Völkische Freunde

Völkische Freunde: Die AfD hat ein Abgrenzungsproblem

Magdeburg - Ultrarechte Burschenschafter werden immer mehr zum Scharnier zwischen Sachsen-Anhalts AfD und der völkischen Szene. Der AfD-Bundestagskandidat Tim Ballschuh hat jetzt auf MZ-Nachfrage frühere Kontakte zur NPD eingeräumt. Der Fraktionsangestellte John H. besuchte am vergangenen Sonnabend in Rom eine von Neofaschisten ausgerichtete Konferenz - zwei Beispiele aus einer Partei ohne Abgrenzung gegen ...

Von Hagen Eichler
Ein Wahlplakat der Partei Alternative für Deutschland.

Ultrarechte Burschenschafter werden immer mehr zum Scharnier zwischen Sachsen-Anhalts AfD und der völkischen Szene. Der AfD-Bundestagskandidat Tim Ballschuh hat jetzt auf MZ-Nachfrage frühere Kontakte zur NPD eingeräumt. Der Fraktionsangestellte John H. besuchte am vergangenen Sonnabend in Rom eine von Neofaschisten ausgerichtete Konferenz - zwei Beispiele aus einer Partei ohne Abgrenzung gegen Radikale.

AfD-Bundestagskandidat räumt NPD-Kontakte ein

Sowohl Ballschuh als auch H. gehören Studentenverbindungen an, die die Aufnahme von Männern nichtdeutscher Abstammung ablehnen. H. war in der Kölner Burschenschaft Germania aktiv, Ballschuh in der vom Verfassungsschutz beobachteten Frankonia Erlangen und in der Halle-Leobener Burschenschaft Germania. Beide beschreiben sich selbst als konservativ. Ihre Kontakte erwecken daran jedoch Zweifel.

So erscheint Ballschuh auf einer Mitgliederliste der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten (JN) in Sachsen-Anhalt. Das Dokument stammt offenbar aus jenen parteiinternen E-Mails, die 2011 gehackt und von der Tageszeitung taz veröffentlicht wurden. Die der MZ vorliegende Excel-Tabelle nennt Ballschuhs E-Mail- und Postadresse sowie das Geburtsdatum. Als Zeitpunkt des Aufnahmeantrags ist der 18. November 2006 vermerkt - der Gymnasiast war damals 16 Jahre alt.

Ballschuh bestreitet gegenüber der MZ, dass er Mitglied der JN und damit der NPD war. Er habe weder die Aufnahme beantragt noch Beiträge gezahlt. Allerdings räumt er ein, dass er eine Reihe von NPD-Veranstaltungen besucht und der Partei seine Daten zur Übersendung von Material hinterlassen habe.

AfD-Bundestagskandidat Tim Ballschuh: „Schon im Gymnasium für Kleinigkeiten als Nazi bezeichnet“

Der heute 26-Jährige bezeichnet das als Akt jugendlicher Rebellion. „Mich hat gestört, dass ich schon im Gymnasium für Kleinigkeiten als Nazi bezeichnet wurde. Deshalb wollte ich mir die ansehen, die man ebenso beschimpft hat.“ Ballschuh gibt sogar zu, dass er sich früher zur NPD bekannt habe. Seine Schulleiterin im Gymnasium Egeln (Salzlandkreis) habe ihm die Mitgliedschaft unterstellt. „Um sie zu provozieren, habe ich dann gesagt: Ja klar, ich bin Mitglied.“

Zuletzt will Ballschuh 2011 bei einer NPD-Veranstaltung gewesen sein - damals besuchte er die Abschlusskundgebung im Landtagswahlkampf. Er habe sich in dem Milieu jedoch nicht wohlgefühlt. „Ich will mich unterhalten können, keine dumpfen Parolen.“ Auch habe ihn das Revolutionäre der NPD abgestoßen.

Seit März arbeitet Ballschuh für den AfD-Landtagsabgeordneten Hagen Kohl, den Vorsitzender des Innenausschusses. Auf MZ-Nachfrage sagt Kohl, ein früheres NPD-Mitglied würde nicht zu ihm passen. „Er hat das aber dementiert, damit ist die Sache für mich geklärt.“ Ballschuh legt auch ein Schreiben vor, in dem ihm die NPD bestätigt, er habe nie dazugehört..

Seit 2016 ist der Burschenschafter AfD-Mitglied, auf Platz 13 der Landesliste kandidiert er sogar für den Bundestag. Bei seiner Bewerbungsrede trug er eine Kornblume im Knopfloch. In Österreich war das einst das Erkennungszeichen der verbotenen Nationalsozialisten. Ein bewusstes Symbol? Unsinn, kontert Ballhaus: „Ich mag die Blume als Symbol für Preußen.“

Brandaktuelle Kontakte ins rechtsextreme Milieu sind für John H. nachgewiesen. Ein Foto vom vergangenen Sonnabend zeigt ihn in Rom: Dort nahm er an einer von der Jugendorganisation der italienischen Bewegung Casa Pound organisierten Konferenz von Aktivisten aus ganz Europa teil. * Casa Pound vertritt nach eigener Aussage den „Faschismus des dritten Jahrtausends“, die Verehrer des Hitler-Verbündeten Mussolini suchen intensiv den Anschluss an die Jugendkultur.

Ausrichter der Konferenz war der dazugehörige Schüler- und Studentenverband Blocco Studentesco. Auf dem Podium saßen unter anderem Ourania Michaloliakou, Vertreterin der griechischen Neonazi-Partei „Goldene Morgenröte“, und der Deutsche Philip Stein, der zum Widerstand gegen die vermeintliche „Flüchtlingsinvasion“ aufruft.

Was macht ein Angestellter der AfD-Fraktion in solcher Umgebung? John H. war am Freitag für eine Stellungnahme nicht erreichbar. (mz)

* Die Konferenz fand nicht – wie in einer früheren Version des Textes berichtet – im Hauptquartier der Casa Pound statt, sondern im Veranstaltungszentrum „Auditorium Via Rieti“.