Wittenberger wird Bischof

Wittenberger wird Bischof: Friedrich Kramer rückt an Spitze der mitteldeutschen Kirche

Drübeck - Die evangelische Kirche macht einen Hobbywinzer aus Wittenberg zum neuen Landesbischof. Friedrich Kramer will die Gemeinden mit Optimismus anstecken.

Von Hagen Eichler
Friedrich Kramer ist der künftige Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).
Friedrich Kramer ist der künftige Bischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). dpa-Zentralbild

Was für eine Aufgabe! Verantwortlich sein für 700.000 Protestanten in vier Bundesländern, für 3.000 Gemeinden mit 4.000 Kirchen und Kapellen - wie soll der künftige Landesbischof all das überhaupt kennenlernen?

Friedrich Kramer zögert keine Sekunde. „Ich dachte, ich mache das mit dem Fahrrad“, sagt der Theologe und bricht in schallendes Gelächter aus. Der 54-jährige mit der roten Fliege am Hals ist notorisch gut gelaunt - und offenbar genau das, was seine oft verzagt wirkende Kirche jetzt braucht. Am Freitagmorgen wählte ihn die Synode der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) zum neuen Landesbischof.

Friedrich Kramer wohnt mit seiner Frau im Wittenberger Schloss

Kramer ist erst der zweite leitende Geistliche der 2009 durch Fusion entstandenen Kirche. Er folgt Ilse Junkermann, die ihr Amt gern fortgeführt hätte, aber im Landeskirchenrat keine Mehrheit hatte. Unter evangelischen Christen ist die Verweigerung der Verlängerung ungewöhnlich, nicht wenige halten die Entscheidung für ungebührlich.

Auch Kramer hat Kritik geübt, er spricht von einem „unschönen Akt“. Es hat ihm nicht geschadet: Bereits im ersten Wahlgang lag er mit 40 Stimmen deutlich vor seinen Mitbewerbern, dem halleschen Pfarrer Karsten Müller und der sächsischen Theologin Ulrike Weyer. Müller zog seine Kandidatur zurück, im dritten Wahlgang erreichte Kramer schließlich mit 56 von 84 gültigen Stimmen die nötige Zweidrittelmehrheit.

Damit übernimmt ein Wittenberger die Kirchenleitung. Kramer ist bislang Direktor der Evangelischen Akademie, die in der Lutherstadt sitzt. Auch seine Frau wirkt in Wittenberg, sie leitet das Predigerseminar. Die beiden Theologen sind die einzigen Bewohner des Wittenberger Schlosses. Im September beginnt für den Gewählten das neue Amt mit Dienstsitz in Magdeburg.

„Ich glaube aber nicht, dass eine trauernde Kirche eine einladende ist“

Er wolle zeigen, dass die EKM eine „junge, attraktive, innovative und steinreiche Kirche“ ist, sagt Kramer unmittelbar nach seiner Wahl. Das Wort „steinreich“ ist ironisch gemeint: reich an alten Gebäuden. Deren Unterhalt verschlingt enorm viel Geld, das für andere Aufgaben fehlt.

Kramer weiß, dass viele Christen an der stetigen Erosion der Mitgliederzahl leiden. Vor zehn Jahren, als seine Vorgängerin ihr Amt antrat, zählte die EKM 910.000 Mitglieder. Heute sind es 200.000 weniger. Trauerarbeit sei wichtig, sagt Kramer. „Ich glaube aber nicht, dass eine trauernde Kirche eine einladende ist.“ Deshalb will er Mut und Optimismus ausstrahlen. Die Gemeinden müssten mehr dafür tun, glaubensferne Kinder an die Taufe heranzuführen, sagt der künftige Bischof. Den Mitgliederschwund werde das aber nicht beenden, dieser sei vor allem durch die Demografie verursacht. „Mein Ziel ist es, dass wir in meiner Amtszeit nicht unter 500.000 Mitglieder rutschen“, sagt Kramer - nicht eben ein anspruchsvolles Ziel.

Zur Wahl hatte sich das Kirchenparlament im 1100 Jahre alten Kloster Drübeck im Harz versammelt. Bemerkenswert viele Synodale konnten sich mit keinem der drei Kandidaten anfreunden. Nach jedem der drei Wahlgänge wurden mehr als zehn Prozent Enthaltungen ausgezählt. Zu Ursachen der Unzufriedenheit konnte der Präses der Synode, Dieter Lomberg, nur rätseln. „Ich kenne die Motive nicht. Man muss es den Menschen zubilligen, sich für keinen der Kandidaten zu entscheiden.“ Insgesamt hatte Lomberg aus den Gemeinden 33 Vorschläge für das Spitzenamt erhalten, ein Wahlausschuss sortierte dann vor.

Ein Mann mit DDR-Geschichte

Der designierte Bischof hat Erfahrungen aus unterschiedlichen Funktionen. Akademiedirektor in Wittenberg ist er seit zehn Jahren, zuvor war er Studentenseelsorger in Halle und einfacher Pfarrer bei Querfurt (Saalekreis). Geboren wurde er im vorpommerschen Greifswald. Dass er und auch die beiden anderen Kandidaten in der DDR aufwuchsen, ist kein Zufall. Die amtierende Bischöfin wurde einst aus Württemberg geholt und stieß mit ihrer Herkunft auf Barrieren. Mehrfach wurde ihr bedeutet, dass sie sich zur Geschichte und Lage Ostdeutschlands besser nicht äußern solle.

Am Tag seiner Wahl tauschte Kramer noch seinen Dreiteiler gegen Arbeitskleidung und Hacke. Der Kirchenmann ist nämlich Hobbywinzer: In Höhnstedt (Saalekreis) pflegt er bescheidene 270 Reben.

(mz)