Schach-Gipfeltreffen in Leipzig

Schach-Gipfeltreffen in Leipzig: Das ewige Duell zwischen Spasski und Kortschnoi

Wolfen/MZ - Fußballfans heben ab, wenn sie mit Pele oder Maradona in einem Riesenstadion sitzen dürfen. Schachspieler können jetzt zwei ganz Große ihres Sports aus nächster Nähe erleben. An diesem Freitag treffen in Leipzig die alten Schachgiganten aufeinander: Boris Spasski und Viktor Kortschnoi. 77 Jahre der eine, 83 Jahre der andere, vielleicht ist es ihr letzter großer Schlagabtausch. Dass es überhaupt zu dem Gipfeltreffen kommt, verdankt die Schachwelt einem ehrgeizigen Mann aus Wolfen - Gerhard Köhler, dem Chef des Fotodienstleisters Orwonet. „Mein Traum wird damit wahr“, sagt ...

Von Ralf Böhme

Fußballfans heben ab, wenn sie mit Pele oder Maradona in einem Riesenstadion sitzen dürfen. Schachspieler können jetzt zwei ganz Große ihres Sports aus nächster Nähe erleben. An diesem Freitag treffen in Leipzig die alten Schachgiganten aufeinander: Boris Spasski und Viktor Kortschnoi. 77 Jahre der eine, 83 Jahre der andere, vielleicht ist es ihr letzter großer Schlagabtausch. Dass es überhaupt zu dem Gipfeltreffen kommt, verdankt die Schachwelt einem ehrgeizigen Mann aus Wolfen - Gerhard Köhler, dem Chef des Fotodienstleisters Orwonet. „Mein Traum wird damit wahr“, sagt er.

Brett und Figuren liegen immer in Griffnähe des Chefs, der mit seiner 2002 gegründeten Firma 44 Millionen Euro Jahresumsatz macht. „Wer Schach einmal für sich entdeckt, der kommt nie mehr davon los.“ Austragungsort des geplanten königlichen Spiels ist ein großer Hörsaal der Universität. 450 Interessenten können laut Köhler die Auseinandersetzung zwischen dem Ex-Weltmeister und dem Ex-Vizeweltmeister vor Ort verfolgen. Gleichzeitig flimmert der Kampf via Internet weltweit und kommentiert über die Bildschirme.

Lange Partnerschaft

Köhler, der sich betrieblich und am Brett „für Strategie und Taktik“ begeistert, freut sich. Dass der Wettkampf überhaupt stattfindet, liegt zuerst an seiner über viele Jahre gepflegten Schach-Partnerschaft mit Viktor Kortschnoi. Mal reist Köhler mit ihm nach St. Petersburg, mal besucht er ihn in seinem Wohnort in der Schweiz.

Kortschnoi entstammt genau wie Spasski, dessen Lebensmittelpunkte Paris und Moskau sind, der berühmten Leningrader Schachschule. Was Köhler, der sich selbst als zähen Hund bezeichnet, schwer beeindruckt: Vom Rückzug auf das Altenteil wollen die beiden Kontrahenten nichts wissen. „Ich nehme mein Schachspiel mit ins Grab“, sagt Kortschnoi, wegen seiner aggressiven Spielweise als „Viktor der Schreckliche“ bekannt. Und Spasski, der eher für Eleganz und Präzision steht, sieht es für sich genauso.

Gerhard Köhler - Jahrgang 1956 - spricht ein wenig Russisch. Spasski und Kortschnoi können etwas Deutsch. Doch selbst mit wenigen Worten klappt die Verständigung hervorragend. „Kein Wunder, gelten doch auf dem Schachbrett klare Regeln, die alle akzeptieren.“ Das vermeide, so Köhler, überflüssige Streitereien. Und so habe er es bereits als Siebenjähriger erlebt. „Mein Mathematiklehrer warb mich für die Schach-Arbeitsgemeinschaft, wo ich ihn als Anfänger wenig später matt setzte. In aller Freundschaft.“

„Halle und Leipzig waren im Osten eine Schachhochburg.“

An einen von Köhlers frühen Erfolgen erinnert eine Schachuhr von 1968 - damals ein Geschenk an den frisch gebackenen Kreismeister von Aschersleben (heute Salzlandkreis). Bald darf sich Köhler über vordere Platzierungen bei Landesmeisterschaften freuen. „Halle und Leipzig waren im Osten eine Schachhochburg.“ Köhler verweist auf Vereine wie SG 67 Halle-Neustadt, Chemie Buna-Halle, Chemie Lützkendorf oder Motor Gohlis-Nord. Namen aus der Region, die noch heute einen guten Klang haben, bestimmen die Ranglisten - zum Beispiel Burkhard Malich oder Gottfried Braun. „Die absolute Weltspitze bleibt leider unerreichbar.“

In jener Zeit treffen Kortschnoi und Spasski im Kandidatenturnier von Sousse in Tunesien aufeinander. Kortschnoi scheitert. Spasski revanchiert sich gegen Weltmeister Tigran Petrosjan, erringt 1969 die WM-Krone. Alles überstrahlt jedoch der wohl erbittertste Streit um den Schach-Olymp: Dabei findet Boris Spasski in Robert Fischer 1972 seinen genialen Meister. Der US-Amerikaner holt nicht nur sensationell einen großen Rückstand auf. Ihm gelingt es letztlich, den Russen mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Spasski indes darf den einzigartigen Ruhm genießen, dass einer seiner Schachzüge es bis in einen James-Bond-Thriller schafft.

„Schach hilft gegen Demenz, wie meine Vorbilder es zeigen.“

Auch Köhler sieht sich in punkto Schachspiel noch lange nicht matt gesetzt. Ab 60, und das ist in zwei Jahren, will der Unternehmer bei den Senioren starten. Dort kann er sogar noch Weltmeister werden. Und er fühlt sich gut in Form. „Und Schach hilft gegen Demenz, wie meine Vorbilder es zeigen.“ Aber vielleicht gelingt der Griff nach internationalem Lorbeer auch erst einem der Schützlinge vom Verein „Kinderschach in Mitteldeutschland“, den Köhlers Firma ebenfalls nach Kräften fördert.