifelte landen beiihm: «Jede Nacht kommen Kinder und Jugendliche zu uns in die Klinikin die Notaufnahme, die sich umbringen wollten. 50 bis 60 sind es imMonat - vor 20 Jahren hatten wir drei, vier Fälle im Monat.» Auch dieDeutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) ist besorgt: Bei denSelbsttötungsversuchen sei der Anteil junger Menschen besonders hoch.

Laut Statistischem Bundesamt nahmen sich nach den jüngsten Zahlen(2008) 9451 Menschen das Leben, 603 waren 10 bis 24 Jahre jung, mehrals drei Viertel von ihnen männlich. Bei den Suizidversuchen gibt eslediglich Schätzungen. Michael Witte von der DGS geht davon aus, dasses zehnmal so viele Versuche gibt wie vollendete Selbstmorde. Einigsind sich die Experten, dass Jugendliche besonders verletzlich undgefährdet sind - und dass dieses dramatische Problem viel ernstergenommen werden müsste.

«Das Jugendalter ist die Zeit der Krise», erklärt Witte. «Da istdie Ablösung von den Eltern, Schulstress, neue Beziehungen, neueKonflikte, es stehen schwierige Weichenstellungen an - und immerZweifel.» Viele rutschen in eine Sinnkrise. «Bei jungen Menschen istes auch ein Gefühl von Versagen und Verlassensein: Ich bin anders,ich gehöre nicht dazu, ich bin nichts wert, ich kann nichts. Es isteine innere Entwertung und zugleich ein nicht ausreichendausgeprägtes Selbstbewusstsein. Es fehlt noch die Fähigkeit, dieeigenen Probleme in die Hand zu nehmen.» Warnzeichen könnten extremerRückzug sein, auffällig ängstliches, depressives Verhalten, starkeStimmungsschwankungen.

Mädchen greifen zu Tabletten, Jungen wählen den Experten zufolgeeine «härtere Methodik», die eine Rettung schwer macht. «Mädchenrufen still um Hilfe, sie machen einen letzten Kommunikationsversuch,nehmen Medikamente, die noch Zeit für Intervention geben», sagtWitte. «Bei den jungen Männern herrscht oft die Meinung vor: Redenist für Weicheier - sie lassen niemanden an sich ran, und dieseEinstellung kann tödlich sein», weiß Witte. Diese Gruppe zuerreichen, sei auch für Therapeuten und Berater besonders schwierig.

Lehmkuhl sieht Jugendliche in der - immer früher einsetzenden -Pubertät in einer «vulnerablen» Phase, in der sie besonders anfälligsein können für Selbstmordgedanken. Zugleich beobachtet er eingesellschaftliches Versagen: «Der Druck von außen ist größergeworden. Die Familien, die Eltern sind nicht mehr so gut imAuffangen ihrer Kinder. Die soziale Unterstützung ist geringergeworden, und die Anforderungen steigen, auch in der Schule.»

Die Zahl der Selbsttötungen und Suizidversuche ist alarmierend undzeigt Lehmkuhl zufolge: «Wir müssen ein Frühwarnsystem etablieren.Alle, die mit Jugendlichen umgehen, müssen hingucken, sensibilisiertwerden für frühe Anzeichen. Die Kinder und Jugendlichen quälen sich.Man kann sie aus ihrer speziellen Bedrohung herausholen, ihnenhelfen. Aber wenn das Problem nicht ernst genug genommen wird, kanndas fatal sein - und tödlich.»