Ärger um die Muckibuden

Fitnessstudios empören Kunden mit fragwürdigen Methoden

Während des Lockdowns verlängern einige Studios ohne Einwilligung Verträge oder lehnen Kündigungen ab. Kunden sind empört. Juristisch sind die Fälle oft unklar.

Von Max Hunger
In Sachsen-Anhalt gibt es zahlreiche Beschwerden über den Umgang von Fitnessstudios mit Kundenverträgen. (Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Halle (Saale) - Die Laufbänder stehen still, die Hanteln bleiben unangetastet: Für Fitnessstudios ist die Pandemie eine Durststrecke. Denn erlaubt ist in Sachsen-Anhalt laut Corona-Eindämmungsverordnung nur Individualsport unter freiem Himmel. Wann die Muckibuden wieder öffnen dürfen, ist offen. Immer mehr Kunden lassen daher ihre Verträge auslaufen oder kündigen gar. Einige Studios wollen den Kundenschwund stoppen - und scheuen dabei auch den Weg vor Gericht nicht.

Fragwürdige Kundenverträge bei Fitnessstudios

Nach Angaben der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt sind im vergangenen Jahr 202 Beschwerden über den Umgang von Fitnessstudios mit Kundenverträgen eingegangen. Im laufenden Jahr haben sich demnach bereits 77 Sportler gemeldet. „Wir haben Beschwerden ohne Ende“, sagt Rechtsreferentin Simone Meisel.

Anstoß des Ärgers ist laut der Verbraucherschützerin meist eine Verlängerung des Vertrags ohne Einwilligung des Kunden oder die Ablehnung von eigentlich fristgerechten Kündigungen. In seltenen Fällen seien trotz Schließung zudem Beiträge eingezogen worden. Meisel sieht jedoch bereits in den Vertragsverlängerungen einen Rechtsbruch. „Das ist nur mit Einwilligung des Verbrauchers möglich.“

Fitnessstudios sehen sich im Recht

Viele Fitnessstudios sehen sich indes im Recht: Die Ausdehnung der Verträge sei keine Verlängerung, da durch die Schließungen keine Leistung für den Kunden angeboten werden könne, teilt der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheit-Anlagen (DSSV) auf MZ-Anfrage mit.

Die Vertragslaufzeit werde daher für die Zeit des Lockdowns unterbrochen - und das Vertragsende nach der Wiederöffnung um diese Dauer verschoben. Der Großteil der Studios verzichte währenddessen zudem auf Beiträge, sagt DSSV-Sprecher Alexander Wulf. „Dem Kunden entsteht kein Nachteil.“

Rechtliche Lage häufig unklar

Und dennoch treibt der Ärger über diese Praxis viele Studiogänger bis vor die Gerichte. Diese stellen sich mitunter auf die Seite der Studiobetreiber. So wies das Landgericht Würzburg (Bayern) vergangenen November die Klage des Bundesverbands der Verbraucherschützer gegen die Vertragsstreckung eines Studioinhabers ab. Der Vertrag bleibt, die Kosten entfallen - in seiner Abwägung kamen die Richter zu dem Schluss, dass die Interessen von Studios und Kunden mit diesem Kompromiss gewahrt bleiben.

Grundsätzlich sei die gesetzliche Lage in diesen Fällen häufig unklar, sagt Christian Hoppe, Vorsitzender des Richterbundes Sachsen-Anhalt. Denn: In den Verträgen sei eine Pandemielage meist nicht vorgesehen - es habe schlicht niemand mit dieser Situation gerechnet, so der Jurist. „Am Ende geht es um die Frage: Wer trägt dieses Risiko?“

Kunden scheuen Rechtsstreit

Das sei gesetzlich noch nicht abschließend geklärt - ein höchstrichterliches Urteil gibt es noch nicht. Die Ablehnung von fristgerechten Kündigungen hält Hoppe jedoch für unzulässig. „Das ist äußerst zweifelhaft. Eine ordentliche Kündigung ist nicht an Gründe gebunden. Sie muss immer möglich sein.“

Er vermute, dass die Betreiber darauf setzten, dass die Kunden den Rechtsweg scheuen. Der Richter rechnet außerdem damit, dass sich ähnliche Konflikte in anderen Dienstleistungsbranchen, die wegen der Pandemie schließen müssen, künftig häufen werden. „Das wird noch spannend“, so Hoppe.

Branche hält sich bedeckt

Die Studios selbst halten sich weitgehend bedeckt zum Kundenärger. Die Kette McFit, die unter anderem in Halle und Magdeburg Filialen betreibt, wollte sich auf MZ-Anfrage aufgrund laufender Verfahren nicht zu den Vertragsverlängerungen äußern. „Unsere Mitglieder können sich bei Fragen zu ihrem Vertrag jederzeit an unseren Kundenservice wenden“, teilt McFit-Geschäftsleiter Hagen Wingertszahn weiter mit.

Der Bundesverband wirbt dabei um Verständnis: „Das ist aus der Not heraus gemacht worden. Die Branche ist jetzt sechs Monate im Lockdown“, betont DSSV-Sprecher Wulf. Häufig seien die Staatshilfen für die Studios zu spät gezahlt worden oder würden nicht ausreichen.

Rechtsstreit ist ein Risiko

Die Verbraucherschützer pochen hingegen auf die Rechte der Kunden. Wer seinen Vertrag in der Pandemie kündigen möchte, dem empfiehlt die Verbraucherzentrale, die Kündigung per Einschreiben abzuschicken. So läge im Zweifel ein Nachweis für den fristgerechten Eingang vor.

Der Streit um Vertragsverlängerungen vor Gericht sei jedoch mit einem Risiko verbunden, räumte Rechtsreferentin Meisel ein. Amtsgerichte hätten dazu zuletzt unterschiedliche Urteile gefällt - mal zugunsten der Kunden, mal zugunsten der Betreiber. „Man muss es offen sagen: Das ist ein Risiko.“ (mz)