1. MZ.de
  2. >
  3. Mitteldeutschland
  4. >
  5. Bürokratie lähmt Kliniken: Pflegepersonaluntergrenze - Bürokratie lähmt Kliniken: Krankenhäuser beklagen hohen Aufwand

Bürokratie lähmt Kliniken Pflegepersonaluntergrenze - Bürokratie lähmt Kliniken: Krankenhäuser beklagen hohen Aufwand

Von Stefan Simon 05.09.2019, 08:00
Alles muss ganz genau dokumentiert werden. Viele Krankenhäuser kritisieren die ausufernde Bürokratie. Die Zeit fehle dann, um Patienten zu heilen und zu pflegen.
Alles muss ganz genau dokumentiert werden. Viele Krankenhäuser kritisieren die ausufernde Bürokratie. Die Zeit fehle dann, um Patienten zu heilen und zu pflegen. www.imago-images.de

Halle (Saale) - Ein Mann wird wegen eines Herzinfarkts mit dem Rettungswagen zur Notaufnahme ins Krankenhaus gefahren. Doch der zuständige Arzt dort muss ihn in das nächste Krankenhaus schicken, denn der Mediziner darf wegen der Pflegepersonaluntergrenzen keine weiteren Patienten mehr aufnehmen. Mit der Grenze wird ein bestimmtes Verhältnis von Pflegekräften und Patienten gesetzlich vorgeschrieben.

Das ist zwar nur ein fiktiver Fall, aber solche Vorfälle können durchaus vorkommen, betonte Michael Mörsch von der Deutschen Krankenhausgesellschaft am Mittwoch bei einer Mitgliederversammlung in Halle. „Patienten wegzuschicken ist immer die schlechtere Alternative“, sagte Mörsch. „Die Untergrenzen werden von den Krankenhäusern auch mal überschritten, aber allzu oft darf das nicht passieren.“ Die Folgen wären Sanktionen für die entsprechenden Kliniken.

Personaluntergrenzen seit Januar: Zu viel Bürokratie in Krankenhäusern

Aus Sicht der Krankenhäuser verursachen die Regelungen aber auch einen viel zu hohen bürokratischen Aufwand. „Die Krankenhäuser müssen sehr genau dokumentieren, welche Pflegekraft wann da war und wie viele Patienten sie verpflegt hat“, sagte Mörsch. Unabhängige Prüfer müssen die Einhaltung der Untergrenzen bestätigen.

Kritik an dem Modell kommt auch aus Sachsen-Anhalt. Mit dem Nachweis der Pflegepersonaluntergrenzen müsse ein bürokratischer Aufwand betrieben werden, der in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen stünde, sagte Gösta Heelemann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen-Anhalt. Die rigorose Einhaltung zwinge Kliniken, sich von der Versorgung abzumelden. „Es geht darum, dass Ärzte und Pflegekräfte am Bett der Patienten arbeiten, statt immer mehr Zeit am Computer verbringen zu müssen, um Dokumente auszufüllen“, erklärte er. „Das steht im Gegensatz zu dem, was wir wollen: Patienten zu heilen und zu pflegen.“

Nach Angaben von Heelemann ist angesichts des „Wusts“ an Bürokratie aber auch zu befürchten, dass sich junge Menschen bei ihrer Berufswahl etwa - statt für die Pflege - anderweitig entscheiden und so Nachwuchs fehlt. In Sachsen-Anhalts Krankenhäusern arbeiten laut Heelemann 25.000 Pflegekräfte.

Die Personaluntergrenzen gelten seit dem 1. Januar dieses Jahres in den Bereichen Intensivmedizin, Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie. Im nächsten Jahr sollen die Neurologie und Herzchirurgie folgen. Die Untergrenzen wurden von der Großen Koalition eingeführt, um einer Unterbesetzung von pflegeintensiven Abteilungen vorzubeugen. Denn diese könne fatale Auswirkungen haben, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium.

Gesundheitsministerin zeigt Verständnis für Kritik der Krankenhäuser

Konkret sieht das so aus: Die Untergrenzen werden als maximale Anzahl von Patienten pro Pflegekraft festgelegt. Unterschieden wird dabei zwischen Tag- und Nachtschichten. In der Intensivmedizin zum Beispiel kümmert sich während der Tagesschicht eine Pflegekraft um 2,5 Patienten. In der Nachtschicht wären es 3,5. Ab 1. Januar 2021 verringert sich die Anzahl der Patienten sogar auf zwei beziehungsweise drei. Eine Pflegekraft in der Unfallchirurgie darf sich höchstens um zehn Patienten in der Tages- und um 20 in der Nachtschicht kümmern.

Landes-Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD) zeigte am Mittwoch Verständnis für die Kritik der Krankenhäuser an zu viel Bürokratie. Zugleich warb sie aber dafür, die Digitalisierung als Chance zu sehen. Zettelwirtschaft müsse aufhören, die Qualität von Leistungen aber auch dokumentiert werden. Der Ärztliche Direktor des Martha-Maria Krankenhauses in Halle-Dölau, Wolfgang Schütte, warb derweil um mehr Vertrauen für Kliniken und warnte vor einer Misstrauenskultur.

In Sachsen-Anhalt sei gegen die Untergrenze bisher nur selten verstoßen worden. Ob das so bleibe, sei aber fraglich. Denn was passiere, wenn die erste Grippewelle kommt und zehn Prozent der Pflegekräfte krank werden sollten? „Dann“, so Schütte, „müssen wir die Krankenhäuser schließen und das kann nicht nach dem Willen der Politik sein.“ (mz)