Filmvorführung in der LichtenburgFilmvorführung in der Lichtenburg: Ewiger Statist nun in der Hauptrolle

Prettin/Wittenberg - Was „Majubs Reise“ von Eva Knopf über Rassismus bis in die heutige Gesellschaft lehrt.

Von Ute Otto 24.10.2020, 10:51

Für ihren Einstieg in den Film, um den es Donnerstagabend in der Veranstaltung der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin im Wittenberger Phönix geht, hat dessen Schöpferin Eva Knopf drei Denkmale der deutschen Kolonialzeit im damaligen Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) aus einem Lager des Hamburger Planetariums ans Licht bringen lassen.

Die Plastiken zeigen einen deutschen Feldherrn mit Tropenhelm, einen Askari - ein Soldat der aus Einheimischen rekrutierten kaiserlichen Schutztruppe - und einen getöteten Löwen unter einem Leichentuch, der Reichskriegsflagge.

Kindersoldat für den Kaiser

Denn in der Kolonialzeit beginnt „Majubs Reise“, die dem Film den Titel gibt. Schon als Neunjähriger ist der Afrikaner wie sein Vater Soldat in der von Generalmajor von Lettow-Vorbeck befehligten Schutztruppe, die im Ersten Weltkrieg für das deutsche Kaiserreich kämpft. Der Vater fällt.

Majub arbeitet zunächst in Sansibar als Lehrer, heuert 1925 als Kellner auf einem Schiff der deutschen Ostafrika-Linie an und kommt so 1929 nach Berlin, um den ausstehenden Sold für sich und seinen Vater einzufordern, dazu das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. Beides wird ihm vom Außenministerium verwehrt, es könnte ein Präzedenzfall geschaffen werden.

Man will ihn nach Afrika zurückschicken, aber der Mann lässt sich unter dem Namen Mohammed Husen in Berlin nieder, arbeitet als Kellner im „Haus Vaterland“. Wegen seines exotischen Aussehens stellt man ihn für die dortige „Wildwestbar“ ein.

Es ist die Zeit der neokolonialistischen Bewegung in Deutschland, die mit der Heroisierung der Eroberer deutscher Kolonien einher geht, der Stoff für die Filmindustrie. In „Die Reiter von Ostafrika“ bekommt Husen seine erste Statistenrolle.

Als Diener, Chauffeur, Liftboy ist er im Folgenden an der Seite der Großen wie Zarah Leander, Heinz Rühmann und Hans Albers zu sehen. Seine Rollen sind als devote, primitive oder schlitzohrige Charaktere angelegt, ein Wilder eben, den man bändigen und erziehen muss.

In Wirklichkeit ist Husen ein intelligenter und stolzer Mann, einer, den die Frauen mögen. Und er ist keineswegs devot, er fordert ein, wovon er überzeugt ist, dass es ihm zusteht. Den Orden, der ihm verwehrt wird, heftet er sich selbst an die Brust, wahrscheinlich hat er ihn sich aus dem Filmfundus beschafft.

Wahrscheinlich würde man, wenn man die Filme in voller Länge sieht, Husen in seinen Statistenrollen kaum beachten. Durch Hervorhebungen mit Musik, Wiederholungen und Zeitverzögerungen bringt Eva Knopf ihn in den Vordergrund.

Den treuen Askari spielt Husen allerdings nicht nur im Film, sondern auch bei realen Aufmärschen des Kolonialkämpferbundes. Und er gibt an der Universität Unterricht in Suaheli für die Kolonisten von Morgen.

Kein Happy End

Hat er sich „vor den Karren spannen lassen“, wie es Kai Langer, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, im Publikumsgespräch formuliert? „Es sind die Rollen, die man ihm zugewiesen hat“, sagt die Filmemacherin, die mit Laura vom „Netzwerk (un)Sichtbar Women of Color Magdeburg“ und dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby im Podium sitzt.

Husen hätte nie die Chance bekommen, eine Hauptrolle zu spielen. Man will ihn ja nicht einmal in der Wehrmacht haben, als er sich nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges freiwillig meldet. 1941 wird er wegen „Rassenschande“ ins KZ Sachsenhausen gesteckt, wegen einer Affäre mit einer Deutschen. Dabei ist Husen seit 1934 mit einer Sudetendeutschen verheiratet. Man braucht ihn nicht mehr. Der Traum von einer neuen deutschen Kolonialmacht ist ausgeträumt. Der M... hat seine Schuldigkeit getan.

Redensarten wie diese sind Relikte der Kolonialzeit, die bis heute in unserem Alltagsgebrauch verankert sind, ohne dass uns der rassistische Hintergrund bewusst wird. Für Melanie Engler, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Lichtenburg Prettin, ist es wichtig, solche Zuschreibungen aufzuspüren und sich damit auseinanderzusetzen.

Ein Sich-Erheben über Menschen anderer Hautfarbe ist es auch, von ihnen Dankbarkeit zu fordern, dass sie in Deutschland etwas werden konnten. Diaby und Laura können ein Lied davon singen. „Ich muss nicht dankbar sein“, sagt Diaby. Neben Respekt und Anerkennung von Leistung wünschen sich die Vertreterin des Magdeburger Netzwerkes und ihre Mitstreiterinnen, ernst genommen zu werden mit ihren Diskriminierungserfahrungen.

Christoph Krause aus Bad Schmiedeberg will den Film von Eva Knopf, der zu später Stunde in einem dritten Programm des Öffentlich-Rechtlichen lief, im Studiokino der Kirchengemeinde zeigen. „Auch unsere Kirche ist kolonial geprägt“, sieht der pensionierte Pfarrer in seinem Umfeld die Notwendigkeit der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte.

Lebensdaten

Bayume Mohamed Husen wurde 1904 in Daressalam, Tansania, geboren. 1929 kam er nach Berlin, wo er als Kellner, Kleindarsteller und Sprachlehrer arbeitete. Im Januar 1933 heiratete er die Sudetendeutsche Maria Schwandner. Sie zogen zwei gemeinsame Kinder und einen Sohn aus Husens früherer Beziehung auf. 1944 starb er im KZ Sachsenhausen.

Majubs Reise war 2013 der Diplomfilm von Regisseurin Eva Knopf an der Filmakademie Baden-Württemberg. „Die wenigen Quellen zu Mohamed Husen haben ihren Ursprung ausschließlich im Kolonial- und NS-System. Ich stand in dem Dilemma, zeige ich die Bilder oder nicht. Dann hätte ich die Geschichte nicht erzählen können“, sagt sie. (mz)