Rückkehrertag in Wittenberg

Rückkehrertag in Wittenberg: Die Heimat ruft

Wittenberg - Erster Rückkehrertag im Landkreis Wittenberg wird ein voller Erfolg. Über 500 Menschen informieren sich im Stadthaus über Jobs in der Region.

Von Marcel Duclaud 28.12.2017, 13:56

Gegen 11 Uhr stoppt der Personen-Zähler bei 210. Da währt der erste Rückkehrer-Tag des Landkreises Wittenberg gerade mal eine Stunde. Das Angebot von Wirtschaftsförderungsgesellschaft Anhalt-Bitterfeld/Dessau/Wittenberg, Agentur für Arbeit und Landkreis ist ein voller Erfolg.

Das ist offensichtlich. An den Tischen im Stadthaus, wo die Unternehmen Position bezogen und Informationsmaterial ausgelegt haben, stehen die Interessenten: manchmal sogar in einer Schlange, um an die Reihe zu kommen - bei SKW Piesteritz zum Beispiel.

Die Initiative, die vor dem Hintergrund des Mangels an Fachkräften in etlichen Unternehmen der Region ins Leben gerufen worden ist, stößt auf erstaunliche Resonanz. Was natürlich nicht zuletzt dem Termin zu danken ist. Viele jener, die einst fortgegangen sind aus der Heimat und noch Wurzeln hier haben, kommen an den Weihnachtstagen zu Besuch. So mancher kann sich offenkundig vorstellen, komplett zurückzukehren.

Oliver zum Beispiel. Der gebürtige Wittenberger ist in die Schweiz umgesiedelt, vor sieben Jahren. Er hat dort als Schreiner gearbeitet, in einer sehr schönen Landschaft. Er und seine Kollegen bauen alte Holzställe zu Ferienhäusern um, beispielsweise. Dass er sich die Rückkehr vorstellen kann, hat mit Bindungen zu tun: „Ich vermisse Wittenberg.“

Nicht zuletzt wegen der alten Freunde. Bei ihm sind die Rückkehr-Pläne schon ziemlich konkret. „Ich habe hier ein kleines Grundstück erworben.“ Jetzt sucht er den Job dazu. Die Veranstaltung im Stadthaus kommt ihm gerade recht.

Bei Steffen Mende sieht die Sache ein bisschen anders aus. Der Mann aus Griebo ist nicht wirklich weggegangen und war trotzdem kaum zu Hause. Er arbeitet auf Montage, als Selbstständiger. Die Familie sieht er wenig: „Mein Sohn ist acht, er fragt immer öfter, wann ich wieder nach Hause komme. Da fließen manchmal Tränen.“

Steffen Mende sucht eine feste Stelle in der Region: „Ich bin flexibel, habe einen Metallberuf gelernt und war im Ladenbau tätig.“ Für ihn ist das Angebot im Stadthaus eine gute Gelegenheit, um sich zu informieren und Kontakte zu knüpfen.

Knapp 30 Unternehmen beteiligen sich an dem Tag, der die Option Rückkehr in die alte Heimat schmackhaft machen soll. Etwa der Newcomer Tesvolt, der Stromspeicher entwickelt und produziert, ein Zukunftsmarkt: „2014 haben wir mit drei Leuten begonnen, inzwischen sind wir 35“, bemerkt Mathias Zdzieblowski.

Rückkehrer-Tage wie der am Mittwoch in Wittenberg sind keine neue Erfindung. Im vergangenen Jahr fand einer in Bitterfeld statt, mit erheblicher Resonanz, die im Stadthaus allerdings locker geschlagen wurde (270; 527). Gestern sind ähnliche Veranstaltungen auch in Zerbst, Dessau und Bitterfeld-Wolfen über die Bühne gegangen - rund 100 Unternehmen offerierten rund 300 Jobs.

In Wittenberg haben sich knapp 30 Unternehmen beteiligt, die etwa 80 Arbeitsplätze im Angebot hatten. Geboten wird potentiellen Rückkehrern übrigens ein Rundum-Paket. Soll heißen: Das Wohnungsunternehmen Wiwog war im Stadthaus ebenso vertreten, um über die Wohnungslage zu informieren, wie der städtische Bildungsträger Kommbi, der Kita-Plätze offerierte.

Er berichtet von weltweiten Projekten, die von der Alpenhütte bis zum Pumpwerk in Ruanda reichen. „Wir brauchen Spezialisten und sind an dem Punkt, wo die eigenen Netzwerke nicht mehr ausreichen.“ Fünf freie Stellen bietet die Firma, Rückkehrer hält Zdzieblowski für besonders interessant.

Traditionsbetriebe sind im Stadthaus natürlich ebenfalls vertreten: Blume Förderanlagen zum Beispiel. Gesucht werden Fachleute mit Erfahrung in der Branche, nicht ganz einfach zu finden, wie Manager Klaus-Dieter Eckert einräumt. Die Stammbelegschaft komme in die Jahre, ein Phänomen, das für zahlreiche Unternehmen zur Herausforderung wird. Verjüngung tut not.

Eckert ist angetan vom Rückkehrertag, spricht von vielversprechenden Interessenten und sagt: „Ich habe wirklich nicht mit so großer Resonanz gerechnet.“ Allerdings, gibt er zu bedenken, sind die Rückkehrer oft auch nicht gerade die jüngsten.

Kurz vor 11 Uhr bereits vier Bewerbungen in der Tasche hat Marcus Lauchstaedt. Er ist Personalchef im Eisenmoorbad Bad Schmiedeberg und freut sich über den Zuspruch im Stadthaus.

Die Entscheidung zur Teilnahme sei goldrichtig, die anfängliche Skepsis überflüssig gewesen: „Wir haben Personalbedarf in so ziemlich allen Bereichen, suchen für sofort oder perspektivisch.“ Mediziner seien ebenso willkommen wie beispielsweise Therapeuten oder ein IT-Administrator.

Die Heimat gibt sich Mühe, sie will ihre Kinder zurück, auch weil sie sie braucht. Am Ende werden 527 Besucher gezählt. Wirtschaftsförderer Harald Wetzel ist verblüfft: „Wir sind völlig überrascht von dem Zuspruch.“ (mz)