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LeipzigLeipzig: Erfolgsgeschichte beginnt mit Rollstuhl für die DDR-Plattenbau-Wohnung

Leipzig - Ob Italien, Saudi-Arabien oder Russland: Rollstühle werden überall auf der Welt gebraucht. Eine kleine Firma aus Leipzig möchte den Weltmarkt beliefern. Ihre Spezialanfertigungen sind Handarbeit.

Von Jörg Schurig 15.09.2016, 05:54
Firmenchef Sascha Kröner
Firmenchef Sascha Kröner dpa-Zentralbild

Sascha Kröner weiß alles über Rollstühle - obwohl der 41-Jährige gut zu Fuß ist. Als Inhaber der Firma Rollstuhlbau Bräunig in Leipzig kümmert er sich um ein Produkt, auf das viele Menschen nach Unfällen, Krankheiten oder im Alter angewiesen sind. „Das ist eine befriedigende Arbeit. Sie macht glücklich“, sagt der Ingenieur und verweist auf viele Dankschreiben zufriedener Kunden. Früher habe er einmal als Immobilienmakler gearbeitet: „Eine solch dankbare Kundschaft hatte ich damals nicht.“

Rollstuhlbau Bräunig Leipzig: 500 Rollstühle werden pro Jahr produziert

Pro Jahr baut Kröner mit sechs Kollegen im Schnitt 500 Rollstühle - ausschließlich Gefährte zum Einsatz in Wohnungen, Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Etwa die Hälfte davon sind Maßanfertigungen. „Ich habe festgestellt, dass Frauen mit ihrem Gewicht und der Gesäßbreite gern einmal schummeln“, sagt der Chef und schmunzelt. Deshalb schickt er die noch unfertigen Stühle bei Bedarf auch gern mal zur „Anprobe“ - selbst wenn er sie dafür quer durch Europa transportieren lassen muss.

Derzeit ist Kröner mit Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) und einer Unternehmerdelegation in Mexiko und Kuba unterwegs. Ende Mai reiste er mit Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) in den Iran. Auch nach Saudi-Arabien, Katar, Italien, Russland und Österreich hat er seine Produkte schon exportiert. Wenn er pro Jahr 50 Rollstühle an iranische Krankenhäuser verkaufen könnte, wäre er schon zufrieden: „Die Iraner sollen erstmal wissen, dass es auch maßgeschneiderte Rollstühle gibt.“ Kröner fährt gern in Länder, in denen eine Aufbruchstimmung herrscht. Vielleicht ist auch ein bisschen Abenteuerlust dabei. Das Fernweh-Gen hat ihm wohl seine Mutter vererbt - sie war in der DDR Reiseleiterin.

Anfänge zu DDR-Zeiten

Kröner kann bei seinem Geschäft auf die Erfahrungen seines Vorgängers Günter Bräunig bauen. Der Namensgeber des Unternehmens hatte damals noch als Chef im VEB Krankenfahrzeugbau Leipzig einen Auftrag aus der Wohnungswirtschaft erhalten. Es ging um die Serienfertigung eines Rollstuhls, der auch in den vergleichsweise kleinen DDR-Plattenbau-Wohnungen funktionierte. Die Leipziger entwickelten Gefährte, die zwölf Zentimeter schmaler waren als die handelsüblichen Modelle. Nach der Wende machte sich Bräunig selbstständig, 2012 übernahm Kröner die Geschäfte.

„Es geht darum, Mobilität in den eigenen vier Wänden zu erhalten“, sagt der Ingenieur. Das ist mitunter kein leichtes Unterfangen. Denn viele Wohnungen seien heute von ihren Mietern hoffnungslos zugebaut. Aber auch spezielle Belastungen müssen berücksichtigt werden. Im Krankenhaus spielen ganz andere Dimensionen eine Rolle als in einer Wohnung. Dass viele Patienten Übergewicht haben, ist ebenfalls eine Herausforderung. Im Sortiment gibt es deshalb ein verstärktes Modell.

Handarbeit und Präzisionsstahl

Die Firma setzt auf Handarbeit und Präzisionsstahl - und gibt für ihre Produkte eine lebenslange Garantie. Kröner ist davon überzeugt, dass der Rollstuhl technologisch noch nicht ausgereift ist: „Ich muss mir immer etwas einfallen lassen.“ Auch modische Aspekte berücksichtige er. Gerade bei jungen Leuten muss der Rollstuhl auch optisch etwas hermachen. Kröner vergleicht das mit der Autoproduktion. Auch bei jedem neuen Mercedes gebe es ein neues Feature: „In spätestens fünf Jahren brauche ich bestimmt an jedem Rollstuhl eine Halterung fürs Tablet“.

Aber auch am idealen Material für die Sitzfläche wird geforscht. Es soll im Winter wärmen und im Sommer kühlen. Kröner arbeitet deshalb mit Hochschulen zusammen. Für Flugzeuge wurde ein Rollstuhl entwickelt, der auch durch die 38 Zentimeter breiten Gänge kommt. Er spricht vom Lean Management - ein schlankes Unternehmen wie das seine müsse die „Entwicklung am Objekt“ betreiben, denn eine eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung könne er sich nicht leisten. 85 Prozent seiner Kunden sind 60 Jahre und älter. Auch in dieser Generation wüchsen die Ansprüche an ein passables Fortbewegungsmittel.

Axel Viehweger, Chef des Verbandes der Wohnungsgenossenschaften in Sachsen, bewegt das Thema Mobilität in der Wohnung. Denn ein großer Teil seiner Mieter ist bereits in einem Alter, in dem ein Rollator oder Rollstuhl vonnöten ist. Vor allem die Bäder seien oft viel zu klein, um sich mit solchen Hilfsmitteln bewegen zu können: „Man kommt zwar mit dem Rollstuhl gerade noch ins Bad, kann dort aber nicht mehr manövrieren.“ Viehweger hat deshalb Studien in Auftrag gegeben und Studenten mit Sensoren ausgerüstet, damit sie Bewegungsabläufe simulieren. Genau wie Kröner will er auf der Höhe der Zeit bleiben. (dpa)