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Leute Leute: Erfolg in Aspirin-City

Von Frank Zimnol 21.09.2005, 19:06

Bitterfeld/MZ. - Die zehneinhalb Jahre bei Bayer Bitterfeld möchte Geschäftsführer Georg Frank, der Ende dieses Monats aus dem Berufsleben ausscheidet, auf keinen Fall missen. Es sei mit die spannendste Zeit in seiner Karriere gewesen, sagt der 62-jährige promovierte Chemiker. In Bitterfeld habe er erstmals in den 32 Jahren, die er in Diensten des Leverkusener Konzerns stand, die Möglichkeit gehabt, etwas völlig Neues aufzubauen. "Die Aufgabe in Bitterfeld hat mich damals sehr gereizt."

Und das, obwohl der aus dem baden-württembergischen Crailsheim stammende Frank bei Bayer bereits ziemlich erfolgsverwöhnt gewesen war. So hatte er während seiner achtjährigen Tätigkeit in den USA Blutzuckertests mitentwickelt und anschließend zur Produktionsreife geführt. Anschließend war er im Bayer-Forschungszentrum Wuppertal maßgeblich daran beteiligt gewesen, neue Anwendungsgebiete für Aspirin, das weltweit wohl bekannteste Bayer-Produkt, zu erschließen.

Aber dennoch: Bitterfeld sei etwas ganz besonderes gewesen, blickt der verheiratete Vater zweier Töchter zurück. Hier sei es darum gegangen, völlig neue Betriebe aufzubauen. Mit vollautomatisierten Anlagen und computergesteuert. 630 Millionen Euro hat der Konzern in vier Betriebe investiert und damit 800 Arbeitsplätze geschaffen. Und das in einer Region, in der die Chemie total am Boden war. Da sei es schon eine Herausforderung gewesen, Mitarbeiter, die zuvor zum Beispiel bei Orwo Wolfen Filme oder in Dessau Tonbänder hergestellt hatten, in die hochsensible Tabletten-Produktion einzuführen.

Und das ist gelungen. Der Betrieb, der Kopfschmerz- und Magenmittel für ganz Europa produziert, zum Teil sogar für den amerikanischen Markt, hat im Konzern eine Spitzenstellung inne. Frank verdeutlichte das an einem Beispiel. In Mexiko habe Bayer, zwei Jahre nach Bitterfeld, ebenfalls eine Tablettenfabrik eröffnet. Ebenso modern. "Wenn man bedenkt, dass die Lohnkosten dort erheblich unter unseren liegen, dann spricht es wohl für das Können unserer Mitarbeiter, wenn wir die Schachtel Aspirin unter dem Strich billiger produzieren als die Mexikaner", rechnete der Manager vor. Bayer Bitterfeld wird im Konzern schlicht "Aspirin-City" genannt.

Auch die Mitarbeiter der anderen Bayer-Betriebe in Bitterfeld haben sich im Konzern einen guten Ruf erworben. So sei es gelungen, Lackharze auf Wasserbasis, also frei von Lösungsmitteln, zu entwickeln, nennt Frank ein Beispiel. Und das Team des Methylcellulose-Werkes habe es geschafft, von diesem Produkt, das unter anderem für Tapetenkleister benötigt wird, erheblich mehr herzustellen.

Frank genießt weit über den Chemiepark Bitterfeld-Wolfen hinaus hohes Ansehen - ein Beleg ist sein Vorsitz im Regionenmarketing Mitteldeutschland. Nun will er nicht in den Westen zurück, sondern in Dessau wohnen bleiben.

Er freue sich darauf, morgens mit seiner Frau in aller Ruhe Kaffee trinken zu können und mehr Zeit für seine Hobbys zu haben. "Statt einmal die Woche werde ich künftig wohl dreimal Tennis spielen." Auch Radtouren - zum Beispiel nach Wörlitz - will der künftige Pensionär häufiger unternehmen.

Aber die Arbeit wird ihn wohl nicht ganz loslassen. Frank betonte schließlich auch, welch großes Vergnügen ihm seine wissenschaftliche Tätigkeit im Fachgebiet Wirtschaftschemie der Martin-Luther-Universität Halle bereite. "Deshalb werde ich meine Vortragszyklen als Honorarprofessor weiterhin halten", kündigte er an.

Außerdem wolle er Aufsichtsratsvorsitzender der in der Pharmaforschung so erfolgreichen halleschen Firma Probiodrug bleiben, um den aufstrebenden jungen Wissenschaftlern mit seinen Erfahrungen zu helfen.

Und auch wenn die Zeit bei Bayer zu Ende geht - Georg Frank wird mit dem Unternehmen im Herzen immer verbunden bleiben. Übrigens auch auf ganz spezielle Weise. Er und seine Frau sind von der heilsamen Wirkung des Aspirins so überzeugt, dass es für sie "so selbstverständlich wie das Zähneputzen" ist, morgens eine Tablette zu schlucken.