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Metalldiebe Metalldiebe: Gefährliche Gier

Von PETRA KORN UND KATRIN LÖWE 07.10.2011, 20:05
Ein Dach ist eingestürzt. (FOTO: CHRIS WOHLFELD)
Ein Dach ist eingestürzt. (FOTO: CHRIS WOHLFELD) Photo by: Chris Wohlfeld

QUEDLINBURG/MZ. - Großes Aufatmen inQuedlinburg: Acht Stunden aufwendiger Suchesind vergangen, ehe die Retter konstatierenkönnen: In einem ehemaligen Speicher, in demam Donnerstag die Decke eingebrochen ist, liegt kein Mensch unter denTrümmern. Zwei dort gefundene Jacken hattenlange Zeit Schlimmeres befürchten lassen.In einer entdeckte die Polizei die Brieftaschemit persönlichen Daten des Besitzers. "Wirkonnten Kontakt zu ihm aufnehmen und so ausschließen,dass er sich unter den Trümmern befindet",sagt Polizeisprecher Uwe Becker. Weil derMann dort oft auch andere Personen beobachtethaben will und die zweite Jacke nicht zugeordnetwerden kann, lässt die Entwarnung aber aufsich warten.

Der Blick von der Feuerwehrleiter offenbartden Rettern dafür bald, was den Einsturz verursachthaben könnte: Metallteile wurden systematischabgeschraubt oder per Trennschleifer gelöstund aus dem Gebäude entwendet. "Es sind statischtragende Teile ausgebaut worden", bestätigtam Freitag Jörg Pache, Abteilungsleiter Bauaufsichtbeim Landkreis. "Das hat das ganze Systemso geschwächt, dass es zu einem Bruch kam."Der habe zu einer Art Dominoeffekt geführt.

Die Täter haben also sprichwörtlich andem Ast gesägt, auf dem sie sitzen. Kein Einzelfall:Immer öfter bringen Metalldiebe sich und andereMenschen in Gefahr. Ebenfalls in Quedlinburggeben sie den Klau eines unter Spannung stehendenStarkstromkabels erst nach einem Kurzschlussauf. Im nahen Reinstedt strömt in einer alsHort genutzten alten Schule im August Gasaus, als Einbrecher versuchen, die Kupferrohreeiner Gastherme zu stehlen. Bis das am nächstenMorgen auffällt, ist die Gaskonzentrationso hoch, dass es jeden Moment zu einer Explosionhätte kommen können. Gullydeckel verschwindenim Land regelmäßig - mal zwölf in Greppin(Anhalt-Bitterfeld), mal 13 in Wernigerode,mal ganze 42 innerhalb von zwei Nächten inAschersleben (Salzlandkreis). Man kann wohlauch von Glück reden, dass es dadurch bishernicht zu schweren Unfällen gekommen ist.

Doch nicht immer steht am Ende das Aufatmen,dass die Katastrophe ausgeblieben ist: VorJahren ist im Salzlandkreis ein 66-Jährigerbeim Versuch gestorben, in einem TrafohäuschenBuntmetall zu stehlen. In Brandenburg findetdie Polizei vor wenigen Wochen nur noch eineverschmorte Eisensäge dort, wo Unbekannteversucht haben, ein 20000-Volt-Kabel zu zertrennen.Die Ermittler gehen davon aus, dass ein Täterschwerste Brandverletzungen erlitten hat,wenn nicht gar tot ist.

Auch die Deutsche Bahn warnt regelmäßig eindringlich,wie lebensgefährlich der Diebstahl von Kabelnoder alten Gleisen ist. Ob tatsächlich jederBahntote ein Selbstmörder ist - wer weiß dasschon so genau? Tatsache aber ist: Auch beider Bahn steigt die Zahl der Metalldiebe -trotz aller Warnungen. Um 40 Prozent schnelltendie Zahlen 2010 im Vergleich zum Vorjahr bundesweitnach oben. "Sachsen-Anhalt ist für uns einSchwerpunkt", sagt eine Bahnsprecherin. Vermutlichliege das an den längeren Distanzen zwischenden Haltepunkten, so dass sich Diebe unbeobachtetfühlen. Den 410 Fällen, die sich im Vorjahrin Sachsen-Anhalt ereignet haben, stehen 257in Sachsen sowie 59 in Thüringen gegenüber.Bei der Schadensbilanz sieht es ähnlich aus:Eine von 1,7 Millionen Euro entfiel in Mitteldeutschlandauf Sachsen-Anhalt - und damit ist alleinder Materialschaden beziffert. Der für Zugausfälleoder Schienenersatzverkehr "ist noch größer",sagt die Bahnsprecherin.

Neuere Zahlen lassen alles andere als Entspannungerkennen. Im Süden Sachsen-Anhalts sprachdie Polizei vor wenigen Tagen von 675000Euro Schaden innerhalb von fünf Monaten, hauptsächlichbei Firmen und auf Baustellen. An Bahnstreckengab es laut Bundespolizei bis August bereits465 Fälle, gegenüber den 410 im gesamten Vorjahr.Für Sprecher Torsten Henkel kommt das nichtüberraschend: "Die Rohstoffpreise sind gestiegen."Allein der für Kupfer überschritt dieses Jahrerstmals die 10000-Dollar-Marke pro Tonne.Momentan liegt er bei 7200 - immer noch mehrals doppelt so viel wie Anfang des Jahres2009.

Die Bahn reagiert auf den zunehmenden Metallklaunicht bloß mit mehr Personal, das die Streckenim Auge behält. In wenigen Wochen soll inMitteldeutschland begonnen werden, Bahnteilemit künstlicher DNA zu markieren, so dasssie beim Schrotthändler wiederzuerkennen sind.Ob es hilft, bleibt abzuwarten: Ermittlergehen davon aus, dass das unter Lebensgefahrerbeutete kostbare Metall oft nach Osteuropaverschwindet statt im deutschen Handel zulanden.