Saalekreis Saalekreis: Tod im November
Halle (Saale)/Bad Dürrenberg/MZ. - Es war eine Erkenntnis, die selbst die Ermittler zunächst überrascht hat: Die Babyleiche, die in der vergangenen Woche in einem Gebüsch nahe der Grundschule in Tollwitz (Saalekreis) gefunden wurde, hat dort offenbar schon mehrere Monate gelegen. Bislang waren Rechtsmediziner lediglich davon ausgegangen, dass das Kind mindestens zwei Wochen tot war. Die Ermittler können sich aber keinen Grund vorstellen, warum die Mutter ausgerechnet in diesem Punkt lügen sollte: der Zeit der Geburt. Ein Tag im November sei es gewesen, hat die 21-Jährige aus Bad Dürrenberg nach ihrer Festnahme gesagt. Am selben Abend habe sie das Kind in dem nahen Ort Tollwitz abgelegt. "Sie hat die Schwangerschaft verheimlicht und sich nach der Geburt entschlossen, sich des Kindes zu entledigen", so Oberstaatsanwalt Andreas Schieweck.
Zahlreiche Hinweise
Auf die Spur gekommen war die Polizei ihr durch die Kleidungsstücke, die am Fundort des Babyleichnams sichergestellt wurden: eine beigefarbene Damenjacke, ein ebenso auffälliges Sweatshirt mit Seelöwen-Motiv, ein bunter Kinderpullover, Größe 152. Nach der Veröffentlichung der Bilder klingelten bei der Kripo die Telefone. "Ich übertreibe sicher nicht, wenn ich sage, dass auf Hochtouren ermittelt wurde", sagte Kriminalhauptkommissar Rüdiger Elsner. Einer der Hinweise zu den Kleidungsstücken habe das zwölf Ermittler starke Team schließlich zu der 21-Jährigen geführt. Sie wurde am Dienstag in einem Bad Dürrenberger Mehrfamilienhaus festgenommen. In der Wohnung ihrer Verwandten, bei denen sie derzeit lebt, soll auch das Kind heimlich geboren worden sein.
Zum sozialen Hintergrund und Umfeld konnten und wollten die Ermittler noch wenig sagen. Die Frau habe einen Grundschulabschluss und die Sonderschule besucht, hieß es, sei derzeit arbeitslos. Eine Beziehung zu einem älteren Mann sei in die Brüche gegangen, anschließend sei sie nach Bad Dürrenberg zurückgekehrt. Der Name vom Vater des Babys ist den Ermittlern bekannt, zu weiteren Details aber schweigen sie. Momentan gebe es keinen Anlass für Ermittlungsverfahren gegen weitere Personen. Und noch müssten auch alle Angaben der Frau geprüft werden.
Zweifelsfrei wird es ein psychiatrisches Gutachten über die Mutter geben. Es soll etwas über ihren Zustand nach der Geburt sagen. Und wird vielleicht erhellen, warum sie ausgerechnet so auffällige Kleidung am Fundort zurückließ. Ein Hilferuf, der zu ihr führen sollte? Ein Zeichen der psychischen Ausnahmesituation oder ihrer mangelnden Fähigkeit zu vertuschen?
Vom Baby überfordert
Sie selbst hat den Ermittlern gesagt, sich überfordert und noch nicht reif für ein Baby gefühlt zu haben, verzweifelt gewesen zu sein. Ob sie Unterstützung aus dem eigenen Umfeld bekommen hätte? Möglich. "Aber auch im Familienkreis hat sie die Schwangerschaft verheimlicht", so Schieweck. Nach bisherigen Erkenntnissen war der Junge das erste Kind der 21-Jährigen. Offen ließen die Ermittler, wie das Baby gestorben ist - ob die Mutter ihm Gewalt angetan oder es einfach in dem Gebüsch in Tollwitz sich selbst überlassen hat. "Sie hat aber zugegeben, dass es nach der Geburt gelebt hat", so der Oberstaatsanwalt. Seit Mittwoch sitzt die Mutter in Untersuchungshaft.