Wie frei ist die Meinung?

Wie frei ist die Meinung?: Lebhafte Diskussion nach Aussagen von Stefan Kretzschmar

Berlin - Aussagen des ehemaligen Profi-Handballers Stefan Kretzschmar lösen eine lebhafte Diskussion aus. Landespolitiker äußern sich kritisch.

Von Markus Decker 13.01.2019, 19:30
Illustration: Gibt es in Deutschland eine beschränkte Meinungsfreiheit?
Illustration: Gibt es in Deutschland eine beschränkte Meinungsfreiheit? imago stock&people

Die jüngsten Äußerungen des ehemaligen Profi-Handballers Stefan Kretzschmar haben in Sachsen-Anhalt kontroverse Reaktionen ausgelöst. Der 45-Jährige, der in Leipzig geboren wurde, mit Magdeburg die Champions League gewann und heute als TV-Experte arbeitet, hatte gesagt: „Wenn wir in unserem Land über Meinungsfreiheit reden, dann haben wir die Meinungsfreiheit in dem Punkt, dass wir nicht in den Knast kommen, wenn wir uns kritisch äußern. Aber wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne.

Sobald wir eine gesellschaftskritische Meinung äußern, haben wir von unserem Arbeitgeber mit Repressalien zu rechnen, oder wir haben mit unseren Werbeverträgen Probleme, dass diese gekündigt werden, weil es nicht ins Konzept passt.“ Es sei denn, man äußere politische Mainstream-Meinungen wie „Wir sind bunt“ und „Refugees welcome“, so Kretzschmar. Das sei unproblematisch.

Der SPD-Landesvorsitzende und innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Burkhard Lischka, sagte der MZ: „Kretzschmar hat in einem Punkt durchaus recht: Wenn sich jemand heute pointiert äußert, dann gibt es ein viel massiveres Echo als früher.“ Er fügte allerdings hinzu, dies gelte nicht allein für flüchtlingskritische Äußerungen, sondern mindestens ebenso sehr für Meinungsäußerungen zugunsten von Flüchtlingen - bis hin zu Morddrohungen. „Es gibt Polarisierungen und Spaltungen in beide Richtungen“, betonte Lischka. „Kretzschmar hätte gut daran getan, wenn er das nicht ausgeblendet hätte.“ Weil er es aber ausgeblendet habe, sei seine Aussage in dieser Form falsch.

Vielfache Verwunderung über Stefan Kretzschmars Worte

Landtagsvizepräsident Wulf Gallert (Linke) zeigte sich überrascht - zumal Kretzschmar seines Wissens nach früher selbst massive rechte Gewalt erfahren habe. Was er jetzt sage, sei „so eine Art Modeposition geworden“, entspreche jedoch nicht den Tatsachen. Stattdessen gelte: „Willkommen in der Demokratie. Wenn man eine kontroverse Position bezieht, muss man die Kontroverse aushalten.“

Der Bürgerrechtler und Theologe Friedrich Schorlemmer rief Kretzschmar zu: „Handballer, bleib’ bei deinen Leisten“, und riet ihm, sich im Sinne des Philosophen Immanuel Kant seines Verstandes zu bedienen. Demokratie sei der Kampf um Zustimmung. Und den Mainstream, von dem Kretzschmar spreche, den gebe es gar nicht mehr. Vielmehr grassiere weltweit „die Pest des Nationalismus“. Der ehemalige Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), der in Berlin zu Hause ist, schrieb bei Twitter: „Werden jetzt meine Werbeverträge gekündigt, weil ich sage, dass der Typ ein Dumpfschwätzer ist?“

Vielfach herrscht insofern Verwunderung, als Kretzschmar früher dem linken Spektrum zugeordnet wurde. Freilich weisen politische Beobachter darauf hin, dass seine Meinung zur parlamentarischen Demokratie im Osten weit verbreitet sei. Eine ähnliche Kontroverse wie jetzt um Kretzschmar gab es vor rund einem Jahr um den Schriftsteller Uwe Tellkamp aus Dresden. Er hatte vergleichbare Thesen aufgestellt. (mz)

Stefan Kretzschmar
Stefan Kretzschmar
dpa