Bauhaus zum Anbeißen

Grüne Woche 2019: Diese Neuheuten zeigt Sachsen-Anhalt

Berlin - Schicht für Schicht wächst die Schokolade. Aus der kleinen Düse des 3-D-Druckers wird sie fein säuberlich auf eine Plastikfläche aufgetragen. „Wir haben so schon den Kopf des Physikers und Nobelpreisträgers Albert Einstein modelliert“, sagt Robert Thomale von der Hochschule ...

Von Steffen Höhne 22.01.2019, 11:00

Schicht für Schicht wächst die Schokolade. Aus der kleinen Düse des 3-D-Druckers wird sie fein säuberlich auf eine Plastikfläche aufgetragen. „Wir haben so schon den Kopf des Physikers und Nobelpreisträgers Albert Einstein modelliert“, sagt Robert Thomale von der Hochschule Anhalt.

Die Besucher der weltgrößten Agrarschau „Grüne Woche“ in Berlin verfolgen an diesem Montag fasziniert die Produktion. Die Schokolade werde auf 30 Grad Celsius erwärmt, erklärt der Dozent den Schaulustigen. „Wir können dann fast jede beliebige Form herstellen.“ Auch Marzipan werde verwendet. Am Nachmittag soll sogar ein Kuchen gedruckt werden.

3-D-Drucker halten Einzug in die Lebensmittelbranche

3-D-Drucker könnten künftig also auch in der Lebensmittelbranche Einzug halten, um Spezialprodukte zu fertigen. So werden sich Paare vielleicht in ein paar Jahren ihre Hochzeitstorte am Computer selbst designen. Auf der „Grünen Woche“ zeigen die Studenten, welche Innovationen möglich sind. Erstmals sind die Hochschulen des Landes mit einem eigenen Stand in der neu gestalteten Sachsen-Anhalt-Halle vertreten.

Innovationen sind für die mittelständischen Lebensmittel-Produzenten überlebenswichtig. Viele stellen ihre Neuheiten zuerst auf der Messe vor, um eine ungefilterte Reaktion von den Kunden zu bekommen. Noch nicht auf dem Markt ist beispielsweise ein Fruchtgelee der halleschen Firma Nutripur. Das erst 2014 gegründete Unternehmen stellt gefriergetrocknete Früchte und Fruchtmischungen her, die etwa als Ergänzung in Müslis verwendet werden können. „Nun haben wir aus Saft und Fruchtpüree die Fruchtgelees produziert“, sagt Firmenchef Heiko Gothe. „Es ist eine gesunde Alternative zu Gummibärchen.“ Auf der Messe trifft Gothe in dieser Woche noch Einkäufer großer Handelsketten. Bei den Besuchern auf der Messe kommt der kleine Snack auf jeden Fall schon gut an.

Doch auch seit Jahrzehnten etablierte Unternehmen wie der Backmischungs-Hersteller Kathi setzen stark auf Neuheiten. „Wir haben natürlich etliche Klassiker mitgebracht, bringen jedes Jahr aber auch sechs bis zehn neue Sorten heraus“, sagt Inhaber Marco Thiele. Nur etwa ein Drittel davon würde langfristig im Sortiment bleiben.

Kathi will neue Käuferschichten erreichen

„Die Trends ändern sich“, begründet Thiele den Wechsel. So lässt Kathi jetzt unter anderem auch Kekse unter seinen Namen produzieren. „Damit erreichen wir neue Käuferschichten.“ Zur Messe hat das hallesche Traditions-Unternehmen auch einen echten Hingucker mitgebracht: eine große „Bauhaus-Torte“ zum 100-jährigen Jubiläum der Architektur-Schule. Das Bauhaus steht für Kreativität und Modernität. „Das sind auch für unsere Firma wichtige Werte“, so Thiele.

Beim Messerundgang betont Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU), dass die Agrar- und Lebensmittelbranche des Landes in Deutschland „in der ersten Liga mitspielt“. Mit einem jährlichen Umsatz von 7,43 Milliarden Euro und mehr als 20 000 Beschäftigten gehöre sie zu den großen Industriezweigen des Landes. „Die Agrarbetriebe sind die einkommensstärksten in Deutschland“, betont der Regierungschef.

Das sei eine starke Basis für eine erfolgreiche Entwicklung. Haseloff und auch Agrarministerin Claudia Dalbert (Grüne) besuchten nicht nur zum Verkosten zahlreiche Stände: Dalbert fragte konkret nach: „Was sind ihre erfolgreichsten Produkte?“

Bei der Brauerei Landsberg wird es tierisch

Einen „tierischen“ Wandel hat im vergangenen Jahr beispielsweise die Brauerei Landsberg (Saalekreis) vollzogen. Die Privatbrauerei mit etwa 30 Mitarbeitern hat das Konzept seiner Biermarken überarbeitet. Das Pils heißt nun „Stolzer Hahn“ und das Bockbier-Hell „Starke Sau“.

„Die Tiernamen sind der ländliche Bezug, aus dem wir kommen“, sagt Vertriebsmitarbeiter Sirko Jakobi. 8 000 Flaschen hat das Unternehmen mit zur Messe gebracht. Viele Messegäste fragen neugierig nach, was es mit den Namen auf sich hat. Der neue Markenauftritt kommt bei den Kunden gut an. Die 36-jährige Firmenchefin Jenny Thormann spricht von einem zweistelligen Wachstum in den vergangenen Monaten.

Die tierischen Namen haben sogar große Getränkehersteller aufgeschreckt. So hieß das Bockbier-Dunkel ursprünglich „Sanfter Bulle“. Der Brause-Hersteller „Red Bull “ sah eine Verwechslungsgefahr und drohte mit juristischen Schritten. Auf einen teuren Rechtsstreit wollten es die Landsberger nicht ankommen lassen und nannten ihr Getränk kurzerhand „Sanfter Ochse“. Dem Image als frechem „Underdog“, der in den Bierregalen auffällt, dürfte der Streit aber vielleicht sogar genutzt haben.

„EUerlikör“ vom Altenweddinger Geflügelhof

Spielerisch mit einem Markenstreit geht der Altenweddinger Geflügelhof (Landkreis Börde) um. Der Eierlikör des Unternehmens ist mit Kondensmilch verfeinert. Doch laut Urteil des Europäischen Gerichtshofs im Oktober 2018 darf im Eierlikör keine Milch sein. Zur „Grünen Woche“ hat Inhaberin Antje Brandt nun eine limitierte Auflage (2 000 Flaschen) eines „EUerlikörs“ mitgebracht. Die Flasche mit blauem Etikett sticht aus dem Sortiment heraus. Zahlreiche Fernsehteams haben die Landwirtin an ihrem Stand bereits besucht und berichten nun über das Eierlikör-Rezept ihrer Ur-Ur-Großmutter.

Beim Rundgang betont Agrarministerin Dalbert, dass die Messe dafür genutzt werden soll, neue Kontakte zu knüpfen. So hat das Kolping-Berufsbildungswerk in Hettstedt (Landkreis Mansfeld-Südharz) mit K-Aktive ein koffein- und vitaminhaltiges Erfrischungsgetränk auf den Markt gebracht.

Von der Baumkuchenfabrik  bis zum Straußenhof: 86 Aussteller aus Sachsen-Anhalt sind in diesem Jahr auf der „Grünen Woche“ in Berlin vertreten. Neben Unternehmen aus Ernährungswirtschaft und Landwirtschaft zeigen auch Aussteller aus der Tourismusbranche sowie mehrere Landkreise ihre Angebote auf der weltgrößten Agrar- und Ernährungsmesse. Das Land lässt sich den Auftritt vom 18. bis 27. Januar rund 600.000 Euro kosten.

Die Ernährungsmesse wird  jedes Jahr von rund 400.000 Menschen besucht. In diesem Jahr sind 1750 Aussteller aus 61 Ländern vertreten. 36 Staaten präsentieren sich mit Ländergemeinschaftsschauen.

Die lernschwachen Jugendlichen, die in Hettstedt eine Ausbildung absolvieren, haben das Produkt mit entwickelt. Der Clou: Mit Baobab und Moringa werden vitaminreiche Früchte aus Afrika verwendet, die aus einem sozialen Projekt in Tansania stammen. „Außerhalb unseres Landkreises ist unser Erfrischungsgetränk aber kaum bekannt“, sagt Geschäftsführer Markus Feußner. In Berlin will er nun für das Erfrischungsgetränk werben.

Bei der Hochschule Anhalt können sich die Unternehmen aber auch Anregungen für ganz neue Geschäftsmodelle holen. So prüfen die Studenten, in welcher Form Bambus als nachhaltiger Rohstoff genutzt werden könnte. Eine Idee von Hochschulmitarbeiter Thomale: „Die Fasern von Bambus eignen sich dazu, daraus Einweggeschirr herzustellen.“ So könnten Teller und Trinkhalme aus Plastik künftig durch Bambus ersetzt werden. Am umweltfreundlichsten wäre es allerdings, wenn man den Halm, mit dem man etwa K-Aktive trinkt, gleich danach als Snack essen könnte.

(mz)