Professorin aus Halle über die Türkei Professorin aus Halle über die Türkei: "Man muss vorsichtig sein"

Halle (Saale) - Die Stimmung zwischen der Türkei und Deutschland ist frostig. Fast täglich attackiert Staatspräsident Recep Erdogan deutsche Politiker. Mehrere Bundesbürger wurden aus politischen Gründen inhaftiert. Trotz angespannter Lage findet bis zum 17. September am Schwarzen Meer ein internationales Kunstfestival statt, die Sinopale. Mitorganisiert wird es von der Professorin Nike Bätzner.
Sie unterrichtet an der Burg Giebichenstein in Halle und war gerade für mehrere Wochen im Veranstaltungsort Sinop, einer Hafenstadt im Norden der Türkei. Nach ihrer Rückkehr sprach sie mit Julius Lukas über die Stimmung in der Türkei und wie Kunst unter diesen Bedingungen möglich ist.
Frau Bätzner, mehrere Deutsche und tausende türkische Oppositionelle sitzen aus politischen Gründen im Gefängnis. Trotzdem veranstalten Sie die Sinopale. Haben Sie keine Angst?
Nike Bätzner: Im Vorfeld waren die Befürchtungen schon groß - auch bei unseren Förderern in Deutschland oder Schweden. Die haben uns gefragt: Wollt ihr wirklich fahren? Wir haben uns entschieden, es zu wagen. Auch, weil die Sinopale im vergangenen Jahr aufgrund des Putschversuchs in der Türkei abgesagt werden musste. Damals war die Situation innenpolitisch zu angespannt.
Seitdem hat sich die Lage aber eher noch zugespitzt.
Bätzner: Das stimmt. Aber die Bedrohung für uns haben wir als nicht zu groß eingeschätzt. Und dass diese Einschätzung richtig war, zeigte sich auch vor Ort. Die offizielle Verstimmung zwischen Deutschland und der Türkei ist in Sinop kaum zu spüren. Die Leute sind extrem offen und begeistert, dass das Festival trotz der schwierigen äußeren Bedingungen stattfindet.
Wie zeigt sich diese Euphorie?
Bätzner: Zur Eröffnung des Festivals sind hunderte Menschen gekommen. Das war eine riesen Veranstaltung. Führungen an den nächsten Tagen dauerten oft mehrere Stunden, weil die Besucher jedes Detail erklärt haben wollten. Außerdem wurde viel diskutiert - und das durch alle Bevölkerungsschichten hinweg.
Ist dieser Hunger nach Kultur und Meinungsaustausch eine Folge des repressiven politischen Systems?
Bätzner: Das kann sein. In Sinop kommt aber noch hinzu, dass die Stadt sehr alt ist und ihre Bürger schon immer ein großes Bewusstsein für ihre Tradition und Eigenständigkeit besaßen. Außerdem ist Sinop schon seit vielen Jahren eine oppositionelle Stadt. Derzeit wird sie von der CHP, einer sozialdemokratischen Partei regiert.
Anhänger der konservativen Regierungspartei AKP von Präsident Erdogan trifft man auf der Sinopale also nicht?
Bätzner: Nicht offiziell. Die Sinopale findet ja zum sechsten Mal statt. Und vor dem Putschversuch hatten wir durchaus auch mit Leuten von der AKP zu tun. Die Provinz, in der Sinop liegt, wird von einem AKP-Gouverneur regiert. Im Frühjahr 2016 wurden wir auch noch von der AKP unterstützt. Jetzt allerdings wurde jegliche Zusammenarbeit abgelehnt. Es gab keine Gespräche mehr und auch keine offizielle Genehmigung des Festivals. Es wurde schon klar gezeigt, dass mit uns nicht geredet werden soll.
Welche Auswirkungen hat das auf das Festival?
Bätzner: Es macht die Organisation komplizierter, weil zum Beispiel Geld fehlt, das uns zuvor von der Provinz zugesichert wurde. Die Lücke konnten wir durch Spenden schließen. Durch die ablehnende Haltung der AKP-Politiker wurde aber auch die Zusammenarbeit mit Nicht-Regierungs-Organisationen komplizierter.
Die Sinopale ist ein alle zwei Jahre stattfindendes internationales Kunstfestival im türkischen Ort Sinop. Die sechste Auflage war eigentlich für den Sommer 2016 geplant. Aufgrund des Putschversuches in der Türkei musste sie aber um ein Jahr verschoben werden.
Vom 1. August bis zum 17. September stellen 40 Künstler aus zwölf Ländern aus. Die Sinopale steht unter dem Titel „Transposition“, was die Veranstalter mit „Positionswechsel“ übersetzen. „Für uns bedeutet der Titel, dass man nicht dogmatisch auf dem eigenen Standpunkt beharren, sondern sich mit anderen Positionen auseinander setzen sollte“, erklärt Nike Bätzner, Kunst-Professorin aus Halle und Mitorganisatorin der Sinopale.
Wie politisch dieses Motto verstanden wird, zeigt die Arbeit des russischen Künstlers Murat Haschu. Er baute eine sehr enge, beklemmend wirkende „Osmanische Kammer“, in der ein Film über Angstzustände läuft. „Sich in einer Osmanischen Kammer mit Phobien zu befassen, während in der Türkei gerade versucht wird, das untergegangenen, großosmanische Reich wiederzubeleben, ist schon eine deutliche Aussage“, meint Bätzner.
Einen ähnlichen Ansatz wählte der deutsche Künstler Roland Stratmann. Er ließ sich Postkarten von Menschen aus Sinop schicken, auf denen sie Fragen beantworteten, wie: Was sind eure Freuden? Wie wollt ihr leben? Die Karten montierte Stratmann nebeneinander und malte mehrere Oryxantilopen darauf. Die Tiere wurden Anfang des 20. Jahrhunderts in der Türkei ausgerottet. Damals ging auch das Osmanische Reich unter. Derzeit werden die Antilopen wieder ausgewildert.
Unterstützt wurde die Sinopale unter anderen von der Kulturstiftung des Bundes, dem Goethe-Institut, der Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt, den Franckeschen Stiftungen sowie der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.
Zum Beispiel soll in Sinop ein neues Atomkraftwerk gebaut werden. Deswegen gab es dort eine starke Anti-AKW-Bewegung. Die ist jetzt kaum noch zu spüren. Die Plakate, die noch vor eineinhalb Jahren in der Stadt hingen, sind verschwunden. Und es ist ja auch klar: Keiner will für ein Plakat im öffentlichen Raum ins Gefängnis.
Durch die befürchteten Repressionen wird die Zivilgesellschaft also schwächer?
Bätzner: Es ist schon Vorsicht spürbar. Doch wir hatten beim Festival nicht das Gefühl, dass Meinungen zurückgehalten wurden. Wir konnten allerdings keine öffentlichen Plätze bespielen, stattdessen haben wir die Leute in die Höfe unserer Ausstellungsorte, also in den halböffentlichen, eher geschützten Raum eingeladen.
Dass die freie Meinungsäußerung in der Türkei derzeit unerwünscht ist, sieht man auch am Verbot zahlreicher Medien. Wie gehen Künstler damit um?
Bätzner: In der Türkei wird das Wort als gefährlicher angesehen als das Bild. Das hat mit der islamischen Tradition zu tun, die Kultur mehr über Erzählungen transportiert. Deswegen liegt auf bildenden Künstlern weniger Aufmerksamkeit als etwa auf Schriftstellern oder Journalisten. Bilder sind nicht so einfach lesbar. Sobald man mehrdeutig wird und mit Metaphern arbeitet, kann man auch kritisch werden.
Das erinnert an die DDR, wo Kritik ja auch in doppeldeutiger Kunst versteckt wurde.
Bätzner: Da gibt es durchaus Parallelen. Aber natürlich werden in der Türkei auch Künstler, die eine herausgehobene Stellung haben, beobachtet. Deswegen muss man mit direkten politischen Äußerungen vorsichtig sein.
Aber ist eine solche Zurückhaltung denn für die Sinopale-Künstler nicht schwierig?
Bätzner: Der Sinopale ging es nie darum, polemisch politisch Stellung zu beziehen. Das ist nicht die Intention. Und deswegen haben auch alle Künstler an Ideen weiter gearbeitet, die sie schon vor dem Putschversuch verfolgten. Es gab nur eine Einschränkung: keine Parolen. Anti-Erdogan-Slogans wären nicht nur gefährlich, sondern auch zu plump. Kunst muss nicht agitieren, also für politische Ziele werben. Sondern sie will sich mit der Gesellschaft kritisch auseinandersetzen. Und das geschieht bei der Sinopale.
Sie fahren Mitte September noch einmal nach Sinop. Mit welchem Gefühl?
Bätzner: Das ist ganz eigenartig. Dort war ich total euphorisch, weil alles so gut geklappt hat und auch die vorherigen Befürchtungen nicht eingetroffen waren. Jetzt, hier in Deutschland, lese ich jeden Tag vom eisigen Verhältnis zur Türkei. Die Unsicherheit ist zurück gekommen. Aber natürlich will ich das Festival zu einem guten Abschluss bringen.