SPD-Besuch in der Lichtenburg

SPD-Besuch in der Lichtenburg: Gedenk-Ort mit Dimension in Prettin

Prettin - Sachsen-Anhalts SPD-Landtagsfraktion besucht die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg in Prettin. Was die Politiker dort erfahren.

Von Ute Otto

Vor ihrer Sitzung am Nachmittag in Pretzsch hat die SPD-Fraktion des Landtags Sachsen-Anhalt die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin besucht. „Wir möchten damit dazu beitragen, dass diese Gedenkstätte bekannter wird“, sagt der Pressesprecher der Fraktion Martin Krems-Möbbeck. „Ein Großteil der Abgeordneten ist noch nicht hier gewesen.“

Wegen seiner Abgelegenheit steht dieser Gedenkort in der Wahrnehmung der EuthanasieGedenkstätte Bernburg, der KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge oder der jüngst vom Bundespräsidenten eröffneten Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe nach. „Dabei war Prettin im System der Konzentrationslager ein ganz wesentlicher Ort“, erläuterte Gedenkstättenleiterin Melanie Engler.

Die Lichtenburg gehörte zu den größten frühen Konzentrationslagern. Ab 13. Juni 1933 wurden zunächst Männer hierher gebracht, die vom Tag der Machtergreifung Hitlers an als so genannte „Volksfeinde“ grundlos verhaftet und vielfach in Hinterzimmern und Kellern der SA-Sturmlokale festgehalten und gequält worden waren.

Viele Prettiner Häftlinge wiederum wurden später verlegt an Orte wie Buchenwald oder Sachsenhausen, wo sie selbst die Barackenlager aufbauen mussten, die bis heute als Sinnbild für die vom Regime der Nationalsozialisten verübten Gräueltaten stehen. In Prettin sind nicht minder Menschen gedemütigt, gequält und zu Tode gebracht worden, weil sie nicht ins Regime passten, wegen „Rassenschande“ oder Homosexualität oder weil sie Juden, Sinti und Roma waren.

1928 war das ehemalige Prettiner Zuchthaus geschlossen worden, weil es den Ansprüchen als Staatsgefängnis nicht mehr reichte. Für die Unterbringung entrechteter KZ-Häftlinge waren marodes Gemäuer ohne Sanitäreinrichtungen gut genug. „Für die Stadt Prettin wurde die Einrichtung des KZ als rettender Engel gepriesen“, so Melanie Engler.

Es ist dokumentiert, das Firmen Häftlinge als Arbeitskräfte anforderten, sich Bauern die Kloake aus den Latrinen des KZ als Dünger auf die Felder bringen ließen, von Häftlingen, die vor die Karren gespannt waren wie Pferde. „Häftlingszüge auf dem Weg zur Zwangsarbeit waren Alltag in der kleinen Stadt“, sagt Engler.

Die Abgeordneten zeigten sich beeindruckt von der Dimension. Ob es nach 1945 eine Aufarbeitung der Rolle der Stadt im Zusammenspiel mit diesem KZ gab, wollte Holger Hövelmann wissen. „Es gab damals keine substanzielle Auseinandersetzung“, ist sich Engler sicher.

Bei der Führung macht sie deutlich, dass die gesamte Schlossanlage als KZ genutzt wurde. Das Erbe der Renaissance und das des NS-Regimes seien also eng verwoben. Dem müsse man sich im künftigen Nutzungskonzept stellen.

Wie abgelegen Prettin ist, hatten einige Politiker bei der Anreise festgestellt. „Wir haben fast drei Stunden gebraucht“, entschuldigt Angelika Kolb-Janssen, das Zuspätkommen. „Die Erreichbarkeit der Lichtenburg mit öffentlichen Verkehrsmitteln müsste besser werden“, das würde laut Engler die Arbeit voranbringen.

Sonntag geöffnet

Bis zu 4.000 Besucher verzeichnet die KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin „in normalen Jahren“, informiert Leiterin Melanie Engler. Nach der Corona-Zwangspause im Frühjahr kämen hauptsächlich Einzelbesucher. Statt der monatlichen Führung bietet die Einrichtung derzeit an jedem zweiten Sonntag (als nächstes also am 11. Oktober) und jedem letzten Sonntag im Monat jeweils von 13 bis 17 Uhr Sonderöffnungszeiten an. (mz)