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Unfälle Unfälle: Dem Schicksal ganz nah

Von KATRIN LÖWE 20.03.2012, 20:43

MERSEBURG/MZ. - Sie sind groß, unübersehbar. Und sie holen mit Wucht zurück, was in jener Nacht im März 1998 das Leben von so vielen Familien veränderte. Es sind die Fotos von den Unfallorten, die Berichte, die Namen der Opfer: Neun junge Menschen starben damals bei zwei Unfällen im Mansfelder Land - eine Horrornacht. Es sind Schicksale wie diese, die die Ausstellung "Straßenkreuze - Unorte des Sterbens" ausmachen.

Heute steht Bernd Müller, Verkehrssicherheits-Berater bei der Polizei, vor den Stellwänden. Er hat sie noch einmal aufgebaut und seufzt. "Das klingt vielleicht pathetisch, aber das ist ein Stück meines Lebens", sagt er. Irgendwo, ganz am Rande auf einem kleinen Tischchen, hat er auch den Zettel liegen, auf den ein paar Zahlen gekritzelt sind. 2 850 Gesprächsrunden hat Müller seit 1998 im Land geführt. 46 000 Jugendliche waren dabei. Der 59-Jährige spult die Zahlen herunter, weil sie irgendwie dazugehören. Und doch sind diese nackten Fakten nicht das, was er erzählen will. Zahlen, das weiß keiner besser als er, erzählen wenig. Und, auch das macht einen Teil seines Berufes aus: Müllers Erfolg lässt sich nicht beziffern. "Ich kann nicht sagen, ich habe fünf tödliche Unfälle verhindert", sagt Müller. Nur hoffen, dass es so ist.

Fünf Jahre Unfallermittler

Am 30. April ist offiziell Müllers letzter Arbeitstag vor dem Ruhestand, am 11. wird er die Ausstellung zum letzten Mal in seiner aktiven Dienstzeit aufbauen. Zeit zurückzublicken. Auf die fünf Jahre etwa, die er bei der Unfallermittlung der Merseburger Polizei arbeitete, etliche schwere Unfälle sah. Das Stöhnen, sagt er, dieser süßliche Geruch des Blutes, "damit lernt man irgendwann zumindest umzugehen". Aber bei Angehörigen vor der Tür zu stehen, ihnen in die Augen zu sehen und eine Todesnachricht zu überbringen ... "Das ist auch für uns das Schlimmste. Und das lernt man in keiner Polizeischule."

Müller fragt nach dem Warum, geht Mitte der 90er in die Prävention. 1997 schaltet er eine Todesannonce mit so vielen Kreuzen, wie es junge Todesopfer in seinem Bereich gab. Es waren nicht die blanken Zahlen der Statistik. Es waren die Kreuze, emotional beladen. "Die Menschen mussten Kreuze zählen, da spielt sich etwas ganz anderes im Kopf ab", sagt er heute.

Verkehrssicherheitsarbeit, das waren nach der Wende vor allem die Fahrradprüfungen bei Viertklässlern, erinnert sich Müller. "Die waren pflegeleicht, haben nicht widersprochen." Doch dann kommen die Jahre 97 / 98, die damalige Polizeidirektion in Merseburg liegt mit der Zahl der Verkehrstoten - 122 - an der traurigen Spitze. Darunter die neun jungen Menschen aus jener Märznacht.

Beginn als Kunstprojekt

Bei weit über 20 Prozent liegt zu dieser Zeit der Anteil der 18- bis 25-Jährigen an den Verkehrstoten, obwohl sie nur acht Prozent der Bevölkerung stellen. Müller spricht für seinen Bereich sogar von mehr als einem Drittel. "Ich wusste, wir müssen etwas anders machen", sagt er heute. Sehen, wie die Jugend tickt, ihr keine Törtchendiagramme vorsetzen, bei der sie gelangweilt aus dem Fenster schaut. Die Ausstellung mit den Straßenkreuzen entsteht - als Kunstprojekt, dann auch als Präventionsprojekt für Schulen.

Und dann ist da noch der "absolute Glücksfall", wie ihn Müller heute nennt. Berufsschüler melden sich 2004 bei ihm, wollen etwas tun. Sie bauen in ihrer Freizeit das inzwischen bundesweit bekannte Internet-Projekt "streetcrosses.de" auf, um den Kreuzen an den Straßen Gesichter zu geben, sie aus dem Tabu und der Anonymität zu holen. Schicksale werden geschildert, Gedenkseiten entstehen, Angehörige melden sich zu Wort. "Da kriege selbst ich Gänsehaut", sagt der Polizist. Und die damals 18- bis 23-Jährigen gestalten auch die Ausstellung mit. Müller: "Für mich war das der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft."

In der Präventionsarbeit hat sich inzwischen einiges verändert. Müller erinnert sich noch an die skeptischen Worte seiner Kollegen, als er 1999 das erste Mal Bier mit in eine Schule nimmt. "Da kannst du gleich Drogen austeilen", haben sie gesagt. Müller aber will, dass die Schüler selbst erleben, wie schnell sich Promillewerte auf- und wie langsam abbauen. Er lässt den völlig zerstörten Wagen einer vermutlich aus Unachtsamkeit tödlich verunglückten 19-Jährigen vor ihre Berufsschule stellen. Und weiß, dass das wehtut, dass man die Schüler damit dann nicht alleinlassen kann. "Aber wir sind es den Verunglückten schuldig, darüber zu reden", sagt er auch.

Mutter erzählt von ihren Gefühlen

Er nimmt die Mutter eines 22-jährigen Todesopfers mit zu Präventionsveranstaltungen, bei dessen Freundin schon das Brautkleid im Schrank hing, dessen Sohn ihn nie kennenlernen wird. Die Mutter erzählt von ihren Gefühlen, "das ist authentischer als alles, was ich sagen kann", erzählt der Polizist. Und er steht mit Gymnasiasten an jener Brücke in Laucha, an der im Mai 2006 fünf junge Männer nach einer feucht-fröhlichen Nacht ums Leben kommen, als ihr Auto in die Schleuse der Unstrut stürzt. "In Laucha gibt es immer noch viele Tränen", so Müller.

Auch die Jugendlichen haben sich in dieser Zeit verändert. Mädchen sind selbstbewusster geworden, sagt der Beamte. "Und über sie als Beifahrerinnen, da kriegen wir auch die Jungs." Junge Menschen "kriegen" statt mit erhobenem Zeigefinger vor ihnen zu stehen - das ist es, was Müller will. Woraus er seine Motivation zieht: das Gefühl, zumindest einen Teil von ihnen erreicht, zum Nachdenken gebracht zu haben.

Jetzt wartet der Ruhestand auf den verheirateten Vater einer mittlerweile erwachsenen Tochter. Zeit für Häschen Max, die Philatelie, seine Sammlung von Briefbeschwerern. Zeit, so will er es auch ohne Uniform, noch immer für die Ausstellung. "Sie muss weitergehen." 2011 lag der Anteil der 18- bis 25-Jährigen unter den Verkehrstoten noch bei 16,5 Prozent.