Walderlebnis

Mit der App aufPilzsuche

Mit Handy-Apps können Pilze bestimmt werden. Doch funktionieren die digitalen Helfer auch? Die MZ hat mit einer Expertin den Test gemacht.

Von Julius Lukas 16.10.2021, 08:00
Welcher Pil ist es? Die App "Mushroom Picture" hilft bei der Bestimmung.
Welcher Pil ist es? Die App "Mushroom Picture" hilft bei der Bestimmung. Julius Lukas

Ziegelroda/MZ - - Der weiße Pilzhut strahlt aus dem braun-gelben Laub hervor, als wolle er sagen: Finde mich! Und seiner unausgesprochenen Bitte wird auch sogleich entsprochen. Ab also auf Waldbodenhöhe, um den Stiel durchzusäbeln. Doch vor dem Messer wird erst einmal das Mobiltelefon gezückt. Darauf installiert sind zwei Pilz-Bestimmungs-Apps. Mit denen soll geklärt werden, um welchen Waldbewohner es sich überhaupt handelt. Und vor allem, ob der weiße Pilz auch in die Pfanne darf.

Durch die App ist das ganz einfach festzustellen. Foto machen und schon gleicht die Software das Bild mit einer Datenbank ab. Blitzschnell ist die Analyse abgeschlossen. Der Befund: Es handelt sich um einen Elfenbeinschneckling. Und der ist nicht giftig. Das allerdings lässt Gisela Jäger aufhorchen. Das Gesicht der Pilzberaterin verzieht sich. „Da wäre ich aber vorsichtig“, sagt sie.

Bekannt für Pilzvielfalt

Die Begegnung mit elfenbeinfarbenen Hutträger findet am Ende einer Wanderung durch den Ziegelrodaer Forst statt. Das Naturschutzgebiet im Süden Sachsen-Anhalts ist nicht nur für seinen urigen Mischwald bekannt, sondern auch für ein reiches Pilzangebot. Gisela Jäger ist hier Pilzberaterin. „Seit Kindheitstagen laufe ich durch den Wald und sammle“, sagt sie. Wenn jemand die Könige des Waldbodens im Ziegelrodaer Forst kennt, dann ist es die 61-Jährige.

Auf der Tour bekommt die Expertin allerdings Konkurrenz von eben jenen zwei digitalen Helfern (siehe „Welche Apps für ...“). Diese versprechen, Pilze anhand von Fotos identifizieren zu können. „Keine gute Idee“, sagte unlängst die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt. Allein im vergangenen Jahr seien im Land 580 zum Teil sehr schwere Pilzvergiftungen registriert worden. Auf eine App zu vertrauen, sei deswegen gefährlich. Ob das so stimmt, soll der Test im Forst zeigen.

Giftiger Trichterling

Das Duell Mensch gegen Maschine findet bei regnerischem Wetter statt. Der Waldboden ist matschig, auf den Wegen bilden sich kleine Bäche. „Pilze lieben die Feuchtigkeit“, meint Jäger locker und stoppt den Wanderschritt abrupt. „Da haben wir die ersten“, sagt sie und zeigt auf mehrere Schirmträger, die unter einer Rotbuche wachsen. Handy raus, dann Foto, Analyse und Ergebnis: „Nebelgrauer Trichterling“, sagt die App und liefert gleich noch die kulinarische Einschätzung „giftig“ dazu. „Stimmt beides“, meint Gisela Jäger. Früher habe man den Trichterling noch gegessen, mittlerweile wisse man, dass er krebserregende Stoffe enthält.

Viele bewegen sich zu hektisch durch den Wald und übersehen dabei Pilze.

Gisela Jäger, Pilzberaterin

Weiter geht es auf feuchtem Untergrund. Zeit für einen Such-Tipp der Expertin. Gisela Jäger empfiehlt die Leuchtturm-Methode: Ruhig hinstellen und den Blick rundherum langsam kreisen lassen. „Viele bewegen sich zu hektisch durch den Wald und übersehen dabei Pilze.“ Und auf die Theorie folgt sofort die Praxis. Denn im Leuchtturm-Modus hat Jäger etwas entdeckt, was der Laie nicht einmal als Pilz erkennen würde: Einem Bündel bräunlicher Röhren. Das Mobiltelefon sagt: „Steife Koralle, giftig“. Gisela Jäger nickt leicht beeindruckt: „Nicht schlecht.“

2.000 Pilzarten in Sachsen-Anhalt

Etwa 2.000 Pilzarten gibt es in Sachsen-Anhalt. Längst nicht alle sind genießbar. Einige beeinflussen die Verdauung nur unangenehm, andere sind aufgrund ihrer Inhaltsstoffe tödlich. Deswegen sollte man die Bewerber für das Sammelkörbchen genau prüfen. „Einen Pilz muss man mit allen Sinnen erkennen“, meint Gisela Jäger. Ein Beispiel seien die Täublinge, die es in allen Farben gibt. „Da kann man ein Stück abschneiden und sich auf die Zunge legen.“ Schmeckt es scharf und bitter, lässt man sie lieber stehen - ein Test, den keine App machen kann.

Seit Kindheitstagen auf Pilzsuche: Gisela Jäger
Seit Kindheitstagen auf Pilzsuche: Gisela Jäger
Julius Lukas

Gleiches gilt für die Geruchsprobe. Die Pilzberaterin pflückt einen Pfannen-Aspiranten vom Boden. Weiß, knollig und ein bisschen gelb am Hut. Ein tiefer Zug offenbart einen dumpfen, erdigen Geruch, wie im Kartoffelkeller. „Das ist ein gelber Knollenblätterpilz - giftig“, sagt Jäger. Dessen grüner Verwandter, der auch in Sachsen-Anhalt vorkommt, ist sogar tödlich. Und die Apps? Die erkennen auch ohne Geruchstest den ungenießbaren Gesellen.

Nur Volltreffer

Bisher lieferten die technischen Helfer nur Volltreffer. Und so geht es auch weiter: Gelbflockiger Wollstielschirmling, Gemeiner Glimmertintling, Buckeltramete oder Fuchsiger Röteltrichterling - was die Apps auch als Befund ausspucken, Gisela Jäger quittiert es mit einem Nicken.

Allerdings gehen bei der Suche per Handy die Feinheiten verloren. Eine Pilzwanderung ist auch eine Entdeckungsreise. Jäger verdeutlicht das anhand des Knoblauchschwindlings und des Schwefelritterlings. Beide riechen, wie sie heißen und sind ein jeweils eigenes Geruchserlebnis. „Das erlebt man nicht, wenn nur das Mobiltelefon die Bewertung übernimmt“, so die Pilzberaterin.

Schmeckt so, wie er reicht: der Schwefelritterling.
Schmeckt so, wie er reicht: der Schwefelritterling.
Julius Lukas

Wir schlagen uns in die Büsche. Gehen tiefer in das Unterholz. Und da leisten sich die Apps den ersten Patzer. Eine Braunkappe lugt aus einem Moosbüschel hervor. Der Scan verdeutlicht, was zum Einmaleins der Pilzsammelei gehört: Es ist ein Maronen-Röhrling, lecker wie beliebt. Die Apps allerdings sagen: giftig. Jäger schaut ungläubig: „Das ist doch Quatsch.“ Wer nur auf die Helfer vertraut, hätte die Marone stehen gelassen. Ebenso läuft es beim Riesenschirmpilz. Auch der schmeckt hervorragend. Die Apps fordern jedoch zum Verzicht auf.

Buch gegen App

Die ersten Zweifel an der Technik sind gesät. Und sie werden bei eben jenem weißen Pilz, den die Apps als Elfenbeinschneckling identifizieren, noch größer. Gisela Jäger schmeckt diese Diagnose gar nicht. Und es kommt zum Showdown. Die Pilzberaterin zückt, was sie die gesamte Wanderung über nicht brauchte: ihr Pilzbuch. Jetzt heißt es: analog gegen digital. Seiten werden gewälzt. Beim Schneckling steht, dass er eine schleimige Oberfläche hat und nach Mandarinenschale duftet. Beides trifft auf das Ziegelrodaer Exemplar nicht zu. Jäger hat aber einen anderen Verdacht: „Für mich ist das ein Bleiweißer Trichterling.“ Auch der wird im Buch gesucht. Und siehe da: wachsige Haut, Ockerfärbung am Stil. Die Beschreibung passt. „Und ich weiß, dass die hier oft wachsen“, sagt die Pilzberaterin.

Das Fatale ist: Der Schneckling wird als ungiftig beschrieben, der Bleiweiße Trichterling ist es nicht. „Er kann sogar tödlich sein“, sagt Jäger. Und so fällt das Fazit eindeutig aus: Die Apps sind zwar ziemlich treffsicher, als Grundlage für die Zusammenstellung einer Pilzpfanne sollten sie jedoch nicht dienen.

Welche Apps für den Test verwendet wurden

Der Test wurde mit den in der Basisversion kostenlosen Mobiltelefon-Apps „Pilz Erkenner“ und „Mushroom Picture“ (übersetzt: Pilzbild) durchgeführt. Beide haben tausende Bewertungen, die überwiegend positiv sind. Sie funktionieren ähnlich: Man lädt ein Bild in die App oder nimmt es innerhalb der App auf, anschließend folgen innerhalb weniger Sekunden Analyse und Ergebnis.

Beide Apps warnen ausdrücklich davor, den Verzehr gesammelter Pilze vom App-Ergebnis abhängig zu machen. Im Test hat „Picture Mushroom“, das in der Profiversion 29,99 Euro pro Jahr kostet, besser abgeschnitten. Das Design ist modern, die Bedienführung intuitiv. Zudem gibt es eine Fotogalerie, in der alle bisher gescannten Pilze abgebildet sind. Diese Funktion bietet „Pilz Erkenner“ nicht.