Vor 100 Jahren rund um Wittenberg

Vor 100 Jahren rund um Wittenberg: Falsche Finanzbeamte unterwegs

Wittenberg - Bewaffnete Betrüger erpressen im Januar 1921 von einem Grieboer Landwirt 1.000 Mark. Abgehärtete Schwimmer eröffnen Saison am 10. Januar.

Von Karina Blüthgen
Im Haus Nr. 3 der Coswiger Straße hatte die Firma Knoke und Giesecke Eisen und Eisenwarenhandlung ihr Geschäft.

Januar 1921 - Es waren raue Zeiten, die das Jahr 1921 einläuteten. Waffen waren nach diversen Unruhen offenbar noch reichlich im Umlauf. Und sie wurden bedenkenlos eingesetzt, um Menschen einzuschüchtern und sich deren Hab und Gut anzueignen. Ein dreister Erpressungsversuch wurde am 4. Januar im Wittenberger Tageblatt aus Griebo vermeldet.

Einige Tage zuvor war bei Landwirt Giese ein Auto mit zwei Männern vorgefahren. „Beide gaben an, vom hiesigen Finanzamt zu kommen und seien beauftragt, da sie in Erfahrung gebracht, daß G. 38.000 M. in seiner Wohnung verborgen hatte, das Geld zu beschlagnahmen. Da sich G. weigerte, Geld herauszugeben, setzte einer der beiden Giese einen Revolver auf die Brust und gelang es ihm, auf diese Weise 1.000 M. zu erpressen“, so der Ablauf.

Das Auto war von einem Wittenberger Fuhrunternehmer gestellt und gefahren worden, der die beiden nicht kannte. Er zeigte sich letztlich froh, nicht selbst Auto oder Leben eingebüßt zu haben.

Bereits am 28. Januar konnte das Tageblatt berichten, dass die beiden „Beamten des Finanzamtes“ gefasst worden waren. „Es sind zwei Angestellte des hiesigen Elektrizitätswerkes“, hieß es. „Bei einer vorgenommenen Haussuchung wurde die Aktentasche mit dem Revolver und verschiedene andere Sachen vorgefunden.“

Inhaftierter flieht

Die Flucht des inhaftierten Karl Schöne aus Piesteritz ließ mit der Meldung der Wittenberger Allgemeinen Zeitung am 11. Januar aufhorchen. Der Mann war wegen etlicher schwerer Einbrüche, unter anderem in die katholische Kirche, im Dezember festgenommen worden, „aber wegen schwerer Lungentuberkulose vorläufig dem städtischen Krankenhaus zugeführt“. Am 9. Januar brach er aus den Krankenhaus aus, man warnte vor seiner Gefährlichkeit.

Da konnte keiner ahnen, dass sich die Lage wenig später dramatisch zuspitzen würde. Am 19. Januar vermeldete das Tageblatt, was sich am Tag zuvor ereignet hatte. Da sollte der steckbrieflich verfolgte Schlosser Schöne in seiner Wohnung verhaftet werden.

„Als die beiden Landjäger Seifert und Voigt seine Wohnung betreten wollten, wurde er angerufen: Hände hoch. Statt dessen feuerte er auf die beiden Landjäger, wobei er einen durch einen Lungenschuß niederstreckte. Der zweite Schuß traf den zweiten Landjäger durch Steckschuß.

Hierauf flüchtete er durch das Kammerfenster nach der am Kirchhof gelegenen Schonung, verfolgt durch mehrere Sicherheitsbeamte. Da ihm ein Entrinnen nicht möglich war, schoß er sich eine Kugel in die rechte Schläfe.“

Die Überfälle wurden immer brutaler und skrupelloser. Am 12. Januar beschrieb die Allgemeine einen solchen bei Eutzsch zwei Tage zuvor. Ein Schuhmacher, der auf der sonst belebten Straße mit dem Fahrrad von Pratau nach Eutzsch fuhr, wurde am Abend „von drei Wegelagerern überfallen. Er erhielt einen Revolverschuß durch den Oberschenkel, wodurch er zum Absteigen gezwungen war, dann nahmen ihm die Räuber das Rad weg und veranlaßten ihn unter Drohungen mit dem Revolver, schleunigst davonzugehen.“

Dagegen kam die kirchliche Statistik für das Jahr 1920, veröffentlicht am 4. Januar, sehr nüchtern daher. Sie wies für den Stadtbezirk und die westlichen Vororte 369 Trauungen aus, 652 Kindstaufen und 481 gestorbene Personen. Interessant ist der Vergleich zur Statistik von 1820. Damals wurden 47 Paare getraut und 359 Kinder geboren, Todesfälle wurden 195 gezählt.

Ein Schwan für den Teich

Erfreuliches gab es in tierischen Angelegenheiten zu berichten. „Den Bemühungen unseres Herrn Ersten Bürgermeisters Wurm ist es gelungen, einen Schwan vom Zoologischen Garten in Halle kostenlos zu erhalten“, so das Tageblatt am 16. Januar. „Der Schwan ist gestern hier eingetroffen und soll morgen auf dem Schwanenteiche ausgesetzt werden. Es steht zu hoffen, daß nunmehr allmählich die Zahl der Schwäne auf den früheren Stand gebracht werden wird.

„Sie können die Zeit nicht erwarten“, schrieb die Allgemeine am ll. Januar über drei Mitglieder des Wittenberger Schwimmvereins von 1912. „Sie erledigten das für den 5. Mai angesetzte Anschwimmen bereits gestern nachmittag bei etwa 4 Grad Wassertemperatur.“

Aus Coswig berichtete die Allgemeine am 19. Januar: „Wie mitgeteilt wird, ist der Betrieb der in Coswig seit 1878 bestehenden Zündholzfabrik Heintz und Bischof an die Stahl und Nölke A.-G., Cassel, übergegangen. Als Direktor und Leiter des Werkes wurde der bisherige Mitinhaber Dr. Fr. Bischof bestellt. Außer dem Betrieb der Firma Heintz und Bischof in Coswig sind inzwischen auch die Zündholzfabriken in Aken und Bad Schmiedeberg in den Besitz der Stahl und Nölke A.-G. übergegangen.“

Auch ein Firmenjubiläum stand im Januar an. Am 21. Januar 1921 bestand die Firma Knoke & Giesecke, Eisen und Eisenwarenhandlung, 75 Jahre. „Die Uranfänge des Geschäftes liegen noch hundert Jahre weiter zurück, denn schon im Jahre 1731 gründete Gottfried Giese das Geschäft als Material- und Eisenwarenhandlung“, so die Zeitungen über die Firmengeschichte.

Nach Gieses Tod blieb das Geschäft in der Familie, 1828 übernahmen es zwei Brüder Giese, die es zusammen mit Friedrich Zürkler als Firma Gebrüder Giese bis 1831 weiter führten. Nach der Trennung der Eisen- und Kurzwarenhandlung vom Materialwarengeschäft führte Friedrich Zürkler das Unternehmen weiter bis zu seinem Tod 1844. „Seine Witwe ist Therese Zürkler geb. Giesecke, von der die Gründer der jetzigen Firma die Eisen- und Kurzwarenhandlung mitsamt dem Hause am 21. Januar 1846 übernahmen.“

Keine Heizung - keine Schule

Gründlich schief ging in Bad Schmiedeberg der erste Schultag des neuen Jahres, so die Allgemeine am 11. Januar: „Die zum Unterrichtsbeginn erschienenen Kinder mußten wieder nach Hause geschickt werden, da die bisherige Schulaufwartung den Dienst eingestellt hatte und daher weder die Feuerung besorgt noch die notwendige Reinigung der Klassen erledigt war.“

Zum Nachlesen

Zwei Tageszeitungen können für die Zeit vor hundert Jahren in Wittenberg und Umgebung ausgewertet werden. Dies sind das Wittenberger Tageblatt, das neben seiner Funktion als Tageszeitung auch amtlicher Anzeiger ist, und die Wittenberger Allgemeine Zeitung. Einsehen kann man beide Zeitungen im Ratsarchiv der Stadt Wittenberg, Juristenstraße 16.

Das Stadtarchiv