Argentinien

Argentinien: Größter Viehmarkt der Welt

Buenos Aires/dpa. - 55 Millionen Rinder grasen auf den unendlichen Weiden des Landesam Rio de la Plata. Argentinien hat mehr Kühe als Einwohner. Dreizehn Millionen Tiere werden pro Jahr geschlachtet. Und jedes Sechste hat vorher den Mercado de Liniers passiert. «Heute sind es 12 000 Stück, ein normaler Tag», sagt Fernando, der dort arbeitet. «Zum Wochenende können es 18 000 ...

Von Anne Herrberg 09.09.2005, 07:35
Ein Gaucho sitzt auf seinem Pferd auf dem Gelände des größten Viehmarkts der Welt in Mataderos, einem Vorort von Buenos Aires. (Foto: dpa)
Ein Gaucho sitzt auf seinem Pferd auf dem Gelände des größten Viehmarkts der Welt in Mataderos, einem Vorort von Buenos Aires. (Foto: dpa) dpa

55 Millionen Rinder grasen auf den unendlichen Weiden des Landesam Rio de la Plata. Argentinien hat mehr Kühe als Einwohner. Dreizehn Millionen Tiere werden pro Jahr geschlachtet. Und jedes Sechste hat vorher den Mercado de Liniers passiert. «Heute sind es 12 000 Stück, ein normaler Tag», sagt Fernando, der dort arbeitet. «Zum Wochenende können es 18 000 werden.»

Jede Nacht karren die diesel-rußenden Tiertransporter Ochsen,Bullen, Kühe und Kälber an. Hinter den grauen Betonmauern desMercados werden sie gewogen, taxiert und bei Sonnenaufgangversteigert. Die lauten, stinkenden Lastwagen haben in denvergangenen Jahren immer wieder Anwohner auf die Barrikadengetrieben, aber geändert hat sich nichts. Schließlich garantiert der Mercado Arbeitsplätze für mehr als 2000 Familien. Eine Schließung werde höchstens dazu führen, dass sich das nach der Wirtschaftskrise 2001 entstandene, angrenzende Elendsviertel «Villa Oscura» (DunklesDorf) noch weiter ausbreitet, sagen die Leute.

Es ist noch früh und diesig draußen. Nebelschwaden schleichen umdas stattliche Hauptgebäude des Mercados. Altrosafarben ist es, im Kolonialstil erbaut. Die erste Auktion gab es hier 1901. Seitdem hat sich wenig verändert, abgesehen davon, dass auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthofes heute kein Blut mehr fließt. Jetzt ist hier der Bolzplatz für die Mataderos B-Liga «Nuevo Chicago».

Eine schrille Glocke unterbricht die Morgenstimmung. Es geht los. In den Corrales, den fast 2000 Holzpferchen, drängen sich bis zu zwanzig Rinder auf engstem Raum. Manche wiegen über 400 Kilogramm. Sie brüllen, stampfen, schnauben. Auf Betonbrücken über den verschlammten Pferchen drängen sich Käufer und Verkäufer. Mit einer Hand halten sie das Handy am Ohr, mit der anderen vollführen sie in sekundenschnelle ausgetüftelte Hand- und Winkzeichen. «Ein Peso vierzig, eins fünfzig, eins sechzig», brüllt Santiago, der Auktionsmeister durch ein Megafon, dann knallt er eine Eisenstange aufs Geländer: «Verkauft, Muchachos, weiter geht's, nicht stehenbleiben.»

Gauchos, die Cowboys der Pampa, schieben sich hoch zu Rosszwischen die Tiere, stempeln ihnen ein Zeichen auf den Rücken und treiben sie unter Pfiffen, Rufen und Peitschenhieben durch die Gatter Richtung Ausgang. Währenddessen hat der hauseigene Fernseh- und Radiosender die Quoten schon ins ganze Land hinausgesendet. Geschäfte machen ist hier Sache von Minuten, wer zu lange überlegt, hat schon verloren.

Der Preis hat sich nach den Turbulenzen der Vorjahre wiederstabilisiert. Exporteinbrüche, Maul- und Klauenseuche sowie die BSE-Angst auf der Nordhalbkugel und veränderte Essgewohnheiten waren Schuld. Hinzu kommt, dass auch in Argentinien, dem Land der notorischen Fleischesser, der Konsum zurückgegangen ist. Von 90 Kilogramm pro Kopf und Jahr auf knapp unter 70 Kilogramm. Gerundet sind das immer noch ein Steak von 200 Gramm pro Tag. «Glaub mir, Mädchen, auch ich esse nur noch fünf Mal die Woche Fleisch - wegen der Gesundheit und meiner Frau», sagt Ricardo, «der Baske», und meint das nicht als Scherz.

So üppig ging es nicht immer zu in Buenos Aires. Vor mehr als 450 Jahren sollen die ersten Bewohner der Stadt furchtbaren Hunger gelitten haben. Als zwei verzweifelte spanische Soldaten beim Schlachten eines Reitpferdes erwischt wurden, hängte man sie zur Abschreckung auf, wird erzählt. Doch in der nächsten Nacht seien ihre Kameraden über die Toten hergefallen und hätten sie aufgegessen.