Ärztemangel in Sachsen-Anhalt

Ärztemangel in Sachsen-Anhalt: Klasse Allgemeinmedizin der MLU Halle vorgestellt

Halle (Saale) - An der MLU Halle bereiten sich in der Klasse Allgemeinmedizin Studenten darauf vor, Hausärzte zu werden. Einer von ihnen ist Adrian Ebert.

Von Bärbel Böttcher 06.03.2017, 09:00

Adrian Ebert ist für die hausärztliche Versorgung der Menschen in Sachsen-Anhalt ein Hoffnungsträger. Dabei hat er das Medizin-Studium noch nicht einmal beendet. Gegenwärtig absolviert er sein Praktisches Jahr im Gesundheitszentrum Bitterfeld/Wolfen. Das Praktische Jahr ist der letzte Teil des Studiums.

Danach folgen das große Staatsexamen und dann die Weiterbildung zum Facharzt. Adrian Ebert, der mit einem Praktikum im Krankenhaus die Zeit zwischen Abitur und Armeezeit überbrückt und so Gefallen am Arztberuf gefunden hat, will Facharzt für Allgemeinmedizin werden. „Ich könnte mir vorstellen“, sagt der gebürtige Thüringer, „in Sachsen-Anhalt zu bleiben und auf dem Land zu arbeiten.“

Ärzteausbildung in Sachsen-Anhalt: Klassenkonzept trägt langsam Früchte

Einmal als Hausarzt Patienten zu behandeln, darauf hat Adrian Ebert vom ersten Tag seines Studiums an der Uni Halle an hingearbeitet. Damals, im Herbst 2011, stellte Andreas Klement, Professor der Sektion Allgemeinmedizin, den Studienanfängern ein neues Projekt der Medizinischen Fakultät vor - die Klasse Allgemeinmedizin. Mit seinem Vortrag hat er den jungen Mann gepackt. Er bewarb sich, war einer der Ausgewählten und ist seitdem mit dem Herzen dabei.

Ins Leben gerufen wurde die Klasse Allgemeinmedizin mit dem Ziel, pro Jahr einer Gruppe von 20 Studenten das ganze Studium hindurch Kenntnisse und Fertigkeiten auf einem Gebiet zu vermitteln, das im normalen Programm nur einen kleinen Platz einnimmt. Nun, im sechsten Jahr, gehören insgesamt 102 Studenten dazu. Die ersten sind auf dem Sprung in die Praxis. Das Konzept, das einen langen Atem braucht, beginnt langsam Früchte zu tragen.

Bis zum Jahr 2025 müssen in Sachsen-Anhalt 825 Hausarztstellen nachbesetzt werden, wenn das Versorgungsniveau von 2012 gehalten werden soll. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Landes geht davon aus, dass dies zu schaffen ist, wenn pro Jahr etwa 20 junge Ärzte mehr als bisher motiviert werden können, eine Facharztausbildung auf dem Gebiet der Allgemeinmedizin zu beginnen.

Um das zu erreichen, hat die KV ein umfangreiches Maßnahmebündel geschnürt, in dem die Förderung der Ausbildung eine große Rolle spielt. Die KV hat - entsprechend der Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses - Sachsen-Anhalt in 32 Planungsbereiche eingeteilt. Um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen, müsste auf 1.700 Patienten ein Hausarzt kommen. Das entspräche einem Versorgungsgrad von 100 Prozent.

Steigt die Zahl der Versicherten pro Hausarzt, sinkt der Versorgungsgrad. Liegt er unter 75 Prozent, gilt das als Unterversorgung. Derzeit besteht in zwölf der 32 Planungsbereiche eine drohende Unterversorgung. Die besteht, wenn aufgrund der Altersstruktur der Ärzte in einer Region in nächster Zeit eine Unterversorgung zu befürchten ist.

2016 konnten in Sachsen-Anhalt 22 Hausarztpraxen nicht an einen Nachfolger weitergegeben werden.

Das Durchschnittsalter der insgesamt rund 1 400 Hausärzte in Sachsen-Anhalt beträgt 54,47 Jahre. Knapp 30 Prozent (432 Ärzte) sind 60 Jahre und älter. Knapp 13 Prozent (184 Ärzte) sind 65 Jahre und älter.

Bei den Fachärzten liegt das Durchschnittsalter bei 53,38 Jahren. Etwa 23 Prozent (477 Ärzte) sind 60 Jahre und älter, etwa sieben Prozent (151 Ärzte) sind 65 Jahre und älter.

Ist die Klasse Allgemeinmedizin also das Rezept gegen den Hausärztemangel in Sachsen-Anhalt? „Es ist ein Rezept“, sagt Professor Thomas Frese, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität. Auf jeden Fall sei es sehr hilfreich.

Ärzteausbildung in Sachsen-Anhalt: „Programm als Mittel gegen den Hausärztemangel“

Frese hat beobachtet, dass es gerade am Anfang des Studiums relativ viele Studierende gibt, die grundlegendes Interesse an der Allgemeinmedizin haben, die sich vorstellen können, später einmal auf diesem Gebiet zu arbeiten. „Im Verlauf des Studiums nimmt dieses Interesse aber ab, weil andere Bereiche in den Vordergrund treten“, sagt er.

Programme wie die Klasse Allgemeinmedizin seien da geeignet, die Studenten bei der Stange zu halten. „Zudem“, so fügt er hinzu, „wertet es das Image der Allgemeinmedizin auch innerhalb der Fakultät auf.“ Und das führe dazu, dass mehr Studenten diesem Fach zugetan seien. „Insofern ist es schon ein Mittel gegen den Hausärztemangel“, unterstreicht Frese.

In drei Seminaren pro Semester lernen die Studenten der Klasse Allgemeinmedizin beispielsweise Untersuchungstechniken kennen, die speziell ein Allgemeinmediziner braucht. Sie üben, wie die Kommunikation mit Patienten laufen sollte und erfahren etwas über die Abläufe in einer Hausarztpraxis. Das Kernstück sind aber die Praxistage bei einem Mentor, einem gestandenen Hausarzt, der ihnen vom ersten Tag an bei allen Fragen zur Seite steht.

Ärzteausbildung in Sachsen-Anhalt: Allgemeinarzt sieht nicht nur die Krankheit

Adrian Ebert erzählt, dass ihn sein Lehrarzt, Jörg Krause in Köthen, gut herangeführt hat an die Arbeit mit Patienten. Von Mal zu Mal habe dieser die Anforderungen erhöht. Zuerst habe er hospitiert, am Ende dann schon seine „eigenen“ Patienten gehabt, die er, natürlich unter Aufsicht, untersucht und für die er dann Therapievorschläge unterbreiten habe. „Gerade am Anfang ist das Studium ja sehr theorielastig“, sagt der 25-Jährige. „Da sind die Praxiskontakte sehr hilfreich, um zu sehen, wofür ich das alles eigentlich mache.“

Durch die Praxistage hat Adrian Ebert schon sehr früh schätzen gelernt, was einen großen Teil der Hausarztmedizin ausmacht - die Bindung zum Patienten über eine lange Zeit. „Dadurch sieht der Arzt nicht nur die Krankheit, sondern auch das, was möglicherweise dahinter stecken könnte“, sagt er. Der Allgemeinarzt habe ein Gesamtbild des Menschen, kenne oft seine ganze Familie. Und deswegen werde ja auch von Allgemein- und Familienmedizin gesprochen.

Thomas Frese sagt das mit fast den gleichen Worten. „Es gibt in der Hausarztpraxis keine langweilige Routine“, fügt er hinzu. Die Arbeit sei sehr abwechslungsreich, lasse Flexibilität zu und biete Gestaltungsmöglichkeiten, sowohl beruflich als auch im Privatleben.

Ärzteausbildung in Sachsen-Anhalt: Unterstützung durch Stipendium möglich

„Die Klasse Allgemeinmedizin ist ein Projekt, das unbedingt weiterlaufen muss“, sagt Frese. Ihm schwebt sogar vor, sie künftig zu vergrößern, Hausärzte quasi bedarfsgerecht auszubilden. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Als nächster Schritt ist die Gründung eines Kompetenzzentrums Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät geplant. Schon in den nächsten Wochen.

„Inhaltlich ist es quasi die Fortsetzung der Klasse Allgemeinmedizin“, erklärt Frese. „Die Einrichtung soll ihre Absolventen bei der Organisation und Strukturierung der Facharztausbildung unterstützen, sie bis zur eigenen Niederlassung möglichst hier im südlichen Sachsen-Anhalt begleiten“, ergänzt er.

Allerdings ist die Klasse noch keine Garantie dafür, dass aus den jungen Ärzten später auch Hausärzte werden. Sie verpflichten sich mit ihrem Eintritt zu nichts. Es sei denn, sie erhalten eines der Stipendien, das von der Kassenärztlichen Vereinigung speziell für diese Klasse ausgelobt wurde. Es kann für einen Zeitraum von bis zu sechs Jahren und drei Monaten, der Regelstudienzeit, gezahlt werden.

Im Gegenzug verpflichten sich die Empfänger, wenn sie den Facharzt dann in der Tasche haben, für eine gewisse Zeit in einer Region Sachsen-Anhalts tätig zu werden, in der dringender Hausarzt-Bedarf besteht. Der Zeitraum hängt vom Zeitraum der Förderung ab - also längstens sechs Jahre und drei Monate. 28 Studierende kommen derzeitig in den Genuss eines solchen Stipendiums.

Ärzteausbildung in Sachsen-Anhalt: Ärztenachwuchs durch Programm nicht zwingend gesichert

Thomas Frese gönnt jedem einzelnen von ihnen das Geld - gleichwohl sieht er solche Programme auch kritisch. Meist würden sie doch von denjenigen genutzt, für die ohnehin feststehe, dass sie Hausärzte werden wollen - etwa weil die Praxis der Mutter oder des Vaters warte. Ob dadurch also zusätzlich ärztlicher Nachwuchs für die Allgemeinmedizin gewonnen werde, sei noch unklar.

Zum anderen hält Frese nichts von Verpflichtungen. „Die Allgemeinmedizin“, so unterstreicht er, „sollte und kann inhaltlich überzeugen. Durch die Qualität der Lehre und durch die Aus- und Weiterbildung in den Praxen und durch die Arbeit, die Hausärzte leisten.“

Eine Betreuung, bei der auf einen Studenten ein oder mehrere Ärzte kommen, die gebe es in keiner Klinik, sondern nur in der Allgemeinmedizin. „Ich denke, Programme, die auf eine Verpflichtung abstellen, die werden langfristig nicht unbedingt erfolgreich sein. Die Verpflichtung ist einfach keine Erfolgsgarantie“, betont Frese.

Außerdem sei es von einem jungen Menschen, der gerade von der Schule kommt, viel verlangt, sich zu Studienbeginn auf ein konkretes Fachgebiet festzulegen. Wer wisse denn mit 18, 19 oder 20 Jahren, wie seine Lebensumstände zehn Jahre später aussehen.

Ärzteausbildung in Sachsen-Anhalt: „Es ist ein langer Weg“

Adrian Ebert hat genau aus den Gründen, die Frese nennt, kein Stipendium beantragt. „Die Entscheidung, wo ich mich später niederlassen, die hängt ja nicht von mir allein ab“, sagt er.

Er will diese vielmehr gemeinsam mit seiner Freundin treffen. Sie studiert auch Medizin - allerdings in einem jüngeren Semester. Aber die Klasse Allgemeinmedizin, die empfiehlt er auf jeden Fall weiter.

„Wenn es sie nicht gegeben hätte, wer weiß ob ich sonst in dieses Fach gegangen wäre“, betont der angehende Arzt. Bis er seine eigene Praxis aufschließt, vergehen allerdings noch etwa sechs Jahre - das sechste praktische Studienjahr und danach eben fünf Jahre Facharztausbildung. „Es ist ein langer Weg“, sagt Adrian Ebert, „aber ein schöner.“

(mz)