Grabungen in Wettin

Grabungen in Wettin: Geschichte der Burg muss wohl umgeschrieben werden

Wettin - Archäologen entdecken auf der Festung in Wettin Spuren aus dem 10. Jahrhundert. Muss jetzt die Geschichte des Denkmals neu geschrieben werden?

Von Dirk Skrzypczak und Claudia Crodel 25.11.2018, 11:02

Ein eisiger Wind peitscht Schneeregen über die Burganlage auf dem Porphyrfelsen oberhalb der Saale. Die Szenerie erinnert an die Verfilmung von Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. Und so geheimnisvoll, wie es in der fiktiven italienischen Abtei im Mittelalter zuging, ist es auf der Mittelburg in Wettin derzeit auch. Auf einer Fläche, in etwa so groß wie ein Tennisplatz, graben sich Archäologen buchstäblich in die Geschichte der alten Festung.

Viel verraten wollen derzeit weder die Forscher noch der Landkreis als Besitzer des Denkmals mit dem Burggymnasium. Verheimlichen lässt sich der spektakuläre Fund freilich nicht. Es handelt sich unter anderem um 1.000 Jahre alte Mauerreste.

Was jetzt schon durchscheint: Die Geschichte der Burg Wettin muss wohl neu geschrieben werden

Und dann fällt vor Ort ein Satz, der bei Geschichtsinteressierten die Herzen höher schlagen lässt: Die Geschichte der Burg, die nebulöser wird, je weiter es in die Vergangenheit zurückgeht, muss wohl neu geschrieben werden.

Die Spuren der frühmittelalterlichen Zivilisation stammen vermutlich aus dem 10. Jahrhundert, als die Blütezeit des Kaisergeschlechts der Ottonen (bekannt auch als die Liudolfinger) mit Heinrich I. (919 - 936) begann, sich das deutsche Reich bildete und Burgen wie in Wettin als Bollwerk gegen die slawischen Völker genutzt wurden, die Heiden jenseits der Saale. „Die Entdeckung in Wettin ist nicht so sensationell wie die Himmelsscheibe, aber sie ist bedeutsam“, sagt Tomoka Emmerling aus dem Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege.

Archäologen auf alte Mauern gestoßen: Zuletzt wurde vor 80 Jahren auf der Burg gegraben

Man sei auf verschiedene Mauerzüge und mittelalterliche Schichten gestoßen, die neue Erkenntnisse zur Nutzungsgeschichte der Burg liefern. „Die Mittelburg ist dichter bebaut gewesen, als es bislang angenommen wurde.“ Aktuell sei man dabei, die Funde einzuordnen. Für Dezember sei eine Pressekonferenz geplant, auf der man dann die Ergebnisse präsentiere.

Die Burg Wettin ist vermutlich aus einer slawischen Fluchtburg des 8./9. Jahrhunderts hervorgegangen. 961 wurde die „civitas Vitin“ erstmals urkundlich als königlicher Besitz erwähnt.

Ab dem 11. Jahrhundert erfolgte der verstärkte Ausbau der Burganlage als Sitz des gleichnamigen Grafengeschlechts Wettin auf dem etwa 30 Meter hohen Porphyrfelsen über der Saale.

Insbesondere Konrad von Wettin (1098 - 1157), späterer Markgraf von Meißen und der Ostmark, betrieb den hochmittelalterlichen Ausbau des Komplexes voran und zwar so, dass die Anlage bereits ihre heutige Ausdehnung hatte.

Die hoch aufragende Burg am rechten Saaleufer wurde zum Stammsitz einer der bedeutendsten und mächtigsten Fürstenfamilien Deutschlands, die nachhaltig die Kulturgeschichte des heutigen Mitteldeutschlands prägte und in der nicht zuletzt auch die Wurzeln des englischen Königshauses zu finden sind.

Die britische Königin Elisabeth II. ist eine direkte Nachfahrin der Wettiner. Mit ihr endet aber die Wettiner Linie auf dem Thron.

Es ist das erste Mal seit 80 Jahren, dass sich Archäologen wieder intensiver mit der Burg in Wettin beschäftigen. In den 1930er Jahren hatte mit dem Prähistoriker und Mittelalterforscher Paul Grimm (1907 - 1993) letztmalig ein Wissenschaftler gezielt auf dem Felsen gegraben - im Bereich der Hauptburg auf dem Unterberg. Auch er hatte Hinweise gefunden, dass es schon im zehnten Jahrhundert eine Festung gegeben hatte. Und diese Grafenburg muss stattlich gewesen sein, wie die heutigen Funde belegen.

Grabungen auf der Mittelburg: Hier soll eigentlich ein neues Schulgebäude hinziehen

Kreisverwaltung und Gymnasium verfolgen den Eifer der Archäologen aber eher mit gemischten Gefühlen. Auf der Mittelburg soll ein neues Schulgebäude mit zehn Klassenräumen und acht Fachkabinetten in das historische Ensemble gebaut werden. Einen alten Speicher will der Kreis zudem für die Verwaltung der Schule herrichten lassen. Bibliothek und Museum werden ebenfalls saniert. Gesamtkosten: über zwölf Millionen Euro.

Vor allem der neue Unterrichtstrakt wird dringend benötigt. 2020 sollte er bezugsfertig sein. Doch ob der Termin gehalten werden kann, steht in den Sternen. Solange die Archäologen graben, haben die Baumaschinen Pause. „Wir hoffen, dass wir ab Mai 2019 weiterarbeiten können“, sagt Annett Hellwig, Leiterin im Schulverwaltungsamt des Saalekreises.

Unendliche Sanierungsgeschichte an der Burg Wettin

Die unendliche Sanierungsgeschichte der Burg Wettin zehrt an den Nerven vor allem von Lehrern, Schülern und ihren Eltern. Das Problem sind die gewaltigen Dimensionen, mit denen es der Kreis zu tun hat. Um das komplette Burggymnasium sanieren und als moderne Schule herrichten zu können, benötigt der Landkreis mindestens 30 Millionen Euro.

Da bislang alle Bemühungen gescheitert sind, Fördertöpfe anzuzapfen, muss der Kreis die Finanzierung selbst stemmen. Niemand weiß, wie lange die Umsetzung noch dauert. (mz)