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Psychotherapie Psychotherapie: Ostdeutsche warten doppelt so lange auf Termin

08.10.2011, 08:46
Wer an einer Depression erkrankt ist, benötigt professionelle Hilfe - und das möglichst schnell. Doch lange Wartezeiten auf eine Psychotherapie sind die Regel. (FOTO: DPA)
Wer an einer Depression erkrankt ist, benötigt professionelle Hilfe - und das möglichst schnell. Doch lange Wartezeiten auf eine Psychotherapie sind die Regel. (FOTO: DPA) dpa-Zentralbild

Jena/dpa. - Dasberichtet die ostdeutsche Psychotherapeutenkammer. In Sachsen,Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern schwankt diedurchschnittliche Wartezeit auf ein erstes Gespräch demzufolgezwischen 14 und 19 Wochen. «Da ist das teils monatelange Warten aufden Therapiebeginn noch nicht mit eingerechnet», sagte der JenaerPsychologe Gregor Peikert in einem Gespräch mit derNachrichtenagentur dpa.

Der Psychologe am Universitätsklinikum Jena ist Vorstandsmitgliedder Kammer, die 2800 Psychotherapeuten in den vier Bundesländernvertritt. Besonders kritisch ist nach seinen Angaben die Lage in denländlichen Regionen. Die deutlich geringere Zahl vonPsychotherapie-Praxen in den neuen Bundesländern hält Peikert füreine Folge der starren Bedarfsplanung von KassenärztlichenVereinigungen und Krankenkassen für die ambulant tätigen Praxen.

«Der offiziell genehmigte Bedarf ist praktisch seit derVerabschiedung des Psychotherapeutengesetzes 1998 zementiert, als esin Ostdeutschland noch kaum Psychotherapeuten gab.» Während imBundesdurchschnitt auf 100 000 Einwohner statistisch 25Psychotherapeuten kommen, sind es zum Beispiel in Thüringen nur 13.

Der wachsende Behandlungsbedarf halte mit dem stagnierendenVersorgungsniveau nicht mit, sagte Peikert. Seelenleiden würden heutesehr viel häufiger diagnostiziert - was auch mit der gewachsenengesellschaftlichen Akzeptanz etwa von Störungen wie Burnoutzusammenhänge. Bei AOK-Versicherten wurde im vergangenen Jahr nachDaten des Wissenschaftlichen Instituts Wido der Krankenkasse fastjeder zehnte krankheitsbedingte Fehltag durch seelische Erkrankungenverursacht.

Die langen Wartezeiten auf eine ambulante Psychotherapie sind nachEinschätzung des Experten ein wichtiger Grund für die Zunahme derKlinikbehandlungen bei psychischen Störungen. «Die Leute gehen insKrankenhaus, weil sie ambulant nicht versorgt werden», sagte Peikert.Das treibe die Kosten für das Gesundheitssystem in die Höhe. Nacheiner Analyse der Krankenkasse Barmer GEK wurden im vergangenen Jahr8,5 von 1000 Versicherte wegen seelischer Krankheiten stationärbehandelt - etwa doppelt so viel wie vor 20 Jahren.

Peikert plädiert angesichts der Entwicklung für ambulantePsychotherapien mit flexibleren Stundenkontingenten. «Bei leichtenStörungen sollten kürzere Therapien möglich sein.» Derzeit dauerteine ambulante Gesprächs- oder Verhaltenstherapie mindestens 25Stunden mit in der Regel festen wöchentlichen Terminen.

Kritisch bewertet der Psychologe das geplante Gesetz zurÄrzteversorgung. Damit will die Bundesregierung einen Ausgleichzwischen unter- und überversorgten Regionen schaffen und für Ärzteund Psychotherapeuten in überversorgten Gebieten dieZulassungsmöglichkeiten kappen. Peikert: «Es nützt in Thüringenniemandem etwas, wenn es in Baden-Württemberg wenigerPsychotherapeuten gibt.»